Amor Fati. oder: die Liebe zum Notwendigen & Unausweichlichen.

von Sven Glatzmaier

Stichwort: Standort West.
Plagwitz, in einer Seitenstraße der Karl-Heine Straße in der Nähe zum Kanal. Ein Auto, wohl im Auftrag von “Google Street View”, gleitet (schon fast) geräuschlos an meiner Aufmerksamkeit vorbei. Pssssssssssssssssssssst . . . ! Der Fahrer hantiert während der Fahrt geschäftigst an seinem Smartphone. Wohngebiet? Rechts vor links (wir befinden uns ja schließlich in Sachsen)? Egal… bestimmt unabdingbar, das Hantieren an diesem Ding, an dieser scheinbar so  unabdingbaren Monstrosität! Das Fahrzeug ist ausgestattet mit einer 360°Hightech-Kamera, die auf dem Dach des Vehikels an einer Art Stativ angebracht ist und welche aufgrund ihrer schieren Proportion superstrange wirkt. drollig/unbeholfen/bedrohlich/beknackt. Absurd wie eine, immer wieder von H.P. Lovecraft beschriebene, unmögliche Architektur… Die Kamera steht auf mehreren massiven, blitzblanken Beinen. Die dreibeinigen Herrscher*innen. Ich versuchte lediglich stille, freie Gedanken aus mir zu generieren. (beobachten) Pssssssssssssssssssssst . . . !

Stichwort: Geschulterte Umzugskartons.
Ich mutmaße: Eine Frau & ein Mann haben ein neues Zuhause. Oder einer von beiden. Oder keiner. Oder es ist eine Art von, äh- Workout!? Der heißeste Scheiss, von dem ich nichts weiss. Irrelevant. Vielleicht suchen sie momentan eine neue Bleibe, wären also wohnungslos (unwahrscheinlich – this is Plagwitz not L.A.). Vielleicht ziehen sie innerhalb Leipzigs um. Oder sie sind neu in der Stadt (& wären somit “Zugezogene”). Einen zugeknöpften Eindruck machten sie – während meines kurzzeitigen Betrachtens ihrer – auf mich nicht, trotz des beginnenden Klipp-Klapp-Wetters. Changes. Stichwort: Übergangsjacke. (fuck you! Zwiebeln fördern die Prävention) btw: Momentan findet sich lediglich eine als Jacke zu bezeichnende Jacke mit Kapuze in meinem Besitz: ein ausrangierter Bundeswehr Parka. Armeebekleidung als zweite – über einer im engeren Sinne doch pazifistischen – Haut, das fand ich doch zeitlebens interessant. Die Haut ist durchlässig. Subkulturelle Aneignung. Punks. Mods. Geschenke. In bildhafter Erinnerung an den grossartigen Film “Full Metal Jacket” von Stanley Kubrick. Und seinem Private Joker, dieser toll- ambivalenten Figur, auf dessen Helm (im Camouflagemuster) die Aufschrift “BORN TO KILL” prangt. PENG! An seiner Uniform ein Button mit dem Peace- Symbol. PING! Ich sitze in einem Schaufenster. Die Haut ist durchlässig. Ich bin der Betrachtbare, nicht zwingend zu betrachtende (mission: not impossible, but there also is no need) Betrachter.

Stichwort: Echtzeittransfer.
Phänomene ziehen an dem relativen Ausschnitt meiner Wahrnehmung vorbei, lassen mich aufmerken, verschwinden wieder, bleiben oder werden flüchtig.(Einige wenige kehren aus den unterschiedlichsten Motiven/in den unterschiedlichsten Frequenzen/ … den unterschiedlichsten … wieder) Variationen. Blätter performen Licht, Klang, Wind, Farbe. Changes. Kein Ort nirgends.

Unbekannte/weniger oder besser
Bekannte/Nachbarn (allesamt wertfrei
zu betrachten)/Freunde/Kiezpeople/
Flaschensammler*innen/Hunde/
Freundlichkeit/Ältere/Jüngere/Mittlere/
Schlenderer/…/Leute/Rollstühle/
Rollatoren & Tretroller/Fragezeichen/
Blickwechsel/Radikalere/Gezeichnete/
Radfahrer/Vögel/Einerlei/Zigaretten/
Kinderwägen/Personenkraftwagen
(dieses Leiden der Städte)/
ein Blumenstrauß!

Natürlich existiert da eine lustvolle Schublade, mit vagen Gedanken an ein Leben anderswo. An ein Leben anderswie. An ein Sein. “anywhere I lay my head” (radikal & zärtlich) Das Dasein. Oder: die Liebe zum Ausgewählten. Ich lebe hier.