Interview: Sex ist mein Beruf

Oktoberfest die ganze Zeit

von Patrice Lipeb

Eine Wohnung in Leipzig. Pistorius und ich sitzen am Küchentisch. Ich trinke Rotwein. Er schlürft Tee und schnäuzt sich. Ist komisch, einen Freund über sein Doppelleben auszufragen. Noch seltsamer, darüber zu schreiben. Dass Pistorius anschaffen geht, war mir kein Geheimnis. Vor ungefähr fünf Jahren kam er eines Nachts in den Laden. Schlimm verfeiert fabulierte er irgendwas über Waschbären – aber eben auch übers Anschaffen. Ich machte Bar und hörte zu. Ich glaube, es war gleich an unserem ersten Abend, als er mir von Weihnachten erzählte. Ich habe ihm versprochen, die Einzelheiten für mich zu behalten. Nur soviel: Er schilderte ein episches familiäres Desaster Homer‘schen Ausmaßes. Meiner Kenntnis nach war dieser Weihnachtsabend das letzte Mal, dass Pistorius mit seinen Eltern sprach. Ich für meinen Teil nenne ihn seit diesem Abend meinen Freund.

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Christmas Carol (alternate version)

Emil und die Korrektive

von Michael Fürch

Dieses Leben ist ein verkehrtes und schreckliches, nicht zum Aushalten.
– Søren Kierkegaard: Entweder-Oder (1843)

Ich bin 13 Jahre alt und heiße Ngunoue. Ich lebe in Kongo-Kinshasa. In einem Dorf. In der Nähe von Likasi, das ist die nächste größere Stadt. Hier ist gerade Regenzeit. Bei Emil schneit es. Heute ist ein Brief von ihm gekommen. Ein Foto ist auch dabei. Darauf ist ein Baum zu sehen, der hier nicht wächst. Er hat kleine grüne Nadeln statt Blätter. Es ist weißes Pulver auf den Ästen. »Das ist Schnee«, schreibt Emil in dem Brief.

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Reißig und Völker müssen reden (15)

Richard Wagner war auch nur ein Linker oder die Ratte in der Jacke

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe begaben sich Rising Reissig (Arzt) und Timm Völker (Patient) in den Palast von Rising, um dort ihre erotische Reise fortzuführen. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchen RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe zu bleiben und gegen den inneren Drang,  Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie in diesem Kampf gegen sich selbst den Sieg davon getragen haben, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

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Das unsterbliche Licht

von Sebastian Denda

Hast du schon einen Tannenbaum? Das sagt man in Brandenburg, wenn man das Thema wechseln möchte, weil es einem zu nahe geht. Wie schreibe ich denn nun über Weihnachten? Etwas, das sich alle ersehnen, aber sich kaum einer mehr zu hoffen traut – daß es etwas so Schönes gibt, wie Christbaumschmuck und die schönen pausbäckigen Gesichter zum Fest Und Friede auf Erden, wie es bei Karl May heißt (Winnetou IV).

H E I L I G A B E N D! Heilig‘s Blechle. Weiße Weihnacht, das sind die Plattencover aus DDR-Zeiten mit Schnee auf verrußten Arzgebirchs-Katen und das ist, daß daran keiner mehr so recht glauben mag. Ja, was ist denn dieses Weihnachten? Ist es das Fest der Liebe oder nicht etwa Frust und der Wunsch nach Rebellion? Bei manchem gibt es Weihnachten jedes Wochenende. In der Nase. Doch das ist nicht die Antwort auf die Frage, wie wir Lebensfreude und Miteinander befördern könnten.

G L A U B E , L I E B E , H O F F N U N G ! Der Wein ist teuer, die Zeit ist knapp. Zapp zerapp. Spaß beiseite, so einfach ist das mit dem sich alles schön saufen ja nun auch nicht mehr. Und so schön ist es, zu meckern dann auch nicht. Auch nicht, wenn man besoffen ist.

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Tipp

Durch kurz vor Redaktionsschluss spontan enstandenen Freiraum erdreistete sich unsere Layouterin, sich diesen einfach zu eigen zu machen. Ausstellung >>Umständliche Maßnahmen<< noch bis Ende Dezember, im Neuen Schauspiel Leipzig / Tante Manfred. Und dort kann man am Tresen auch Postkarten erwerben. Aber auch via Mail: klara.spunk@gmail.com

Kein Ort Nirgends

abendländische Dämmerung

oder: Die Havarie findet statt

von Klara Spunk

Demmeringstraße. Häufig besuchtes Stück Asphalt, beinahe immer komplett, von vorn bis hinten, von Angerstraße bis S-Bahn-Gleis, amplitudig täglich. Auch: Grundstein penetranter Wortwitzelei, die hinter meiner Stirn trompetet, sobald sich der Tag dem Ende neigt. It’s dämmering. Heute nur ein sonniger Umweg vorm Einkaufen, dem verkümmerten Vitamin-D-Haushalt auf die Sprünge helfen.

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