Interview: Ich war mal früher keen Feiner!

Ansichten eines Menschen

von Patrice Lipeb

Prolog

Herbstiges Wetter. Ein verdammt grauer Morgen im September vor dem Westwerk. << Keine Sonne – keine Cola >>. Ist komisch, hier zu sein! Über die Jahre ist das Westwerk für mich zu einer horriblen Manifestation sowohl kultureller als auch persönlicher Verluste geworden. Angefangen mit dem wunderschönen Spielort des THEATERPACKS auf dem Seitenhof, der einem Getränkelager der Firma Egenberger weichen musste, über die Schließung des glorreichen Westpol Airspace zugunsten einer Billardhalle mit dem bescheuerten Namen Mensa sowie der nachfolgenden Schließung, respektive Vertreibung von Feigen & Dart, dem Plattenladen, dem SUB-LAB, zahlreichen Ateliers und Proberäumen. Diese höchst subjektive Auflistung zerstörter und ehemals lebenswerter Orte meiner unmittelbaren Nachbarschaft ist wahrscheinlich unvollständig. Den vorläufigen Tiefpunkt erreichte dieser gentrifiziöse Negativ-Prozess jedenfalls in der Eröffnung der Konsum-Filiale 2019.
Es ist komisch, hier zu sein, mit all den schönen Erinnerungen. Aber es passt zum Grund meines Besuchs. Denn ich bin hier für ein Interview mit Hugo, einem verlebten Endfünfziger mit sonnenverbranntem Gesicht und Schäferhund – nach eigener Aussage aus ostdeutscher Züchtung. Eigentlich wollte ich Hugo schon in der letzten Ausgabe zur Wahl befragen. Aber irgendwie haben wir uns ständig verpasst.

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Periodensystem der Trennelemente

Gruppe 1: Verbindungsfehler

von Michael Fürch

I.
Rote Punkte haben ihre Strümpfe, das kleine Gesicht: so müde. Viertel nach sieben, auf dem Weg zur Schule, freitags, die Woche war lang. Mit dem Rücken zu ihr: die Schwester, ein Pferd aus Plüsch und speckig lugt aus dem Ranzen heraus. Ganz zärtlich, als hätte das Stofftier Angst, streichelt sie die Mähne, küsst sanft das Ohr, flüstert Worte voll Trost, schmiegt sich an, spendet und findet Wärme. Einige Menschen in der Tram blicken zu Boden, offensichtlich tief gerührt, sie möchten vermeiden, dass jemand dies sieht.

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Kein Ort nirgends

Gehören und dazugehören wollen

von Markus Pohle

L-Markt, abgehalfterter Ku‘damm meiner Träume! Platz der Himmlischen Sieben auf der Gitterbank, Times Square fürs Grobe, Tahrir der Unbefreiten, schrulliges Dreieck mit mangelnder Begrünung. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hattest du noch nicht mal ein Kaufland. Es war Winter und es ist neun Jahre her. Es schneite so stark, dass ich von meiner zweitklassigen Komfortzone am Adler zu Fuß gehen musste, weil Manfred und Jörg von den LVB ihre frisch frisierten Tatra- Bahnen nicht mit vollgepinkeltem Schnee verunreinigt haben wollten, der den Leuten von den Schuhen schmolz, sobald sich hinter ihnen eine Tür schloss.

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Reißig und Völker müssen reden (13)

Ich bin total friedlich, seitdem ich lebensbejahende Drogen genommen habe

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe begaben sich Rising Reissig (Arzt) und Timm Völker (Patient)auf die Waclaw-Dumnyrowery-Gedächtnis-Terrasse über dem ehemaligen Restaurant „Dr. Seltsam“, um dort ihre erotische Reise fortzuführen. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchen RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe zu bleiben und gegen den inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie in diesem Kampf gegen sich selbst den Sieg davon getragen haben, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt.

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