Reißig und Völker müssen reden (14)

Jäger-E und die schöne Armee

Für diese Ausgabe der Konversationsreihe von Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient) greifen wir auf die Mitschrift einer historischen  Radioübertragung des Radio Lindenow aus dem Jahre 2019 zurück. In einer sowjetischen Provinz. Ein grauer Himmel dämmert über dem Permafrostboden. In einer Hütte auf einem kleinen Holztisch steht ein Bilderrahmen mit einer Reproduktion des Bildes „Heiliger Rising, den stoffgewindelten TV auf dem Arm tragend, vor den Fäusten der Zukunft, Anno 1989“. Neben dem Bilderrahmen steht ein Radioempfangsgerät.

Aus dem Radio, die Stimme eines Moderators: Herzlich Willkommen im Salon des Noch Besser Leben. Wir haben jetzt hier zwei nette Herren am Tisch. Es sind die ersten Gäste unserer Late-Night-Show von Radio Lindenow, heute live aus dem Noch Besser Leben. Kommt vorbei, wenn ihr es erleben wollt, es wartet noch verschiedenstes Programm auf euch. Jetzt aber erstmal, wie schon gesagt, zwei Herren, ein älterer und ein jüngerer. Aber, wer sie genau sind, werden sie euch gleich verraten und was sie genau machen auch. Ich wünsche viel Spaß bei “TV und RR müssen reden”. (Anmerkung des Transkriptors: gemeint ist RRTV müssen reden.) Im Hintergrund das Gemurmel eines Studiopublikums.

