Das unsterbliche Licht

von Sebastian Denda

Hast du schon einen Tannenbaum? Das sagt man in Brandenburg, wenn man das Thema wechseln möchte, weil es einem zu nahe geht. Wie schreibe ich denn nun über Weihnachten? Etwas, das sich alle ersehnen, aber sich kaum einer mehr zu hoffen traut – daß es etwas so Schönes gibt, wie Christbaumschmuck und die schönen pausbäckigen Gesichter zum Fest Und Friede auf Erden, wie es bei Karl May heißt (Winnetou IV).

H E I L I G A B E N D! Heilig‘s Blechle. Weiße Weihnacht, das sind die Plattencover aus DDR-Zeiten mit Schnee auf verrußten Arzgebirchs-Katen und das ist, daß daran keiner mehr so recht glauben mag. Ja, was ist denn dieses Weihnachten? Ist es das Fest der Liebe oder nicht etwa Frust und der Wunsch nach Rebellion? Bei manchem gibt es Weihnachten jedes Wochenende. In der Nase. Doch das ist nicht die Antwort auf die Frage, wie wir Lebensfreude und Miteinander befördern könnten.

G L A U B E , L I E B E , H O F F N U N G ! Der Wein ist teuer, die Zeit ist knapp. Zapp zerapp. Spaß beiseite, so einfach ist das mit dem sich alles schön saufen ja nun auch nicht mehr. Und so schön ist es, zu meckern dann auch nicht. Auch nicht, wenn man besoffen ist.

Nach diesem vagen Intro möchte ich Anton Tschechow zuliebe den ersten Satz oder gleich den ersten und zweiten und dritten Absatz streichen. Denn dieser ist nur zum Reinkommen in den Text. Sogar im Laden des Herzens, der Tränke des Viertels, werden die die Spuren der Liebe rausgebürstet: Niemand liebt mehr Hansi? Das Oberlichtgraffiti im Salong ist wech! Dabei hat unser Hansi es verdient, denn er dient der Liebe und den Menschen, die ihn heimsuchen. Früher® konnten Mannen und Frauen an den Tresen ungestört ihren Chateau Lötinger weglöten, heute gibt’s Cotes du Dröhn der Extraklasse, doch ungestört ist man dabei ja kaum noch. Aber zuhause trinken möchte man ja auch wieder nicht. Ein klassischer Moment, daß man sich weihnachtliche Besinnlichkeit an den Tresen wünscht, um in sentimentaler Ergriffenheit die Röte des Rötweins zu durchdringen. Liebevoll lispelnd, leise lallend, sich zweisam um die Hälse fallend. Die Antwort mein Kind, ist nicht immer im Glase sondern in dieser Glosse.

Leute, geht denn wirklich alles den Bach runter? Oder sind wir Armen, in die Welt Geworfenen nicht einfach nur overstressed und fühlen uns manchmal so fucked up, lonely und benutzt, weil die kapitalistische Ultra-Arbeits-Teilung, oder, noch konkreter ausgedrückt, geht die unheimliche Funktionalisierung des Menschen zum homo oeconomicus so rabiat mit unserer Würde und unserer
Liebe zu den Dingen und Menschen um, daß wir erstens gar nicht mehr wissen, was wir da tun? Daß wir so richtig schön depressiv werden, daß man manchmal gar nicht mal mehr traurig ist, sondern nur noch entsetzt oder gefühllos und hohl ist. Und daß wir, zweitens, dann am liebsten frustriert rebellieren möchten, weil wir so entfremdet worden sind. Denn die Entfremdung von der Arbeit fühlt sich an wie eine Entfremdung von einem selbst und einem heiligen Gegenüber, das man ernst nehmen möchte und manchmal liebhaben.

Dabei ist es doch die Arbeit, die einem Würde verleihen soll. Goethe sprach’s. Hamwa in der Schule gelernt. Fürs Leben natürlich. Da stand nix von Entfremdung von der Arbeit, auch wenn Goethe eher sprach als Marx schrieb. Doch tradiert wurde zumeist, daß das Leben einen Sinn hätte. Der Sinn des  Lebens besteht darin, den Sinn des Lebens zu finden, sagt Homer Simpson. Auch gut, auch gulp. Kalendersprüche aus dem Comic-Universum. Das führt jetzt nicht weiter. Ja, aber, was verleiht einem denn dann noch Würde und Liebenswürdigkeit? Und Mitgefühl, solche Sachen, die mittlerweile als voll retro gelten. Danke, 21. Jahrhundert, tolle Leistung! Naja, Freunde, das haben wir aber auch schön mit uns machen lassen! Thema: Was haben wir uns zurichten lassen. (…)

Zurück zum Ursprung der Liebe und Selbstachtung und Gewahrsamkeit. Waren wir nicht früher mal eine Familie, voller Glauben an die Geigen, voller Liebe zu den Liebenden und voller Hoffnung an den Himmel. Ja und heute wohl nicht mehr? Mach dich doch mal angreifbar. Dit is hier keen Wettbewerb. Pathos-Point erreicht, Taschentücher raus. Wer kennt das nicht, das Trübsalblasen – immer wenn Weihnachten nicht da ist. Dabei ist es Weihnachten, was uns Würde verleiht. Liebe. Mal an den anderen denken. Empathisch fragen, wie geht es dir? Warum nicht Weihnachten suchen, auch wenn’s grad vorbei zu sein scheint?

Ich wurde um diesen Artikel gebeten, um meine Liebe über alle zu stülpen. Weltumarmerisch. Weil du umarmenswürdig bist, du kleine Maus, ohne Einschränkung. Ohne Distanz.

Kultur, hab ich mir heut Nacht im Wachtraum sagen lassen, Kultur wächst nur in der Langsamkeit. Im hektischen News-Fleddern eben nicht, nicht in der Hektik und nicht im Wahn, daß man mal wieder was verpaßt. Spaß und Muße in der Entschleunigung: Du mußt doch nix. Setz dich hin und sei einfach du. Kultur ist, wenn man zusammen feiert und Verbindung spürt. Und nicht fremd ist in dieser Welt.

Ich geh an die Bar, wenn ich kann. Nicht, weil ich muß. Ich liebe diese Bar und die anderen auch … Und liebe das Gefühl der Dankbarkeit. Dankbarkeit bedeutet, sag Danke, wenn deine Mutti dir was kocht. Sag Danke und bring deine leeren Gläser an die Bar. Gib ordentlich Trinkgeld, denn ein bewundernswerter Mensch hat dir diesen schönen Abend erst ermöglicht. Hast du gemerkt, wie schön die Musik war, während du das tolle Gespräch grad führen konntest und deiner Angebeteten einen Chateau d’Amour kredenzt hast? Wer Dankbarkeit empfindet, empfindet Glück.

Liebe Freunde der Nacht, ich wünsche Euch ein richtig tolles Weihnachten. Seid gut zueinander. Laßt euch nicht beirren. Ihr seid doch nicht irre. Ihr seid bei euch und damit bei uns. Wie Nietzsche sagt: Wen du nicht besiegen kannst, den mußt du umarmen. Weil du ihn nicht besiegen mußt. Kuß!