Reissig und Völker müssen reden (16)

Uhrglasnägel und Korntrauma

Ab heute wird alles anders, sagten sich Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient). Ab dem Jahr 2020 wird ihre Konversationsreihe im Podcast-Format erscheinen, ungekürzt und erfüllt vom blechernen bis vollen Klang ihrer Stimmen. Hier können Sie den Beginn des Gesprächs zum Ausgabenthema  “Vorsätzlich golden” finden. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten Rising und The Völk auch diesmal, fokussiert zu bleiben und dem inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, nicht nachzugeben. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen? Finden Sie es heraus!

Ein Raum mit blumentapezierten Wänden, ein Teppich, ein Holzstuhl, ein Hocker. Darauf Rising Reißig (RR) und Timm Völker (TV). Vor beiden jeweils ein Mikrofon auf einem Stativ. Ein Beistelltisch bedeckt mit einem Versace-Tuch, darauf ein Glas mit Whisky und eine gelbe Keramiktasse mit unbekanntem Inhalt.

TV: Reißig und Völker müssen reden. Zum ersten Mal Audio. Und Rising trinkt zum Furz einen Mellow Corn.
RR macht schnabulierende Geräusche: Mellow Corn.
TV: Und eben bei der Tonprobe hat er sich selbst gehört und war ganz erregt von sich. Aber das passt ja auch zu unserer erotischen Reise durchs NBL-Haus und endlich nach so vielen Jahren… Rising schaut mich schon ganz erwartungsvoll an…
RR lacht: Ich fühle mich so fixiert von dir.
TV: … haben wir endlich unser Domizil gefunden…
RR: Sibsilfutz.
TV:…das Büro für Kultur und widernatürliche Unzucht.
RR: Das Mikrofon sieht so komisch aus, wenn man lange drauf guckt… ah nee, okay. Worüber reden wir?
TV: Das Thema der Ausgabe des Standort West, mit diesem Magazin sind wir ja assoziiert, ist…
RR: Von Sebastian Denda und lautet „Vorsätzlich Golden“.
TV: Ist es so, hat Sebadenda das erschaffen?
RR: Jaja, ich saß daneben. Sebadenda hat sich das ausgedacht.
TV: Wann war das?
RR: Bei der letzten Redaktionssitzung.
TV: Wo?
RR: Im Vereinsheim des Kultur und Kunstvereins „Besser Leben“.
TV: Ah ja, davon habe ich schon mal gehört.
RR: Vorsätzlich Golden…
TV: … ist das Thema.
RR: Ich weiß aber nicht mehr, wie wir drauf gekommen sind.
TV: Hat es vielleicht was damit zu tun, dass äääääääääää. Macht ein gurrendes Geräusch das durch vibrieren des Kehlkopfzäpchens erzeugt wird.
RR: Na, Vorsätze – wegen wegen dem neuen Jahr.
TV: Vorsätze, okay, vorsätzlich.
RR: Vorsätzlich.
TV: Und „golden“ wegen den goldenen Zwanzigern?
RR: Ah, genau.
TV lässt begleitet von einem gutturalen Geräusch Luft aus seinem Magen über den Mund entweichen.
RR: Es ist beides irgendwie doof, oder?
TV: Ach naja… Also, mein Vorsatz fürs neue Jahr ist, dass ich mich nicht immer über alles empöre, zumindest nicht immer gleich nörgele und so meinem Ossitum ein bisschen entgegenwirken kann. Mir fällt zu dem Thema auch direkt etwas ein. Ich habe gestern den Film „Der Goldene Handschuh“ (von Fatih Akin nach dem Buch von Heinz Strunk, Anm. des Transkriptors.) gesehen, da geht es um so den Serienmörder Fritz Honka und da muss ich gleich mal ein bisschen nörgeln, weil der natürlich in dem Film sächsisch gesprochen hat.
RR: In echt, also die historische Person?
TV: Ja, und der Schauspieler hat die Rolle in einem sächsischen Dialekt vorgetragen, der natürlich für uns aus dieser Region Stammenden nicht ganz echt klingt. Aber ja, dieser äußerst brutale Frauenmörder hat einen sächsischen Dialekt. Und ich dachte mir, dass ist gut so, denn dann wissen die Westdeutschen gleich, wie wir hier alle drauf sind. Denn die haben dem ja nicht ohne Absicht diesen Dialekt gegeben.
RR: Aber das war ja damals nicht Ostdeutschland.
TV: Natürlich war das damals schon die DDR, das war in den Fünfzigern. (Des 20. Jahrhunderts, Anm. des Transkriptors.)
RR: Ach, in den Fünfzigern?
