Interview: Sex ist mein Beruf

Oktoberfest die ganze Zeit

von Patrice Lipeb

Eine Wohnung in Leipzig. Pistorius und ich sitzen am Küchentisch. Ich trinke Rotwein. Er schlürft Tee und schnäuzt sich. Ist komisch, einen Freund über sein Doppelleben auszufragen. Noch seltsamer, darüber zu schreiben. Dass Pistorius anschaffen geht, war mir kein Geheimnis. Vor ungefähr fünf Jahren kam er eines Nachts in den Laden. Schlimm verfeiert fabulierte er irgendwas über Waschbären – aber eben auch übers Anschaffen. Ich machte Bar und hörte zu. Ich glaube, es war gleich an unserem ersten Abend, als er mir von Weihnachten erzählte. Ich habe ihm versprochen, die Einzelheiten für mich zu behalten. Nur soviel: Er schilderte ein episches familiäres Desaster Homer‘schen Ausmaßes. Meiner Kenntnis nach war dieser Weihnachtsabend das letzte Mal, dass Pistorius mit seinen Eltern sprach. Ich für meinen Teil nenne ihn seit diesem Abend meinen Freund.

Pistorius: Hast du dir von den Bildern schon eins ausgewählt?
SOW: Willst du dir eins aussuchen?
Pistorius: Nein.
SOW: Gefallen sie dir?
Pistorius: Ja, die sind gut.
SOW: Sie ist gut.
Pistorius: Ja, ja, das war okay. Hast du schon mit ihr gesprochen?
SOW: Ja, sie hat mir gleich ihre Kontonummer geschickt.
Pistorius: Ist nicht verkehrt. Ich war ein bisschen angepisst. Bin zu früh los und die Woche war einfach super stressig. Jetzt ist mir dann noch aufgefallen, dass ich die ganzen Lektionen für die Uni nochmal machen muss.
SOW: Das heißt, du musst lernen?
Pistorius: Jeden Morgen stehe ich in der Frühe auf und lerne eine halbe Stunde Vokabeln.
SOW: Wieso studiert ein Mensch eine tote Sprache?
Pistorius: Na weil ich räudiger Weise gedacht habe, ich hätte noch einenBafög-Anspruch. Den habe ich aber nicht! Dann wurde auch noch mein Studienkredit abgelehnt. Ich wollte eben was für den Kopf machen und da dachte ich mir, mach halt das. Kurzzeitig war ich auch in Jura eingeschrieben, aber das habe ich dann fahren lassen.
SOW: Sprechen wir über Sexarbeit. Wie ist das zu Weihnachten?
Pistorius: Sehr gut ist das zu Weihnachten. Ich sage, die Weihnachtszeit ist, weil die Leute Weihnachtsgeld haben; so, wie wenn Oktoberfest ist die ganze Zeit – also den ganzen Monat. Und nochmal besser ist dann nach Weihnachten, weil dann haben die Leute nicht nur Weihnachtsgeld, dann haben sie auch Urlaub und von der Familie Geld bekommen. Drum fahre ich auch über Weihnachten nach Hamburg. Da mache ich einen größeren – ich werde mehrere Geschenke bekommen.
SOW: Du pflegst, hin und wieder Geschenke anzunehmen?
Pistorius: Ja, genau.
SOW: Also zu Weihnachten wird ja auch mehr gestorben als sonst – zumindest weiß ich das aus dem Krankenhaus. Wollen die Leute dann um diese Zeit auch mehr Sex?
Pistorius: Ich habe immer eine Kopie meiner Geburtsurkunde dabei. Falls es mal seien sollte. Die tue ich dann den Leuten, wenn ich dezent ihre Wohnung verlasse, in irgendeinen Spalt stecken. In der Hoffnung, dass ich irgendwann mal Post vom Notar bekomme. Aber bisher – alles was ich an Post bekomme, sind Rechnungen oder Dinge, von denen ich schon von außen sehe, dass mich das überhaupt nicht interessiert.
SOW: Wie sind denn die Leute so zu Weihnachten? Sind die am Ende netter oder sowas? Wie sind die so drauf? – Sprechen die mit dir?
Pistorius: Du meinst, wenn ich ein Treffen ausgemacht habe?
SOW: Wie läuft das ab?
Pistorius: Ja, meistens bin ich der, der mehr redet. Die meisten wollen wenig reden. Manchmal fühle ich mich so wie ein Alleinunterhalter.
SOW: Geht ihr dann aus oder geht es gleich zur Sache?