Timm Völker (TV): Herzlichen Glückwunsch! Da möchte ich Sie alle erstmal beglückwünschen, dass Sie hier dabei sind. Mein Name ist Timm Völker, ich bin ein Teil des Gesprächsduos “Reißig und Völker müssen reden”,bekannt aus dem Magazin Standort West. Worum geht’s? Es ist eigentlich eine ziemlich einfache Sache. Sie erleben hier ein Arzt-Patienten-Gespräch. Rising Reißig ist der Arzt, ich bin der Patient.
Rising Reißig (RR): Mit machtvoller Stimme. Hallo Timm.
TV: Du bist aber laut. Aber, du bist ja auch der Arzt, du bist ja die Macht.
RR: In sanftem, sedierendem Ton. Aber ich muss dich ja hören können.
TV: Bist du besoffen, oder was?
RR: Nein, ich säusele.
TV: Das ist gut. Bitte besäusele mich. Das gehört zu deinen erotischen Heilungsansätzen. Wir haben einiges zu besprechen. Ich reiße das mal schnell ab: Rising Reißig, Bürger der DDR, hat festgestellt, dass es in der DDR nicht weniger Ausländer gab, als in der BRD. Man sah sie nur nicht alle gleichzeitig im Alltag, da sie in einem 3-Schicht-System arbeiteten. Wir werden über das Kultgetränk Jäger-E sprechen. Desweiteren natürlich über den allseits beliebten Hass. Und wie schon angekündigt werden wir anhand verschiedener Beispiele erörtern, inwieweit rechtes Liedgut in Gebärdensprachchören an Prominenz gewinnt. Hierzu möchten wir Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer den Luhansker Gebärdensprachchor vorstellen, der hier im Studio live für Sie singen wird. RR entfährt ein klagendes Geräusch. Rising Reißig möchte, dass ich seine Hand halte, er zittert ein bisschen.
RR: Der Führer hatte auch Parkinson.
TV: Rising Reißig möchte auch unbedingt von seinem Verhältnis zur Sowjetmacht erzählen.
RR: Egal, wie die Abstimmung ausgeht.
TV: Ich würde sagen, wir stimmen auch gar nicht ab. Das hier ist Demokratie, da gilt das Führerprinzip. Also bitte, Rising, erzähle uns doch von deinem Verhältnis zur Sowjetmacht.
RR: Das war ein äußerst günstiges. Ich war 1991 mit Natascha in Sibirien. Ich hatte sie beim Studentenaustausch kennengelernt. Und am Tag der Auflösung der Sowjetunion bin ich über den Roten Platz gelaufen und war ganz gerührt.
TV: Welches Datum war das?
RR: Das muss irgendwie Ende des Sommers gewesen sein. (Anm. des Trankskriptors: Es war der 26.12.1991) Und dann bin ich nach Sibirien geflogen und wollte schauen, ob ich die Gebeine unserer Vorfahren dort noch im Dauerfrostboden liegen sehe.
TV: Meinst du deine persönlichen Vorfahren oder die Vorfahren der Menschheit?
RR: Mein Großvater und sein Bruder sind auf ihrem Kutschwagen bei einem Artillerie-Angriff der Roten Arme zerschossen worden.
TV: Im zweiten Weltkrieg?
RR: Im zweiten Weltkrieg!
Kurze Stille.
TV: Fahre fort.
RR: Du hast mich gerade so bedeutungsvoll angesehen.
TV: Ich wollte nur sagen, dass ich keine Nazi-Witze mehr mache. Es gab jetzt schon wieder mindestens zwei super Vorlagen. Aber ich kann das nicht mehr machen.
RR: Ich mach auch keine Russen-Witze mehr.
TV: Erzähle weiter bitte.
RR: Ich hatte damals so eine Russland-Hippie-Phase. Die russischen Hippies waren nicht wie Hippies angezogen. Die hatten nur geflochtene Armbänder, sogenannte Finitschki und wenn man darauf zeigte, während man durch das Land fuhr, hatte man sofort eine Übernachtung und Vodka sicher.
TV: Hast du auf dein eigenes oder das Fintischki eines anderen Menschen gezeigt?
RR: Ich habe auf gar nichts gezeigt, weil ich als Deutscher sofort erkennbar war. Man sagte mir, ich sähe aus wie der Obernazi aus einer Nazi-Fernsehserie, und alle lachten sich tot über mich.
TV: Die hatten keine Angst vor dir?
RR: Wir hatten ja den Krieg gewonnen.
TV: Wir hatten den Krieg gewonnen?
RR: Nein, die!
TV: Mit „Wir“ meine ich nicht, was jetzt alle denken. Die Sowjets hatten den Krieg gewonnen.
RR: Meine sowjetischen Freunde haben mir damals erzählt, dass in den weißrussischen Sümpfen Unmengen von deutschem Kriegsmaterial herumlag und irgendwelche russischen Neonazis haben sich die Uniformen angezogen und sind Anfang der neunziger Jahre (des 20. Jahrhunderts, Anm. des Transkriptors) schwer bewaffnet durch die Städte paradiert.
TV: Mit dem Ziel, das zur Schau zu stellen? Hast du das selbst gesehen?
RR: Leider nicht.
TV: Würdest du also dein Verhältnis zur Sowjetmacht als…
RR: Positiv!
TV: …positiv einschätzen? Du hast ja auch das Wort rosig benutzt.
RR: Habe ich rosig gesagt?
TV: Hast du.
