Reißig und Völker müssen reden (15)

Richard Wagner war auch nur ein Linker oder die Ratte in der Jacke

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe begaben sich Rising Reissig (Arzt) und Timm Völker (Patient) in den Palast von Rising, um dort ihre erotische Reise fortzuführen. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchen RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe zu bleiben und gegen den inneren Drang,  Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie in diesem Kampf gegen sich selbst den Sieg davon getragen haben, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Innen, ein bürgerliches Wohnzimmer, verwirrend viele Gegenstände urbanintellektueller Provenienz. Kunst an der Wand, dunkle Holzstühle, Leuchter mit runter getropftem Kerzenwachs, Korken auf der Tischdecke, wahrscheinlich Rotwein, ein Plattenspieler im Vordergrund, der auf einer Glasplatte ruht, die an die Wand geschraubt ist.

Rising Reißig (RR) kommt ins Bild, setzt sich auf den vorderen Stuhl, trägt eine dunkelblaue Adidas-Jacke mit schwarzen Streifen, sein Oberkörper ist zu sehen, sein Kopf nicht, dann ruckelt das Bild zurück, Rising grunzt etwas unverständliches, nuschelnd mit vollen Backen: Jetzt hast du den Zoom angemacht.
Timm Völker (TV) aus dem Off: Jetzt ist dein ganzer Schädel zu sehen.
RR kaut und nuschelt immer noch: Timm, du musst dich jetzt mit hersetzen.
TV erscheint aus dem Off, setzt sich rechts neben Rising, in einer ihm zu großen, bis zum Hals geschlossenen grünen Militärjacke österreichischer Herkunft, mehr als hüftlang, mit zwei länglichen aufgesetzten Brusttaschen mit verschlossenen Klappen und gibt Rising während des Hinsetzens einen nicht sehr hohen, etwa Schallplatten-großen Karton, Rising legt diesen auf den Tisch und wendet sich TV zu: Also das Ding ist, diese Jacken sind so angelegt, dass die ein bisschen pompöser sind, weil man soll ja seine volle Ausrüstung drunter tragen.
RR nestelt an den Brusttaschen von TVs Jacke rum: Die haben hier witzigerweise solche Knöpfe und keine Druckknöpfe.
TV: Ja, ja, aber das ist zum Beispiel der Unterschied zur echten M 65 (Anm. des Transkriptors: gemeint ist die Standard Militärjacke der US Streitkräfte M1965), da sind hier fummelt am Verschluss der linken Brusttasche rum) Druckknöpfe und hier (fummelt an der Knopfleiste zum Zumachen der Jacke rum Knopf-Knöpfe. (Fährt mit der linken Hand über den rechten Unterarm) Ja, sieht halt so ein bisschen schicker aus, der Stoff, ist nicht so derbe wie bei der M 65
RR erstaunt: Der hier?
TV: Ja.
RR hüstelt: Irgendwie ist die ja auch imprägniert. (versucht mit seinem Stuhl zum Tisch hin zu rücken, obwohl da gar kein Platz mehr ist) Mein Vater hatte mir ja mal… hast Du mir ja nicht geglaubt, dass ich schon zu DDRZeiten ‘ne M 65 Jacke hatte …
TV fällt RR ins Wort: Wo ist denn die?
RR beugt sich über den Tisch und greift nach einem Brettchen mit einem Käsebrötchen: Na, die ist zerfallen, die hat eine Ratte zernagt.
TV rutscht durch RRs Unruhe angesteckt auch auf seinem Stuhl hin und her: Na, die andere, die echte würde ich aber irgendwann gerne noch sehen.
RR: Ein Freund von mir hatte ‘ne Ratte, und die Jacke hatte mir mein Vater mitgebracht aus Äthiopien von einem russischen Oberst.
TV grinst: Die Ratte oder die Jacke?
RR lacht: Die Jacke.
TV lacht: Die Ratte.
RR versucht sich vor Lachen nicht zu verschlucken: Nö, die Ratte hatte der Freund von meinem Vater, ‘ne Laborratte
TV: Geil.
RR: ‘Ne weiße Laborratte, und …
TV fällt RR erneut ins Wort: Hatte die auch einen Namen?
RR stutzt, denkt nach.
TV: Vielleicht Labi?
RR fährt sich übers Kinn, denkt angestrengt nach: Die hatte einen Namen, aber ich komm jetzt nicht drauf, vielleicht fällt‘s mir noch ein (Anmerkung des Transkriptors, RR: Beim Übertragen ist es mir wieder eingefallen, d.h. erst dachte ich die Ratte hieß Siegfried, aber so hieß in Wirklichkeit meine Wüstenrennmaus in den 1990ern und so ist auch der Vorname von S. Steinert entstanden. Nein, die Ratte hieß ADOLF) Und die, jedenfalls war abgehauen und wohnte hinterm Schrank.