»Die Leute wissen, was sie wollen, weil sie dafür zahlen.«

Pistorius: Na das kommt immer darauf an. Die wenigsten gehen mit einer stadtbekannten Nutte gerne wohin. Da habe ich mich auch schon echt paarmal in die Nesseln gesetzt. In Spanien, in so einem kleinen Ort zum Beispiel. Ich muss wohl der Einzige gewesen sein, der sich mit seinem Eskort-Profil eingeloggt hatte. Und dann war ich mit den Vorderen der Stadt irgendwie an einem Tisch gesessen und die Schwulen, die da rumgelaufen sind, haben sich alle gedacht: Was sitzen die da mit der Nutte am Tisch? Das hat ihnen dann im Nachhinein dann auch nicht so gepasst. Wo sind wir stehen geblieben? »lacht« Ob Ausgehen oder nicht? Ja, doch, man geht schon mal zum Essen oder es gibt ja auch die ganz feinen Leute. Die müssen auch erst mal wohin. Was besser ist, wenn man sich vorher ein bisschen kennenlernt.
SOW: Macht dir der Job Spaß?
Pistorius: Öh, ja, ich habe mich daran gewöhnt. Aber – es ist wie mit Filmen – nach ‘ner Zeit wird es dann langweilig. Es ist halt Sex! Und unterm Strich ist dann auch mal was Ordentliches dabei. Beziehungsweise, die Leute wissen halt, was sie wollen, weil sie dafür zahlen. Insofern ist es nicht schlecht.
SOW: Immerhin Arbeit.
Pistorius: Ich verbinde halt das Unangenehme- das Angenehme mit dem Nützlichen. Oder wenigstens rede ich es mir ein.
SOW: Ergo Vögeln ist gut und wichtig?
Pistorius: Ja, Sex ist mein Beruf. Nee »lacht« – ist halt ein Grundbedürfnis. Wie war die Frage nochmal?
SOW: Wir waren beim Ausgehen, fürchte ich. Kostet das eigentlich mehr?
Pistorius: Nö, ich sehe es ja ohnehin als Dienst an der Gesellschaft – also grundsätzlich. Und denke mir – jetzt nicht nur an Weihnachten – jeder soll halt das ganze Jahr über was Schönes haben. Eben mich! Ich bin, nebenbei bemerkt, völlig frei von Eitelkeiten. Wie du hörst.
SOW: Ja, selbstverständlich.
Pistorius: Nee, das ist dann meistens eigentlich so ein Komplett-Programm. Dass du sagst, du gehst Essen, triffst dich, hast Sex. Und meistens geht man dann auch besser Essen.
SOW: Klingt eigentlich ganz nett!
Pistorius: Ja, isses – auch!
SOW: Einen am Tag?
Pistorius: Nee, um Gottes Willen. Das hatte ich auch schon mal, aber das ist – Nee. Du, es gab Zeiten in München. Also über Monate lang waren die einzigen Menschen, die ich gesehen habe, die Gäste, die zu mir kamen. Das hat man dann auch mal, dass man mal drei- aber – ich habe nie mehr als einen am Tag. Sonst wird es zu inflationär und das merken die auch. Dann kannst du irgendwann nicht mehr lachen und: – Also körperlich bringe ich das aber – da musst halt irgendwie. Na, je nachdem. Nicht alle sind ja jetzt so attraktiv, dass es einem a Steckerl fürne haut. Da muss man dann noch mit Viagra nachhelfen und dann kriege ich irgendwann einen Herzinfarkt.
SOW: Du hast da eben irgendwas Bayerisches gesagt und das heißt auf Deutsch?
Pistorius: Einen Harten bekommen – a Steckerl.

