Gold für Farbenblinde und Lesende

von Markus Pohle

Die Federboas täuschen. Ihre Komplizen sind die Zigarettenspitzen, die Charleston und Swing tanzenden Gutgelaunten, die Jugendstilchen und die ästhetischen Sachlichkeiten. In der Rückschau malt die deutsche Geschichte ein Bild der 1920er Jahre, deren angeblicher Goldanstrich nun allerseits zur haltlosen Annahme führt, dass es hundert Jahre später auch wieder vorsetzlich golden zuzugehen hat, in den Farben der Berliner Cafehäuser und Tanzlokale, in denen die Dichter und Denker für ein paar Pfennige den lieben langen Tag dünnen Kaffee aus Porzellanschälchenoder ein Viertelchen Schnaps tranken. Die Frauen schnitten sich die Haare ab, ließen die Taillenkleider im Schrank und verdienten sich als Tippse in einer der aberhunderten neuen Handelsketten, die jungen Männer wurden vom konservativen Anstandsdebakel zum Dandy und entledigten sich des gezwirbelten Vorkriegsschnorres.

Nirgendwo so schön wie in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagony, welcher diese urbane Welt beschreibt, liest man von der Unfähigeit der hedonistischen Lebensphilosphie der avantgardistischen Zeitgenossen, ein Menschenleben mit Sinn zu erfüllen. Saufen und Spielen und Sexualität führen auf Dauer zu einer unerträglichen, repetitiven Langeweile, in der es eigentlich keinen Grund gibt, nicht einfach aus Jux und Tollerei seinen Hut aufzuessen. So sehr die letzten Zwanziger ein Himmelreich für die Habe- und Taugenichtse der Kunst und Literaturszene waren, so sehr waren sie ein selbiges für die Brandstifter und Rattenfänger, die die Ergebnisse der Taugenichtserei ’33 auf den Scheiterhaufen warfen. Entgegen also der kaleidosopartigen Gemengelage verschiedenster emanzipatorischer und progressiver Schönheiten steht die historische Gewordenheit dieses Jahrzehnts – es handelt sich nicht um einen kulturellen Kulminationspunkt, an dem das Leben nur so sprießt, wie die Frühblüher in den Bombenkratern um Verdun, sondern um den aus dem ersten Weltkrieg  folgenden Zivilisationsbruch als Tatsache, nicht mehr als Problem. Die aufregende Quirligkeit der Epoche ist in Wahrheit ein heilloses Durcheinander und Aneinandervorbei von politischen und sozialen Realitäten. Singen die Schlagerorchester 1923 noch das wunderschöne Warte Warte noch ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir, bringt vom Himmel dir ein Teilchen und klopft dann an deine Tür! als Versprechen eines besseren Lebens, so dichtet der Volksmund und ein paar komödiantische Musiker den Titel bald auf der  Massenmörder Fritz Haarmann um und summt zynisch unbewusst und eingedenk des politischen und sozialen Wahnsinns den neuen Text Warte Warte noch ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen mache Hackefleisch aus dir! Aus der Literatur der Zeit lässt sich dieser Tod jeder Hoffnung auf ein gelingendes Leben in Höflichkeit destillieren. Wir lesen davon bei den traurigen Figuren Falladas – dem eisernen Gustav, der, als Kutschfahrer durch den Krieg ruiniert, wahnsinnig wird und dem die Familie am den Wahnsinn der Zeit verloren geht und dann vor lauten  Ichweisnichtwohin mit der Pferdekutsche und großen Presserummel von Berlin nach Paris fährt, dem jungen Ex-Insassen in Wer einmal aus dem Blechnapf frisst, der seinen Weg aus dem Elend in die nicht mehr existente Mitte der Gesellschaft nicht findet, den endlosen Schikanen des Alltags gegenüber einem jungen Paar in Kleiner Mann, was nun? In der psychogramartigen Faszination Benns und Döblins mit dem mythischen und transzendentalen, die nie die Komik verlieren und im eigenen Phantasma ihr Unheil suchten. In Brechts Baal und Fatzer, in denen die jeweiligen Hauptfiguren jedwedes Sozialverhalten verweigern und in die vom Krieg leergefegte Morallandschaft der Zwanziger einen großen Haufen Egozentrik scheißen. In seinem Schlussapell der Dreigroschenoper schreibt Brecht: Denn man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht – ganz im Wissen, dass eine Geschichte der Glänzenden und Wichtigen immer nur die deutlich weniger als halbe Wahrheit ist. Es war eine Zeit, in der sich jedes Heldentum lächerlich machen musste, nicht weil es keiner Helden mehr bedurfte, sondern weil das dramatisch gefärbte politische Firmament, dass den Himmel in zwei Hälften zu reissen schien, jeden individuellen Versuch des Handelns obsolet werden ließ. Denkt man gern zurück an die Zwanziger als schillerndes Tanzparkett, so waren sie in Wahrheit bereits ein Schlachtfeld. Alte Armeleuteweisheit: Scheiße bleibt Scheiße, auch wenn man Blattgold drüber legt. Warte, Warte noch ein Weilchen.