Oktoberfest die ganze Zeit
von Patrice Lipeb
Eine Wohnung in Leipzig. Pistorius und ich sitzen am Küchentisch. Ich trinke Rotwein. Er schlürft Tee und schnäuzt sich. Ist komisch, einen Freund über sein Doppelleben auszufragen. Noch seltsamer, darüber zu schreiben. Dass Pistorius anschaffen geht, war mir kein Geheimnis. Vor ungefähr fünf Jahren kam er eines Nachts in den Laden. Schlimm verfeiert fabulierte er irgendwas über Waschbären – aber eben auch übers Anschaffen. Ich machte Bar und hörte zu. Ich glaube, es war gleich an unserem ersten Abend, als er mir von Weihnachten erzählte. Ich habe ihm versprochen, die Einzelheiten für mich zu behalten. Nur soviel: Er schilderte ein episches familiäres Desaster Homer‘schen Ausmaßes. Meiner Kenntnis nach war dieser Weihnachtsabend das letzte Mal, dass Pistorius mit seinen Eltern sprach. Ich für meinen Teil nenne ihn seit diesem Abend meinen Freund.



