Neuro Beuro

Geschlecht und Reife

Von Georg Reißig

Eigentlich hatte ich schon wieder gar keine Lust mehr auf diesen NEURO-BEURO Kram. Ich wollte ja ursprünglich aufklärerisch Erkenntnisse über die Pubertät (siehe Überschrift) unter das Volk bringen. Dann war ich faul, prokrastinierte bei einem Film »Tiger Girl«. Dann war ich von dem Film total fasziniert und wollte einfach nur schreiben: »Schaut Euch den Film an, dann wisst Ihr alles über das junge Erwachsenen-Dasein!«

Dann wollte ich noch dazu schreiben: »Seht Euch, wenn Ihr noch nicht genug habt von der Adoleszenten-Nummer, den anderen Film von dem Regisseur namens »So was von da« an oder lest lieber gleich das Buch von, ich glaube, Tino Hanekamp«. Dann ging ich erst mal schlafen, stand auf, fuhr zum Bahnhof, stieg in den Zug nach Plauen im Vogtland, ging ein bisschen Arbeiten, fuhr zurück zum Bahnhof, oberer Bahnhof übrigens, sehr steil, der Weg dahin. Kurz bevor der Zug kam, rief mich der Kollege aus dem Kulturbüro an, der mir auch o.g. Buch von Hanekamp geliehen hatte. Er erzählte mir am Ende des Gesprächs, dass er darüber nachgedacht hatte, dass er sich ja schon als Teenager ausgegrenzt gefühlt hatte, das ganze in Halle/Saale, BRD und ob er eine andere Haltung entwickelt hätte, sagen wir keine so schwammig westdeutsche, wenn er eher geboren worden wäre und man ihn in – sagen wir Halle/Saale, DDR – ausgegrenzt hätte.

Da dachte ich mir, jetzt muss ich doch ran mit der Pubertätssache, weil das ein guter Beitrag zu dieser ebenso uralten wie brandaktuellen Diskussion mit der Ausgrenzung ist.

Ich denke, dass unser Grundproblem in Nordeuropa die Deklaration der Menschenrechte ist. Seitdem müssen wir die Anderen respektieren, müssen mit allen über alles diskutieren, müssen Entscheidungen der Anderen akzeptieren und müssen, was am schlimmsten ist, über unser Leben ständig selbst entscheiden, und wehe, es klappt nicht. Es wurde und wird uns als höchstes Ideal unsere bzw. die FREIHEIT hingestellt. Und es darf keine Könige, Generäle, Kindergärtnerinnen, Religionen und sonstige Unterstellungen geben, weil, dann sind wir eingeschränkt in unserer FREIHEIT. In dem verständlichen Wahn, alles zu verdammen, was unfrei macht, haben unsere Vorfahren gleich mal noch die Natur mit in den Topf zu den Feinden geworfen. Seitdem gilt es als völlig unakzeptabel, die in uns wirkende Natur anzuerkennen. Konsequenterweise wählt der überwiegende Teil der Schüler in Deutschland Biologie als Schulfach ab. Ich als jemand, der aus einem undemokratischen Schulsystem kommt, muss immer sehr lachen über den Gedanken: Biologie abwählen. Ich stelle mir dann vor, dass ich mit der Abwahl sofort versteinere oder zum Roboter werde.
So, hier ist jetzt die letzte Möglichkeit, BIOLOGIE mal wieder abzuwählen.

Okay, war meines Erachtens die richtige Entscheidung, diesmal nicht gegen die Natur zu stimmen und weiter zu lesen. Ich als Mensch mit Biologie-Abitur und noch zwei Jahren Universitäts-Biologie dazu werde versuchen, es so einfach wie möglich zu machen. Die geneigten Leser (und Leserinnen, Anm. der Redaktion) werden allerdings feststellen, dass die Natur es sich immer so einfach wie nötig macht. Wenn wir gerade bei der Natur sind, noch ein Grundgedanke, ohne den das folgende unverständlich bleibt. Die Natur existiert nicht, die haben wir erfunden, genauso wie Haustiere, und genauso wie Haustiere versuchen wir ständig die Natur zu vermenschlichen und zu verniedlichen. Und mit ihr zu sprechen. Die Natur ist aber, abgesehen davon, dass sie so, wie wir uns das denken, nicht existiert, weder menschlich, noch niedlich und auch nicht gesprächsbereit. In dieser Natur sind wir ein durchlaufender Posten, so etwa wie die Umsatzsteuer in einer Firma, bloß dass WIR nichts gegen rechnen können. Die Pflanzen stehen rum, können vor uns nicht wegrennen, wir rupfen sie aus der Erde oder zerschneiden sie und essen sie. Dann verdauen wir sie, kacken und pinkeln und da wachsen wieder Pflanzen draus. Die Pflanzen machen Sauerstoff und brauchen Kohlendioxid, wir brauchen Sauerstoff und machen Kohlendioxid. Na und so weiter. Grundsätzlich nur ein ständiges Hin- und Her-Schichten von Biomasse. Ganz nebenbei hatten sich im Laufe der Veranstaltung NATUR Eiweiße zu Erbinformationen zusammengeschlossen und fingen an, miteinander herumzuexperimentieren. Und so werden seit Millionen von Jahren immer neue Blüten, Blätter, Beine, Arme, Zehennägel, Ohrläppchen und weiß der Teufel was noch erfunden. Der Witz ist, dass das ganze einfach nur Selbstzweck einer so nicht existierenden Natur ist und das der/das/die Einzelnen keine Rolle spielen, sondern nur irgendeine Hauptsache neue Erbinformation und das Ding mit der Biomasse-Umschichtung.

