Parabelflug

Lektion in Demut

von Michael Fürch

Ende Vierzig schätze ich sie. Das schließe ich aus den grauen Haaren und den Falten an ihrem Hals, ein Anblick, der an Truthähne erinnert. Vor ihrer Brust, in diesem inzwischen omnipräsenten Baumwoll-, Jute- oder Leinensack, trägt sie wohl ein Baby. Frisch geschlüpft und sehr, sehr klein, da nichts zu sehen ist von dem winzigen Wesen – für mich in diesem Moment.

Spätes Mutterglück am Stück, denke ich. Dort unterhalb meines Balkons, auf dem ich sitze, Gedichte lese und rauche – was heutzutage unkorrekt bis unmöglich ist, beides – schnippe Asche in den Himmel von Lindenau und imaginiere dabei eine Urne, die über dem Atlantik entleert wird.

Etwas anderes fällt herab. Eine goldgelbe Baby-Mütze. Verloren liegt sie auf dem Gehweg. Unbemerkt von der Mutter, nur bemerkt von mir. Ich will ihr zurufen, dass ihr etwas abhandengekommen ist, von ihrem Glück. Doch ich schweige, während Frau und Brustbeutelinhalt in eine Seitenstraße einbiegen. Ich weiß nicht, warum ich dies mache, überlege, lange, ohne Ergebnis, bis sie schließlich aus meinem Blickfeld verschwinden und mir ein schlechtes Gewissen als Andenken hinterlassen. Ich hätte eingreifen müssen, denke ich. Handeln müssen, schließlich bin ich aufgrund meiner gottgleichen Adlerperspektive im Besitz eines Wissens, das anderen – im konkreten Fall hier: der Mutter – nicht zugänglich ist. Die Mütze. Das Baby. Der kalte Kopf. Leid, Schmerz. Und ich: dafür verantwortlich.

Nein, ich greife nicht ein. Etwas in mir fordert dies. Mit der Macht des Lächelns. Es ist, wie es ist. Ich nehme es an. Und so, wie es ist, ist es gut.

Passanten flanieren die Straße entlang. Jene mit Smartphone als Erweiterung ihres Egos bemerken die Mütze nicht, die nun verlockend wie ein Citrin leuchtet, da sich die Sonne für einen kurzen Augenblick blicken lässt – ein Umstand, der mich traurig macht und nur gelindert wird durch die Tatsache, dass sie auf ihrem Weg das unschuldige Kleidungsstück nicht noch mit Füßen treten.

Es ist ein  älteres Paar, das einen Unterschied macht. Er erklärt ihr gerade wortreich in sächsischem Englisch, was es mit Multiple-Choice-Fragebögen so auf sich hat, sie nickt voller Bewunderung über sein immenses Alltagswissens – dann fällt ihr Blick auf die Mütze. Kurzes Innehalten. Fragezeichen. Strategisches Überlegen. Emotionales Handeln. Also spießt sie die Mütze vorsichtig auf einen Ast des Buchsbaums am Gehweg, gut sichtbar, in Augenhöhe, mehr kann man nicht tun, kann sie nicht tun, gerade jetzt. Alles andere wird sich ergeben und zeigen.

Nach einer Zeit, die ich nicht einschätzen kann, zeigt sich die späte Mutter. Sie kommt aus der Richtung, in der sie verschwunden war. Statt ihres grauen Hinterkopfes sehe ich ein Gesicht aus dem alle Freude entwichen und sich Verzweiflung breit gemacht hat, Augen, die suchen und nichts finden – bis sie den Buchs streifen, dann die Mütze, ein Anblick, der das Herz beruhigt. Beherzt greift sie zu. Ich bekomme den flaumigen Kopf des Kindes kurz zu sehen. Immer wieder ein schöner Anblick, denke ich, bevor er goldig-gelb umhüllt wird.

Voller Vertrauen.