»70 Euro ist okay.«

SOW: Ich frage jetzt nicht was es kostet. Es sei denn du willst es erzählen. Oder doch, eigentlich will ich es schon wissen. Was wäre also ein angemessenes Geschenk, Hase?
Pistorius: Hmm, 70€ ist okay.
SOW: 70€?
Pistorius: Ja!
SOW: Das ist zu günstig, Mann.
Pistorius: Das kommt darauf an. Wir sind ja auch in Ost-Deutschland. Naja, die Leute lassen schon auch mehr springen. Gestern war zum Beispiel einer da. Gut, da war ich dumm, denn der hatte nur zwei Fünfziger. Und der wusste gar nicht, was es kostet. Dass es 70 sind, habe ich ihm gesagt. Später im Atelier habe ich ihm dann noch gesagt, ich könnte nur einen Zwanziger rausgeben. Den Zehner, den wollte ich dann doch mehr haben. Es ist halt so: Meistens dauert die Geschichte auch nur 15 Minuten.
SOW: 70€.
Pistorius: Haben oder nicht haben.
SOW: Nein, nein, so meine ich das nicht. Es scheint mir nur so – es scheint mir nur so wenig Geld zu sein.
Pistorius: Für das, was ich den Leuten gebe, ist es immer noch viel! Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich bei 70€ mehr Mitspracherecht habe. Es gibt natürlich auch noch die, die denken: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Und die, die am allermeisten haben, zahlen auch fürs Ficken nicht viel. Wenn sie das Geld nicht beisammenhalten würden, wären sie kaum so reich geworden. Die drücken dich dann noch um jeden Zehner.
SOW: Wie lange machst du das eigentlich schon.
Pistorius: Ich bin jetzt 33. Zehn Jahre jetzt schon.
SOW: Gab es so was wie ein Schlüsselerlebnis?
Pistorius: Ich habe Deutschland verlassen und im Ausland gelebt und hatte kein Geld. Also, ich wollte das schon immer mal machen. Immer schon mal ausprobieren – aber, sagen wir, die innere Motivation war da, aber der äußere Reiz musste dann erst größer werden. In der Notlage wurde er größer. Letztendlich hat das Äußere die geringe innere Motivation überlagert. Manchmal ist das auch wie eine Sucht. Dieses Schnelle. Tschakalaka – so halt!
SOW: Was meinst du mit schnell?
Pistorius: Na, schnell Geld zu verdienen einfach.
SOW: Geld war schon immer wichtig für dich?
Pistorius: Naja, Geld ist immer dann wichtig, wenn man keines hat. Gespartes Geld ist verdientes Geld und – ja was wollte ich noch zum Geld sagen – ah, man muss es festhalten können. Das sind so die drei Dinge über Geld, die ich festgestellt habe. Und in dem Job sollte man nicht an den Punkt kommen, dass man keines hat. Denn dann wird man nämlich im Preis gedrückt. Also, es ist schlecht zu sagen, wenn die Leute sagen: „Dann nimm halt ein Taxi!“, „musst du raus kommen und selbst bezahlen!“. Dann kommst du auch nicht an die richtigen Leute ran, weil die lassen dich dann nicht in die Wohnung. Wenn sie schon wissen, dass du ein armer Schlucker bist. Im besten Fall sollte man schon eine teure Uhr tragen. Damit die Leute nicht Angst haben, ausgeraubt zu werden.