Und warum soll das nun ausgerechnet beim Menschen anders sein? Klar, weil er von Gott abstammt. Tut er aber nicht. Der Mensch ergibt sich aus zwei Erbinformationen, die unter welchen Umständen auch immer zusammentreffen und eine neue solche gründen. Jetzt noch ein bisschen Pflanzen quälen, kacken gehen und der Job ist getan. Schön wär‘s. Anstatt artig in der Höhle zu bleiben, fingen ein paar Affen an, ihre Gehirne mutieren zu lassen, dies an einer total einfachen, aber für den Fortgang unserer Geschichte absolut genial notwendigen Stelle. Bei allen andren Affen schunkelte das Erwachsenwerden einfach so vor sich hin. Nachdem die Affen-Kindheit vorbei war, kamen so nach und nach die Hormone ins Spiel, aus den Affenkindern wurden Affen-Männer und Affen-Frauen, alsbald gab es neue Affenkinder. Alles ganz entspannt in der Höhle oder eine Höhle weiter. Unsere speziellen Affen tanzten ein klitzekleines Dingschen aus der Reihe. Es kam in deren Gehirnen zum kleinen Auseinanderdriften zwischen dem Erkennen und Einschätzen der Welt und der Selbstbelohnung durch gute Gefühle, wenn mal was geklappt hatte. Das Erkennen und Einschätzen der Welt geriet so ein bisschen ins Hintertreffen, die Selbstbelohnung mit den guten Gefühlen bekam für eine Weile die Oberhand, das ganze unter der Überschrift: »Neue und andere Höhlen, oder was ganz anderes und Sex«. Und so gelang es den etwas auseinandergedrifteten Affen, keine Angst aus Vernunft aufkommen zu lassen, wider besseres Wissen die Höhle zu verlassen und loszustürzen, einfach dem Spaß (siehe Selbstbelohnung) hinterher. Das nennt man Pubertät. Ich erwerbe unter dem Ansturm meiner Sex-Hormone die irrationale Möglichkeit und vor allem die Energie, mich von den guten Ratschlägen und Ängsten meiner Eltern und von meinen Ängsten zu lösen. Dass das Ganze eine Menge Opfer fordert und gefährlich ist, merken die daran direkt Beteiligten insofern, dass sie gerne auch mal für ein großes Gefühl ihr Leben riskieren. Dazu gibt es ganze Literatur- und Filmgattungen. Ich verweise hiermit auf »Rebel without a cause“ mit James Dean.

Dabei sollte beachtet werden, dass Adoleszente nicht per se unfähig sind, rationale Entscheidungen zu treffen, sondern dass in emotionalen Situationen (zum Beispiel bei Anwesenheit von Gleichaltrigen, bei Aussicht auf Belohnung) die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass Belohnung und Emotionen stärker die Handlung beeinflussen als rationale Entscheidungen.
Von daher könnte es evolutionär sinnvoll sein, dass während der Adoleszenz ein kognitiver Stil, der besonders sensitiv für sozial-affektive Reize und flexibel hinsichtlich der Anpassung von Zielprioritäten ist, optimal für die sozialen Entwicklungsaufgaben in dieser Lebensphase ist. Das heißt auch, dass das erwachsene Gehirn nicht per se das optimale funktionelle System darstellt und dass die Adoleszenz nicht als defizitärer Zustand betrachtet werden kann.
So steht es im Deutschen Ärzteblatt, 2013 Ausgabe 25, Seite 425 bis 431, die beiden Zitate sind aus einer Übersichtsarbeit zur Pubertät.

Mir gefällt vor allem die Formulierung, dass das erwachsene Gehirn eben nicht das optimale System darstellt. In meiner Vorstellung war der Plan, falls es überhaupt einen gab, als Kind alles mögliche zu lernen, ab dem 14. Lebensjahr, das unwichtige davon zu vergessen, schleunigst laut lachend mit Kumpelinnen und Kumpels die Höhle zu verlassen, ein bisschen surfen, tanzen und Drogen nehmen gehen, nebenbei rumzuvögeln und zufrieden mit 21 Jahren zu sterben, um mit dem nunmehr nicht mehr optimalen erwachsenen Gehirn nicht weiter im Wege rumzustehen. Ich empfehle in diesem Zusammenhang den jüngeren Lesern (und Leserinnen, Anm. der Redaktion) einen Blick auf den demographischen Lebensbaum unserer Gesellschaft. Ihr werdet zwanglos feststellen, dass in allernächster Zeit der überwiegende Teil unserer nordeuropäischen hart arbeitenden, Auto fahrenden, wie wild konsumierenden, die falschen Parteien wählenden bzw. überhaupt wählenden und größtenteils übergewichtigen Bevölkerung in den Biomasse-Kreislauf eingehen wird. Bis dahin empfehle ich ein oder zwei Volkshochschul-Kurse Biologie. Und Sex, Drugs und Rock and Roll. Soll nochmal einer sagen, Biologie wäre langweilig.

Viel Erfolg wünscht GAPDR.