TV: Sechzigern, nein siebzigern. 1970 bis ’74 hat er geschlechtet, geschächtet, ich… äh, lacht… geschlachtet meinte ich.
RR: Da haben sie den also rausgeschmissen aus der DDR und nach Hamburg geschickt, damit er da Leute umbringt?
TV: Nicht ganz. Wenn ich es richtig verstanden habe, kam er aus Leipzig. Als Kind ist er aber, nachdem seine Familie auseinander gebrochen ist, zu einem Pflegevater gekommen, der ihn vergewaltigt hat und mit dem Traktor über seine Hände gefahren ist.
RR: Bitte was? Mit dem Traktor über die Hände gefahren? Lacht. Mit den Vorderrädern oder mit den Hinterrädern?
TV: Wahrscheinlich wohl beides.
RR: Wie sahen die Hände dann aus?
TV: Seine Hände sahen sehr interessant aus. Die waren ganz breit und dick. Und seine Fingernägel hatten kein normales Nagelbett, mit einem runden Ansatz und die Nägel an sich sind ganz doll gewölbt.
RR: Aber das können auch Uhrglasnägel gewesen sein, was bedeutet, dass er Herzkrank war.
TV: Erzähle bitte mehr.
RR: So brachte man es uns im Studium bei. Gewölbte Nägel können ein Indiz für eine Herzkrankheit sein. Und der Name „Uhrglasnägel“ rührt daher, dass du bei alten Taschenuhren auch diese Wölbung hattest, da die Festigkeit des Glases sonst nicht gewährleistet war.
TV: Es ist also nicht die Nagelhaut, die sich zurückzieht sondern der Nagel der sich wölbt. Sich vorsätzlich wölbt.
RR: Haha, aber war der denn so eine Art Schläfer, den man in den Westen geschickt hat, um Leute zu töten, wie so ein Terrorist?
TV: Vielleicht haben sich die Leute in Hamburg das so zurecht gelegt. Ich war auf jeden Fall leicht empört und dachte so OR NEE, dass der so nen sächsischen Akzent hat. Ahmt die Filmfigur Honka nach: „Na hier, darf ich so noch auf ei Glas einladn?“ während alle um ihn herum im Hamburger Schnak daherkamen.
RR: Gibt es da eine Synchronisation ins Englische oder Französische?
TV: Das weiß ich nicht.
RR: Da kann man doch drauf klicken im Netz.
TV: Ich sah den Film an einer Stelle, wo das nicht ging.
RR: Ja okay. Auf der Toilette? Vorsätzlich Golden.
TV: Genau, „Der Goldene Handschuh“ hieß dieser Film und so heißt auch die Kneipe in der die Hauptfigur immer verkehrt und Randexistenzen aufsammelt.
RR: Das klingt ein bisschen nach dem Noch Besser Leben.
TV: Ja genau, als ich den Film sah, war ich doch mehr oder weniger schwer erinnert an die erotischen Räumlichkeiten dieses Hauses. Alle waren natürlich die ganze Zeit besoffen.
RR: Das ist ja nicht unüblich.
TV: Es wurde ein bisschen getanzt, sich in de Armen gelegen, es wurde sich geprügelt.
RR: Mh, schön.
TV: Aber alles noch ein bisschen siffiger als im NBL und der Hauptunterschied war, dass dort alle Korn tranken, hier wird ja eher Wodka konsumiert.
RR: Wir haben hier in der Ex-DDR auch so ein Korntrauma.
TV: Das interessiert mich jetzt aber sehr. Darf ich dazu ein paar Sätze ausführen?
RR: Zum Korn? Ja.
TV: Bei mir ist es so, dass ich nie in meinem Leben viel Korn getrunken habe. Ich hab die Band KoЯn früher gehört und hatte auch vor zwei Jahren noch mal so eine Phase, wo ich im Mondschein im Schneidersitz die ersten beiden Alben hörte, die sehr gut sind. Aber ich habe nie Korn getrunken.
RR: Ich dachte immer die Band heißt KOAN, weil die das R rumgedreht haben.
TV: Koran?
RR: Ko-An, wie bei den Japanern.
TV: Koan. jemand aus Westdeutschland würde den Namen der Band vielleicht so aussprechen.
RR: Als Koan wird eine Aufgabe bezeichnet, die dir ein buddhistischer Priester gibt. Sowas wie: „Zeige mir das Gesicht deiner Eltern vor ihrer Geburt“ oder „Was ist der Schall einer klatschenden Hand“ oder…
TV: Wie klingt meine Hand, wenn sie auf dein Gesicht trifft.
RR: Haha. Die hatten doch das R immer verkehrt herum.
TV: Es müsste doch, wenn man es kyrillisch liest, KO-JAN heißen, denn das umgedrehte R ist doch das „JA“ im Russichen, bzw. Kyrillischen.