TV: Geil.
RR: Und die Jacke hatte ich von meinem Vater, der sie von einem äthiopischen Oberst, ach Quatsch, von einem russischen Oberst in Äthiopien bekommen hatte. Der gab ihm die Jacke und ADOLF, die Ratte hat dann die Jacke aufgenagt, als ich dort übernachtet hatte.
TV: Die Ratte in der Jacke.
RR greift über den Tisch, um sich Kaffee in einen gelben Keramikbecher einzugießen: Soweit die Geschichte von der Ratte in der Jacke von dem russischen Oberst in Äthiopien.
TV: Aber die echte, die möchte ich auf jeden Fall auch noch sehen, spätestens zum M65 Treffen nächstes Jahr im Vereinsheim.
RR: Die echte Jacke, sagt mein Vater, wäre im zweiten Weltkrieg mit dabei gewesen und die hätte er eingetauscht von irgendeinem Kollegen, der am Zoo wohnte hier in Leipzig.
TV wirkt extrem gelangweilt.
RR merkt das nicht: Und die habe ich auch jahrelang angezogen, ein Freund von mir hat gesagt, die Jacke sieht so hässlich aus, er hat sie als positiven Sack bezeichnet.
TV macht die Jacke auf, steht auf geht aus dem Bild: Positiver Sack (aus dem Off mit leichtem Pathos in der Stimme) Diese österreichische Jacke zieh ich jetzt mal wieder aus, weil …
RR fällt TV ins Wort: Weil wir keine Nazi-Witze mehr machen wollten.
TV lacht: Genau.
RR: Ne, is Schnappschneipse, nee, das stimmt nicht, ist ja nicht alles Nazi, was aus Österreich kommt.
TV sitzt wieder im Stuhl, fährt sich übers Gesicht: Na ja.
RR wendet sich, nachdem er sich extrem umständlich versucht hat, den Kaffee mit Honig zu süßen, weil der Zucker alle ist, TV zu: Wie heißt das Thema heute? TV hält sich die Augen zu. Liebe, Lust und Rebellion? Liebe, Frust und Rebellion?
TV (hat die Hände von den Augen genommen): Ja, genau, das ist wichtig, Liebe, Frust und Rebellion.
RR wiederholt: Liebe, Frust und Rebellion.
TV zweifelnd, leise: Oder?
RR: Wer hat sich eigentlich das blöde Thema ausgedacht?
TV wissend: Na, die Redaktion von „Standort West“, die sind uns aber intellektuell überlegen. Deshalb sollten wir da auch keine Kritik dran üben. (Anm. der Redaktion: Brav, Jungs!) Faltet grinsend die Hände …Du weißt, wir als Proletarier …
RR: Hhm.
TV: … sollten einfach froh sein …
RR: Du bist doch voll der Intellektuelle.
TV recht bestimmt: Ich bin kein Intellektueller. Ich war es nur, als ich eben kurz deine Brille auf hatte.
RR reicht TV seine Brille, der sie sofort aufsetzt: Oh, cool!
TV beugt sich weit über den Tisch, schaut sich leicht hilflos um, RR lacht: Ich kann nichts sehen.
RR lachend, versucht TV seine Brille von der Nase zu nehmen: Gib wieder her.
TV beugt sich zurück, weicht RRs Hand aus: Kannst du jetzt eigentlich was sehen?
RR: Nö.
TV: Also wär‘s, wenn ich jetzt deine Brille trage, auch eine Art von Gerechtigkeit. Hebt beschwörend beide Hände. Das ist ganz interessant, also, weil es ist gerecht. Denn du kannst nichts sehen, weil du schlechte Augen hast und ich kann nichts sehen, weil ich deine Brille trage und wenn du deine Brille trägst und ich keine, sehen wir beide was.
RR: Das ist auch gerecht.
TV wie ein echter Intellektueller mit RRs Brille, die er nunmehr abgesetzt hat und die er am Bügel hält, gestikulierend: Ja.
RR: Aber, wenn du die Brille auf hast, siehst du nichts und wenn ich die Brille nicht auf hab, sehe ich auch nichts, da finden wir die Brille nicht wieder.
TV muss lachen, gibt Rising endlich die Brille wieder zurück, der sie auch sofort aufsetzt.
RR: Da fällt mir wieder ein, wie ich mal … kannst du dich noch erinnern (TV schüttelt den Kopf), wo du in Halle mal gespielt hast, wo die Punks mir die Brille zertrampelt haben im Konzert von den, wie hießen die gleich noch mal?