»Fisten kannst du mich dafür nicht.«

SOW: Was kann Mensch für 70€ bekommen?
Pistorius: Hmm. Naja, fisten kannst du mich dafür nicht.
SOW: Das kostet extra?
Pistorius: Ja, also schon.
SOW: Immerhin. Ich finde es gut, dass du auf dich aufpassen kannst.
Pistorius: Wie meinst du das?
SOW: Das ist dein Interview, Hase.
Pistorius: Meistens lasse ich mich ficken.
SOW: Die meisten wollen dich ficken und nicht gefickt werden? Ist das so?
Pistorius: Die meisten wollen mich ficken – tatsächlich. Das ist auch einfacher, weil ich kann zwar auch Schauspielern, aber so gut dann nicht, dass ich denen dann einrede, dass ich das sooo gerne mache. Schönheiten sind zwar auch manchmal dabei – aber komm. Es gibt auch einen Unterschied zwischen Ost und West.
SOW: Im Ernst jetzt? Wie sieht der aus?
Pistorius: Naja, dass Du im Westen oft Leute hast, die halt verheiratet sind. Die das aber aufgrund der Verhältnisse oder der Umstände heiraten mussten. Das sind dann eigentlich die dankbarsten, weil die kommen und gehen wieder und zahlen dann auch sehr gut – damit du halt einfach dein Maul hältst.
SOW: Und hier?
Pistorius: Und hier ist es nicht so! Hier gab es ja auch – nur als Beispiel jetzt – den Paragraphen 175 nicht. Was auch noch ne Rolle spielt. Deswegen haben ja damals im Westen viele ihr Schwulsein nicht ausgelebt. Und es hat sich dann bestimmt auch weiter so tradiert. Es ist ja so: Wenn man nichts hat, dann braucht man wegen des Geldes nicht zu heiraten. Dann ist es auch wurscht, wenn man entdeckt wird, denn es gibt ja sowieso nichts zu erben. Weißt wie? << lacht >>
SOW: Im Osten hast du es also eher mit verarmten Lebemännern zu tun?
Pistorius: Kann sein. Wenn du viel zu verlieren hast, bist du gezwungen den Schein zu wahren und wenn du halt weniger zu verlieren hast, na dann is eh wurscht.
SOW: Du würdest sagen, dass Business hier ist härter?
Pistorius: Naja, es kommt auch immer auf die Stadt an. Wie groß eine Stadt ist. Verstehst Du?
SOW: Je größer desto besser?
Pistorius: Ja, je größer eine Stadt ist, desto mehr hast du. Die Chance ist auch größer, dass genau Dein Typ – verlangt wird. Hier hast Du halt so – naja Leute, die es für einen Zehner machen. Da bin ich mit 50€ sozusagen eine Edelprostituierte.
SOW: Der Markt regelt den Preis?
Pistorius: Ja, sowieso!
SOW: Das frage ich jetzt nur für mich – es gebe die Möglichkeit Steuern zu zahlen?
Pistorius: Wieso für dich? Willst Du mich erpressen?
SOW: Nein, ich möchte es verstehen. Halten wir es lieber abstrakt. Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Person die hypothetisch als Sexarbeiter anschafft, gäbe es da die Möglichkeit alles ganz legal zu machen? So mit Krankenversicherung, Gewerkschaft, Staat und alles?
Pistorius: Das geht seit paar Jahren – klar.
SOW: Findest Du das gut?
Pistorius: Klar! Aber weist Du das Ding ist, wenn ich vor zehn Jahren – als ich angefangen habe – wenn es da schon die Bargeldobergrenze gegeben hätte und kein Bankgeheimnis so wie es jetzt ist, dann wäre freiwillig ins Gefängnis gegangen, weil draußen wäre ich sonst verhungert. Es hat sich ja ohnehin schon verändert, dass die Leute nicht mehr soviel Bargeld haben. Bei vielen ist es ja so, dass es dann nicht auffallen darf und dann zwacken sie sich halt etwas ab. Aber je weniger Geld im Umlauf ist desto weniger kann man sich abzwacken. Schlecht für mich!
SOW: Und wo war das? Am Strand? Auf einem Rastplatz? Am Bahnhof?
Pistorius: Das erste Mal anschaffen meinst Du?
SOW: Ja.
Pistorius: Im Jugenwohnheim im 13 Wiener Bezirk.
SOW: Und dann hast du einem Pädagogen deine Dienste angeboten?
Pistorius: Nein! Ich habe da ganz normal gewohnt – erst wollte ich sagen inhaftiert. Also ich habe dort ein Zimmer gehabt. Und es war tatsächlich sehr lustig. Denn da waren immer so Berufsschüler, die sich da immer getroffen haben. Jeden Abend in so einer Sitzecke und da getrunken haben. Und dann sind dann öfter Mal ältere Männer durchs Foyer geschlichen und haben irgendwas gesucht. Und dann haben sie irgendwann den richtigen Fahrstuhl erwischt und eine halbe Stunde später kamen sie dann auch wieder runter und kurz darauf kam meistens ich auch runter – frisch geduscht. Das hat dann auch bald jeder gewusst und ich war dann auch nicht mehr lange in diesem Jugendwohnheim. Aber grundsätzlich hat es den Kern mehr unterstützt – also die Jugendlichkeit. Es ist natürlich angenehmer für einen Freier, zu einer Prostituierten im Jugendwohnheim als im Altenheim zu gehen.
SOW: Du hast eben davon gesprochen, dass nicht jeder hübsch ist. Wie geht man damit um? Musst du dich danach besaufen?
Pistorius: Also bei ist das ein bisschen so wie bei Harald Juhnke. Ich hätte Angst es beim nächsten Mal nichtmehr so zu bringen. Deshalb hat er sich immer so hart besoffen nach seinen Auftritten – weil er Angst hatte es nicht mehr zu bringen. Das ist eher meine Angst.
SOW: Das du es nicht schaffst, das nochmal auszuhalten oder…?
Pistorius: Da schwingt halt irgendwie immer sowas Finales mit.
SOW: Was nicht mehr bringen? So ein toller Hengst im Bett zu sein?
Pistorius: Ja, genau! Ich will denen, die zu mir kommen, schon etwas geben.
SOW: Du willst es anständig machen?
Pistorius: Gut es gibt auch Ausnahmen – auf der einen wie auf der anderen Seite. Ich habe auch schon Leute beschimpft. Und da war einer der hat mich so genervt – da bin ich gegangen – weil ich gedacht habe, ich klatsche ihm gleich Eine.
SOW: Warum?
Pistorius: Weil, der mich die ganze Zeit gehetzt hat. Es ist dann auch immer so, wenn die Leute ficken wollen, dann ist es gut ein Auto zu haben. Du bist nicht abgehetzt, bist immer pünktlich und kannst die dann zeitnah zum Orgasmus bringen, aber der hat mich so gehetzt. und dann war ich dann da und dann hätte ich gerne etwas getrunken gehabt. Dann meinte er dann so: Nein! Keine Ahnung bin dann einfach gegangen. Gestern war auch einer der mir hundertmal die gleichen Fragen stellt. Habe ich ihm dann auch gesagt: Ich bin kein Papagei! Wenn mich jemand versetzt – schon im Chat – dann blocke ich den gleich. Das tue ich mir nicht mehr an. Dafür sind mir meine Nerven zu schade.