RR: Ja. Also das Korntrauma.
TV: Genau. KoЯn ist ne super Band, das erste Album und „Life is Peachy“ richtig geil, danach wird’s n bisschen poppig, aber das ist auch okay. Ich habe, wie bereits gesagt, nie viel Korn getrunken, aber in diesem Film wurde ständig und sehr viel Korn getrunken. Und nur beim Anblick dessen wurde mir schlecht.
RR: Ja, verstehe ich.
TV: Ich kann das nicht trinken, aber es ist nicht so, dass ich mich mal an Korn übertrunken hätte. Bei mir ist es kein Erinnerungstrauma. Das einzige, woran ich mich jetzt in diesem Moment gerade erinnere, ist, dass ich mal einen kleinen Proberaum in Halle-Diemitz hatte und auf diesem Gelände wohnte auch der polnische Gastarbeiter Roman. Und manchmal kam Roman in den kleinen Proberaum um meiner Band oder mir ein bisschen zuzuhören. Und da hatte er immer eine kleine Schnapsflasche dabei.
RR: Mit Korn?
TV: Genau. Und davon habe ich einmal getrunken und dann wurde mir schlecht und sofern ich mich richtig entsinne, bekam ich auch eine Nierenentzündung. Was aber auch daran gelegen haben könnte, dass es Winter war, der Proberaum nicht beheizt und ich bei jeder Temperatur immer nur eine Hüftlange Bündchenjacke getragen habe. Einige Zeit später hatte ich mal wieder eine Kater und mir war schlecht. Ich saß auf dem Klo rum und wollte mich übergeben, aber nichts konnte den Würgereflex auslösen. Also habe ich eine kleine Kornflasche in meiner rechten Hand imaginiert, habe diese imaginierte Flasche zu meinem Mund geführt und daraufhin kam der befreiende Schwall aus mir heraus.
RR: Das hast du dir doch ausgedacht.
TV: Nein, das ist mein real existierendes Korntrauma. Aber jetzt bitte ich dich, als mündigen Bürger der ehemaligen DDR, vom Nationalen Korntrauma zu berichten.
RR: Die Krönung der Ostdeutschen Brennkunst war Nordhäuser Doppelkorn. Und mich schüttelte es immer am ganzen Körper, wenn ich den trinken musste. Mit 14, 15 musste ich auf den Parties der Jungen Gemeinde immer Bier trinken und es gab Korn dazu. Sternburg und Nordhäuser. Und dann hat es mich immer so geschüttelt.
TV: Aber waren dass nicht einfach die sexuellen Wallungen, die dich als Jugendlicher in der Jungen Gemeinde durchwallt haben?
RR: Nein, die sexuellen Wallungen waren eher ein Fließen. Das weiß ich noch.
TV: Erklär’ doch mal den Unterschied.
RR: Das Kornschütteln fand unter den Schulterblättern statt und war kurz. Und die Wallungen, die waren eher wie so ein Regenwurm, wenn er kriecht. Der innere Regenwurm. Mir fällt gerade wieder ein, wie damals das Bier in der Jungen Gemeinde in Fässern gekauft wurde. Die Fässer waren auch noch aus Holz. Dann wurden die auf so einen Sägebock gestellt, unten aufgeschraubt und dann lief das Bier raus. Da hat man sich drunter legen, den Mund aufmachen müssen und dann lief das Bier rein.
TV: Wirklich, also, echt, also wo?
RR: Die Junge Gemeinde ist die Jugendorganisation der evangelischen Kirche. Bei der Thomaskirche war ich gewesen. Die Junge Gemeinde war im Pfarrhaus, 50 Meter neben Stasi-Zentrale und Thomaskirche. Und da wurden die Bierfässer rangeholt. Aber ohne Druckpatronen, die haben sie uns damals nicht gegeben. Also mussten die Fässer hingelegt werden mit dem Loch nach unten und dann kam das Bier da raus.
TV: Und das lief dann die ganze Zeit und immer musste eine oder einer drunter liegen?
RR: Ja, genau. Man konnte es aber auch zuschrauben.
TV: Ihr hattet damals auch keine Gläser, oder?
RR: Doch hatten wir, aber es war Teil des Rituals, die Gläser nicht zu benutzen.
TV: Ging da auch Bier daneben?
RR: Ja, da ging sehr viel Bier daneben.
TV: Ihr habt doch dann alle nach Bier gestunken und wart ganz naß.
RR: Aber Hallo!
TV: Habt ihr euch dann ausgezogen?
RR: Das habe ich vergessen.

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