RR: Ich glaube, ich habe „russisch“ gesagt. Apropos. Der Rote Platz heißt ja Красная площадь und красный heißt «rot». Aber gleichzeitig auch «schön» auf Russisch. Es war also nicht die Rote Armee, die siegte sondern die schöne Armee.
TV: Ideologisch ein äußerst interessanter Schachzug der Führer dieses Landes.
RR: Ich denke, die Sowjetunion hat deshalb den Krieg gewonnen, weil sie einfach schöner war.
TV: An dieser Stelle würde ich den Luhansker Gebärdensprachchor bitten, den Hörerinnen und Hörern und uns ein Lied darzubieten. Der Song heißt «Follow The Leader» auf deutsch «Folge dem Führer» von Erik B. & Rakim. Stille. Man hört das Geräusch von aneinander reibenden Kleidungsstücken und heftiges Atmen. Applaus Studiopublikum.
TV: Das war der Luhansker Gebärdensprachchor mit seiner Interpretation des Songs «Follow The Leader» von Eric B. & Rakim. Unser nächstes Thema ist Jäger E. Ich wollte gerade mein Mobilfunktelefon zücken und die Person, die mich zu diesem Thema inspiriert hat, anrufen, aber wunderbarerweise ist er hier im Studio erschienen und ich glaube, er wird uns jetzt zwei Jäger E klar machen. Ich habe noch nie in meinem Leben «Red Bull», was ein klassischer Bestandteil eines Jäger E’s ist, getrunken. Jägermeister, die andere Zutat, schon. Aber in Kombination noch nie. Wie sieht das bei dir aus Rising?
RR: Red Bull hab ich schon mal getrunken.
TV: Hier werden jetzt auf einem kleinen Podest hinter einem Kunstpflanzengewächs von einem schönen jungen Mann unsere Drinks bereitet. Und ich bin schon sehr gespannt, was dieses Mixgetränk mit uns macht. In Russland, so haben wir von Rising erfahren, werden Deutsche freudig empfangen und sorgen für Lachen, weil sie aussehen, wie die Hauptfiguren in Nazi-Serien. In anderen Ländern aber wird dem gewöhnlichen Deutschen, egal ob Frau oder Mann, beim Betreten eines Lokals, und sofern sie oder er sich durch Äußerungen oder Habitus als Deutsche oder Deutscher zu erkennen gibt, sofort und ohne jedes Zögern ein Glas «Jäger-E» auf den Tresen gedonnert. An dieser Stelle ein Gruß an Kürbis am Tresen unten, falls sie mich hört. Sie hat das nämlich genau so mehrmals erlebt. Und ich finde das auch völlig legitim. Es ist eben das Getränk der Deutschen.
RR: Aber Red Bull ist doch ein österreichisches Getränk.
TV: Aber «Jäger-E», es ist diese klassische Kombination. Und… ich kann schon wieder keinen Nazi-Witz machen. Du vielleicht? Gelächter aus dem Publikum.
RR: Ujabalara…
TV: Aber die Leute lachen ja schon, weil sie wissen, was gemeint ist.
RR: Mir fällt grad mein Lieblingswitz ein: Essen zwei Kanibalen einen Clown. Da sagte der eine, der schmeckt aber komisch. Buhrufe des Studiopublikums.
Ist das faschistisch?
TV: Nein, das ist nicht faschistisch. Und hier kommen auch unsere Drinks
Der Drink-Mixer (DDM): Lasst’s euch schmecken, Jungs.
TV: Dann erst mal ein zünftiges Jäger-E-Prost hier in die Runde.
Aus dem Publikum: Prost Junge. Proooooost. Gläser klirren.
TV: Mmmh… mmmmmhhhh
RR: Es ist unglaublich eklig.
TV: Was ist das? Was passiert mit meinem Geschmacksknopsen?
DDM: Das ist das, was alle trinken.
TV: In dieser Welt lebt ihr also.
RR: Aber die Legende besagt, dass die Zutaten des Red Bull aus Thailand stammen.
TV: Thailändische Bullenpisse, ja. Komm, wir gießen mal noch etwas Jägermeister nach.
RR: Weil wir Deutsche sind.
TV: Als Deutscher bin auch ich ein Freund davon, Ideen, die man im Inneren des eigene Schädels kreiert, schnell und rigoros Wirklichkeit werden zu lassen.
RR: Aber Timm, hier in der DDR wurde man nicht als Deutscher angeredet. Die DDR war ein Kunststaat und international angelegt.
TV: Wie wurde man dann angeredet?
RR: Grundsätzlich als Genosse. Aber nicht als Deutscher.
TV: Kommt Genosse von genießen?
RR: Nein. Gelächter des Studiopublikums. Auf Russisch «товарищ». Auf Ungarisch «elvtár».
TV: Elfter? Elfter neunter, 9/11? Ich wittere eine Verschwörungstheorie. Aber wir schweifen ab. Gab es in der DDR Kräuterlikör?
RR: Aber natürlich!
TV: Gab es Energy-Drinks?
RR: Nein.
TV: Stattdessen?
RR: Arbeit. Anerkennender Jubel vom Studiopublikum. Da wurden nicht Energy-Drinks getrunken und dumm gequatscht. Da wurde gearbeitet.

Ende der Übertragung. Der neue Tag bricht an. Vor dem Fenster des Holzhauses sieht man ein Pferd ruhig über einen brach liegenden Acker gehen. Zwischen Resten von Schnee sucht es nach Eritrichium nanum. Das Leben geht weiter.