Kein Ort Nirgends

abendländische Dämmerung

oder: Die Havarie findet statt

von Klara Spunk

Demmeringstraße. Häufig besuchtes Stück Asphalt, beinahe immer komplett, von vorn bis hinten, von Angerstraße bis S-Bahn-Gleis, amplitudig täglich. Auch: Grundstein penetranter Wortwitzelei, die hinter meiner Stirn trompetet, sobald sich der Tag dem Ende neigt. It’s dämmering. Heute nur ein sonniger Umweg vorm Einkaufen, dem verkümmerten Vitamin-D-Haushalt auf die Sprünge helfen.

Am Lindenauer Markt kreuzen ungewöhnlich viele Menschen meinen Weg – verzweifelt, hektisch, enttäuscht und hier und da ins für die frierend-steifen Hände zu groß geratene Smartphone wetternd. Haworrie, hammse gesperrt, alles zu! … Na isch sache doch – H A W O R R I E ! Wassorleidungen, Stroaße dischd! Ich fahre mein Tempo ungefähr 2 km/h zurück, um der schrillen Aufregung der Dame etwas Vorsprung zu gewähren. Blick links: Die Odermannstraße ist tatsächlich dischd, nicht nur durch rot-weiße Schranken, auch 2 wohlgeputzte Einsatzwagen verhindern jedes Durchkommen. Davor drei etwas gelangweilt, aber dennoch wichtig dreinschauende Uniformierte, bereit,  der heldenhaften Wasserschadensbehebung den Rücken frei zu halten. Kopf zurückgedreht, spähend nach dem wärmenden Lichtkegel – zwanzig Meter. Drei vielleicht zehnjährige Nachwüchsler nähern sich mit straffem Schritt von hinten, laut debattierend, wie man Dana am klügsten das neue iPhone 11 abluchsen könnte. Ich merke, wie sich meine Augen weiten und muss schief grinsen, so erstaunt bin ich über diese 11, die mir klar macht, dass ich überhaupt nicht am Ball bin, geschweigedenn weiß, was ein Ball ist. Im Ernst, feier ich todes! Triple-Cam, check das! Slowfie, man, lass das safen. Crazy Dana.

Warm. Ein gefIutetes Rechteck. Ich höre
auf zu laufen und lasse auch diese
Aufregung passieren. Es wird ruhig.

AUSLÄNDER! reißt es mich unsanft aus dösigen Erinnerungen an selbstkomponierte Mono-Klingeltöne und Snake. Auf der anderen Straßenseite, circa fünfzig Meter straßaufwärts, hat ein Kenner die Situation durchschaut und seiner Weisheit sogleich lautstark Ausdruck verliehen. IMMER DIE GLEICHE SCHEISSE! Ich scheine die einzige zu sein, die verdutzt in seine Richtung starrt, abgesehen vom kleinen weißen Knäuel, das bis eben noch brav neben Herrchens Rollator hertapste. Der Fall scheint klar: Gestörte Ordnung, verärgerte Bürger, Vollsperrung und die Polizei, deren dritter Einsatzwagen den Gehweg so erheblich verjüngt, dass der Kenner Schwierigkeiten hat, Rollator, Knäuel und Bauch zu organisieren – hier muss der Auswärtige Schuld sein. Islam. Bestimmt. Terror. Ich verspüre den Impuls, den armen Mann über das Loch im Rohr aufzuklären und bin sogar bereit, die Straßenseite zu wechseln und auf das restliche Vitamin-D zu verzichten, wenn das seinen Puls beruhigt. Beim  Überqueren der Straße dann wieder. AUSLÄNDER! ÜBERALL! Er ist immer noch circa dreißig Meter entfernt, denn er ist langsam. Ich bleibe stehen und warte auf seiner Seite auf ihn, immer noch nicht ganz sicher, was ich ihm genau zu sagen habe, zwischen allem und nichts, wenigstens aber Kausalzusammenhänge klären. Ein junger Typ mit Brille, Lederrucksack und Käppi, läuft frohen Mutes aus Richtung Rollator an mir vorbei und mir wird klar, dass wohl er der zündende Funke für das Wutspektakel war, sich jedoch offenbar überhaupt nicht gemeint sieht, auch wenn das Gebrüll ganz klar auf ihn und sein etwas weniger weißes Gesicht gerichtet ist. Mich freut das. Der Kenner ist stehengeblieben -jemand ist mir zuvor gekommen und hat ihn abgefangen. Ach wie gut, da erschrecken noch Andere, da hört noch jemand hin, da wechselt noch wer die Straßenseite, da will ein Mensch nicht einfach vorbeilaufen. Gerade will mir warm werden, fast will ich verkitscht nebelig zufrieden dreinschauen, als ich begreife: Da will ein Mensch nicht einfach vorbelaufen, weil er sich verstanden fühlt. Jetzt singen sie das Ausländerlied im Chor.

Uns ist keine gerechte Gesellschaft gelungen *, denke ich, und gehe einkaufen.

*Aus dem Stück >>I am Europe<<, gesehen in Weimar, seither ständiger Satz in erschreckend ständigen Situationen