TV: TURBOSTAAT meinst du.
RR: Genau.
TV schaut RR leicht hämisch an: Als Intellektueller hat man dort nichts zu suchen … aufm Punk Konzert.
RR diese Beleidigung ignorierend: Und wie ich dann irgendwie ohne Brille und nicht räumlich sehen könnend durchs dunkle Halle geirrt bin auf der Suche nach dem Bahnhof.
TV: Warum hast du dir nicht beim Taxophon (Keine Ahnung, was das sein soll, gibt’s in Leipzig nicht, der Transkriptor), ((Anm. des Zweittranskriptors: Ein Taxofon war in der Sowejtunion eine Art Telefonzelle, in der man sich ein Taxi rufen konnte.)) ein Taxi bestellt?
RR: Ich konnte die Taxis nicht erkennen auf der Straße. Ich konnte auch das Saxophon nicht mehr erkennen auf der Straße.
TV: Saxophon, Sachsenphon, das Sachsenphon.
RR kaut schon die ganze Zeit auf seinem Essen herum, jetzt wird er, weil er den Mund so voll hat, wirklich unverständlich: Dasch schdimt nisch, ich kann ja aus der Nähe ohne Brille besser sehen. Setzt die Brille ab und hält sich den gelben Keramik-Becher mit seinem Kaffee dicht vor die Nase. Also hier auf der Entfernung. (Beim Kurzsichtigen ist der Ort schärfsten Sehens 1 geteilt durch die Brillenstärke mal 2, also bei RR, der etwa 3 Dioptrien in der Brille hat, ein Sechstel Meter oder 16 cm, bei genauem Hinsehen sieht man das auch in dem Video, der Transkriptor)
TV: Deshalb nimmst du auch immer deine Brille ab, wenn du was liest.
RR klopft mit dem Bügel seiner Brille an den gelben Keramik-Becher, den er sich vor das Gesicht in etwa 16 cm Entfernung hält: ungefähr so, da kann ich gut sehen. Wenn das Taxi in dieser Entfernung ist oder der Bahnhof von Halle, dann seh ich das gut.
TV leicht hämisch: Und … warst du da frustriert, als du da deine Brille verloren hast? Ich greife natürlich direkt auf das Thema Frust, weil das am nächsten ist.
RR lacht: Nee, ich musste lachen.
TV: Rebellierend lachen oder verliebt, vor Liebe lachend?
RR stutzt verwundert, muss lachen: Nee, ich hab, glaube ich, stutzt erneut, nimmt Anlauf) na Punk-Konzert klingt ja nach Rebellion.
TV: Genau.
RR: Und ich denke, so rum zu pogen, dieses Ritual des Pogos, soaneinander runter zu rutschen, verschwitzt, das hat ja auch schon auch was mit Liebe zu tun. Hat ja auch was sehr Homoerotisches, sind ja auch meistens Männer, die pogen.
TV: Ja so, also, so ‘ne Art wie Kraftaustausch (ballt gestikulierend die Hände). Die Kraft der Musik.
RR: Also war ich sozusagen verliebt in die ganzen Punks.
TV leicht gelangweilt: Ja.
RR: Und hab‘ dann rebelliert mit Hilfe des verliebten Punks und war verliebt. Eigentlich musste ich lachen, weil ich hab‘ schon Mal eine Brille eingebüßt bei der Band „Sandow“. (RR schaut in die Kamera) Für die Jüngeren, das ist aus einem kleinen schmutzigen untergegangenen Land namens DDR. Das war die Band …
TV: aus Cottbus kamen die…
RR nickt: … die den Soundtrack zur Wende geliefert hat. Und da haben die irgendwie diesen Sänger am Ende des Konzertes (RR hebt beide Hände und führt sie ruckartig nach vorn) durch …
TV: KUK, Kai Uwe Kohlschmidt
RR: … durchgereicht durchs Publikum (RR macht das mit den Händen nochmal) und er blieb mit seinem Fuß in meinem Gesicht hängen.
TV: Hhm.
RR: … und die Brille fiel runter und dann trampelte irgendjemand aus Versehen drauf.

Wie es weiter geht mit noch mehr kaputten Brillen, Schwarzfahren in der S-Bahn in Halle, natürlich ein paar Naziwitzen, Richard Wagner, keltischen Rittern, dem Gral, was es mit dem Soundtrack(!), der anhebt, auf sich hat, all das kommt noch in dem Video. Selbst die „Schön Armee“ taucht wieder auf. Vielleicht zeigen wir das Video im Dezember, so als Weihnachtsgeschenk.