noch besser kunst: georg hilburger

Georg Hilburger: „A low life icon“ „Go, said the bird: human kind cannot bear very much reality.“ Das künstlerische Schaffen (gleichzusetzen mit dem autobiografischen Wirken) des „Anti“-Künstlers und gegenwärtigen Möchtegern-Pharmakologen Georg Hilburgers ist vermutlich nicht mehr und nicht weniger als eine potentiell universalgültige Reflektion des Zustands der Menschheit selbst: Es erscheint dort konstruiert, wo zufällig zusammengewürfelt und wirkt  dort beliebig, wo bewusst inszeniert.

Mit unerbittlichem Nachdruck und gewissenhaftem Eifer arbeitet Georg Hilburger seit 36 Jahren an seiner Autobiografie und doch scheitert an ihr das zeitgenössische Ideal des bis in zum Äußersten selbstkontrollierten Subjekts. Krankheit, Drogen, Ekstase, Tod, Liebe, Sucht, Verfall, Rausch; eine Welt, konstruiert aus diesen Versatzstücken, muss  derart arrangiert wirken, dass sie ihre Konturen verliert und der Gegenwart entgleitet. Dennoch sehen wir fotografische Momentaufnahmen, und das nicht ohne Grund: Bei näherer Betrachtung trägt die an Standbilder eines Kinofilms erinnernde, inszeniert wirkende Biografie mehr Wahrhaftigkeit, als eine bürgerliche Gesellschaft im Streben nach minimalem Kontrollverlust ihrer sachrational funktionierenden Einzelteile gutheißen kann. Realität ist mit den Mitteln des menschlichen Verstandes nicht abzubilden, was er erschafft, weist stets Zeichen seiner eigenen Unzulänglichkeit auf. Wahrhaftigkeit kann nur im Rausch liegen, in der individuellen Bewusstseinswahrnehmung, zeitlich unbegrenzt und frei wandelbar, der Sinn nur im Blödsinn und das Paradies nur in der Bedeutungslosigkeit, solange die Suche der Menschheit erfolglos andauert.

Doch individuelle Bewusstseinszustände, Rausch, Entrückung, wie Abrückung und Hinwendung zum Grotesken laufen dem funktionierenden Menschen zuwider und so verschließen sich Georg H.s Kunstund Lebenswerke der Instrumentalisierung als pars pro toto der Konstruktion einer zweckrationalen kollektiven Wirklichkeit. Die Welt scheitert an ihm, weil sie ihm laufend (Ver-) Besserung abverlangt,  ohne jedoch mit einem Gegenangebot aufzuwarten. An ihrer Unzulänglichkeit nicht vorzeitig zu zerbrechen, ist seine Aufgabe, die Fotografien als Zeugnisse dieses Versuchs mögen dabei behilflich sein. Ob aus Versehen oder aus Verzweiflung, am Ende steht ein Werk, das die gesellschaftliche Ordnung infrage stellt, die Regeln der Selbstkontrolle des Alltags verletzt und individuelle Wahrheitskonstrukte schafft, die keinerlei Beitrag zu einer kontrollierten Konstruktion der Wirklichkeit leisten. Kurz gesagt: In verschiedenen Zeit- und Realitätsebenen entstehen Denkmale eines postmodernen Till Eulenspiegels, der die Gegenwart verlassen hat, um sich in der Verzückung, in der Entrückung, im Sinnestaumel und im Vollrausch die Zeit zum Tod zu vertreiben. „Distracted from distraction by distraction. Filled with fancies and empty of meaning.“ (Zitate: T.S. Eliot, Burnt Norton)