VORSCHAU: Sprachlos mit/ohne Worte

Der Cut-up-Guru William S. Burroughs brachte uns mit seiner »Academy 23« einen wundersamen Ort des mentalen Widerstands näher. In dieser Einrichtung lernt man nicht, wie gegen Windräder, Braunkohletagebaue, zu wenig Gehalt oder Umvolkung zu kämpfen ist – hier wird der Feldzug gegen die Sprache trainiert. Wie Viren (from outer-space?) fräst sie sich vom Kleinhirn übers Rückenmark in die geballte Faust und schafft somit Fakten. Auf dem Lehrplan der Akademie steht: 1. Misstraue der Sprache, 2. Richte die Sprache gegen die Sprache selbst, 3. (und konsequent): Gib sie ganz auf. Ziel: Sich vom allumfassenden Brainwash zu befreien. Schöne Idee. Gerade im März, wenn Buchmesse und Lesungen an allen Ecken der Stadt meinen, uns eine Woche lang tonnenschwere und vermeintlich wichtige Textergüsse aufs Auge zu drücken. Kommunikationsstreik wäre demnach mal schick. Keine Hasstexte mehr in Kommentarspalten, keine hysterisch-getriggerten Überreaktionen darauf, kein Heidi-Klum-Gekreische bei GNTM. Einfach nur gepflegt das Maul halten und den Mund stattdessen zum Küssen benutzen. Wir gehen mit gutem Beispiel voran und hoffen, ihr, werte Leserin und Leser, bleibt uns zärtlich gewogen.

Die Ausgabe 03/20 erscheint am 2. März 2020

Parabelflug

Lektion in Demut

von Michael Fürch

Ende Vierzig schätze ich sie. Das schließe ich aus den grauen Haaren und den Falten an ihrem Hals, ein Anblick, der an Truthähne erinnert. Vor ihrer Brust, in diesem inzwischen omnipräsenten Baumwoll-, Jute- oder Leinensack, trägt sie wohl ein Baby. Frisch geschlüpft und sehr, sehr klein, da nichts zu sehen ist von dem winzigen Wesen – für mich in diesem Moment.

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Reissig und Völker müssen reden (16)

Uhrglasnägel und Korntrauma

Ab heute wird alles anders, sagten sich Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient). Ab dem Jahr 2020 wird ihre Konversationsreihe im Podcast-Format erscheinen, ungekürzt und erfüllt vom blechernen bis vollen Klang ihrer Stimmen. Hier können Sie den Beginn des Gesprächs zum Ausgabenthema  “Vorsätzlich golden” finden. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten Rising und The Völk auch diesmal, fokussiert zu bleiben und dem inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, nicht nachzugeben. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen? Finden Sie es heraus!

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noch besser kunst: georg hilburger

Georg Hilburger: „A low life icon“ „Go, said the bird: human kind cannot bear very much reality.“ Das künstlerische Schaffen (gleichzusetzen mit dem autobiografischen Wirken) des „Anti“-Künstlers und gegenwärtigen Möchtegern-Pharmakologen Georg Hilburgers ist vermutlich nicht mehr und nicht weniger als eine potentiell universalgültige Reflektion des Zustands der Menschheit selbst: Es erscheint dort konstruiert, wo zufällig zusammengewürfelt und wirkt  dort beliebig, wo bewusst inszeniert.

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Gold für Farbenblinde und Lesende

von Markus Pohle

Die Federboas täuschen. Ihre Komplizen sind die Zigarettenspitzen, die Charleston und Swing tanzenden Gutgelaunten, die Jugendstilchen und die ästhetischen Sachlichkeiten. In der Rückschau malt die deutsche Geschichte ein Bild der 1920er Jahre, deren angeblicher Goldanstrich nun allerseits zur haltlosen Annahme führt, dass es hundert Jahre später auch wieder vorsetzlich golden zuzugehen hat, in den Farben der Berliner Cafehäuser und Tanzlokale, in denen die Dichter und Denker für ein paar Pfennige den lieben langen Tag dünnen Kaffee aus Porzellanschälchenoder ein Viertelchen Schnaps tranken. Die Frauen schnitten sich die Haare ab, ließen die Taillenkleider im Schrank und verdienten sich als Tippse in einer der aberhunderten neuen Handelsketten, die jungen Männer wurden vom konservativen Anstandsdebakel zum Dandy und entledigten sich des gezwirbelten Vorkriegsschnorres.

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Jahreshoroskop 2020

von marma ayurveda

Frohes Neues!

Das neue Jahr – 2020 – ist das Jahr des Steinbocks. Das 10. Zeichen des Tierkreises steht für erdiges Durchhalten und langfristige Ziele. Der Herrscher des Steinbocks Saturn ist ein nüchterner, spaßfreier Arbeiter. Er ist der Adorno unter den Himmelskörpern – ernst und genussfeindlich.

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à propos

goldrausch

von Andy P. Scholz

Was ich denke? Interessiert dich das? An fast schon ganz in die Knie gegangene Lagerfeuer und zerknieten Sand und an kniende Erwartung unter goldkörnigem Mond am strömenden Fluß denke ich, und an all den bebilderten Wild-West-Mist, und an dich, jetzt übermüdet und aufgeregt im Bett… Und dass dort im Westen vor Jahren nichts und jetzt nichts weniger als viel von dem ist, was los ist, wenn man jung sagt, da ist was los und dass ich also so goldig war, mein Herz als Sieb in das nachtlichtleuchtende kontingente Wasser der Lützner hielt und schüttelte und dumm guckte, als ich plötzlich in gesprächstollem Kneipengeruch dich vorgestern wiedersah und, und das ist so ne Geschichte mit dir:

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Abzeitz vom Westen (2)

von Michael Schweßinger

Zeitz ist nun offiziell geil. Das ging schnell. War es doch gerade noch fast Geisterstadt (Deutschlandfunk) und Lost Place (SPIEGEL TV). Dank sei dem Sat.1-Frühstücksfernsehen und dem Promi-Container-Sternchen Theresia Fischer, die sich entsann, dass sie auch mal aus Zeitz kam und nun was gegen die  Imageprobleme tun möchte. Gegen ihre oder die von Zeitz, fragte ich mich da doch insgeheim. Den fehlenden Instagram-Account für die Stadt und den passenden Hashtag #zeitzistgeil gab es gleich noch als Geschenk obendrauf. Unter dem grünlilanen Logo, das eher ein wenig an Geiz ist geil erinnert, sollen nun die »positiven Vibes« der Stadt zusammenlaufen. Meine Google-Recherche nach der neuen Zeitzer Geilheit führt dann zwar schnell zu »Omasex«, »Mädchen junge ficken Zeitz« oder »Analspülung preiswert« und anderen verstörenden Assoziationswelten, aber sie werden schon wissen, was sie da tun.

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Neuro Bureau

Selbstzweifel als Mischung aus Atheismus, Wissenschaft, Aufklärung und Kapitalismus

von Georg Alfred Paul Dieter Reißig

Ab sofort ist das Standort West (SOW) auch eine neurowissenschaftliche Zeitschrift. D.h. jetzt ist Schluss mit der Unterhaltung, jedenfalls auf den nächsten zwei Seiten, jetzt wird beim Konsum unserer Zeitschrift gelernt. Denn ohne Kenntnis des eigenen Gehirnes wird das Nichts mit den goldenen 20ern und dem
Wohlstand und der Selbstermächtigung und Selbstoptimierung und weiß der Teufel, was noch alles.

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