ZERO ZERO XOO))

– right here
right now

von Patrice Lipeb

Ein Abend im Oktober, dazu irgendein Wetter. In der Ferne das Geschrei der Lämmer. Engel stoßen Fanfaren in ihre Posaunen. And a sick Horse is coming to town…

Dunkle Wolken vernebeln mir die Stirn und lassen die Gedanken hübsch im Kreis gehen. Im Vorbeiziehen schaben sie rasch ein paar Furchen ins Mark. Ein riesenhafter schwarzer Kater schleift bedächtig diabolische Krallen. Gleichmütig rammt er sie mir in den offenen Schädel. Der pochende Schmerz hinter meinen Augenhöhlen – ich könnte ihn greifen – erinnert mich daran, dass ich überhaupt existiere. Nach getaner Arbeit sind von meinem Hirn nur noch ein paar mundgerechte Fetzten übrig. Satt wälzt sich die fette Bestie auf die Seite und überlässt die Reste dem, was immer da noch kommen mag.

Gestern geriet eine Welt aus den Fugen. Für einen Moment hörte ihr steinernes Herz auf zu schlagen. Die Zeit blieb kurz stehen. Heute dreht sie sich die große Kugel einfach weiter. Bleiern und unbeteiligt, ganz so, als hätte sich auf ihrem geschundenen Buckel gar nichts zugetragen. Schwer auszumachen, ob sie damit Recht hat. An einem Mittwoch im Oktober geschah ein Verbrechen aus Hass nicht weit von hier. Stephan setzte sich seinen Helm auf, stieg ins Auto und fuhr nach Halle. Als er die Stadt wenig später hinter sich ließ, waren zwei Menschen nicht mehr am Leben. Heute, an einem anderen Tag, werden Kinder geboren und Gedichte geschrieben. Strahlende Augen voller Zukunft verlieben sich in sich selbst – als gäbe es keine Bosheit auf der Welt. Ein Schmetterling schlägt mit den Flügeln und im Bruchteil einer Sekunde zergliedert sich ein Strahl aus Licht an der milchigen Oberfläche eines Tropfen Abwassers. All das passiert an einem anderen Ort zur gleichen Zeit, ohne das geringste bisschen Sinn. Die Welt ist ein wunderlicher und recht gefährlicher Ort, in dem in spukhafter Verschränkung abertausende Menschen an Hunger, Alter, Krankheit und zu einem nicht unerheblichen Anteil an der gewaltsamen Einwirkung anderer Menschen zu Grunde gehen. Ein Wahnsinn das alles! Ein Held, der trotzdem lacht.

Mein Heimatplanet schießt mit über 100 000 km/h durchs Weltall, während ich unwillig auf die Straße trete. Wie mindestens sieben Milliarden andere Menschen glaube ich an die Exklusivität meiner Gefühle, nebst den von mir  täglich erlebten Nichtigkeiten. Wie sieben Milliarden Andere versuche ich mich trotz aller Widrigkeiten an einem Alltag.

Im Kalender steht heute der Besuch einer musischen Abendunterhaltung mit Caspar Brötzmann und Sunn O))) im Felsenkeller zu Leipzig. Trotz meiner latent depressiven Grundstimmung, allenthalben passend für ein derartiges Unterfangen, habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache. Unwillkürlich denke ich an einen Abend im November 2015 im Bataclan. Damals trat ich am nächsten Tag eine seit langem geplante Reise in die französische Hauptstadt an und besuchte bangen Herzens Freunde und Familie. Nach einer durchzechten, pulverweißen Nacht, einem unruhigem Flug und den sich anschließenden, ermüdenden Strapazen des Pariser Nahverkehrs führte mich mein Bruder – durch ein Gewirr von Straßen und Gassen – vorbei an der Redaktion von Charlie Hebdo bis in die Wohnung meiner Geschwister, unweit entfernt vom Place de la République. Als ich sie einige Zeit später nach den Hergang der Attentate befragte, berichteten sie mir, dass sie selbst in der verschlossenen Wohnung noch die unheilvollen Schüsse der Schrotflinte hören konnten.

Das alles ist lange her. Die Menschen von damals existieren schon längst nicht mehr. Sie sind allesamt zu etwas anderem geworden. Wenn ich heute diese Begebenheiten aufschreibe und Kraft meines Willens in Beziehung setzte, kommt es mir nicht so vor, als hätte ich das Geschriebene selbst erlebt. Vielmehr erscheint es mir so, als würde ich die Erinnerungen eines Anderen wiedergeben. Am Ende hat nichts in dieser Welt Bestand und am wenigsten unsere Erinnerungen und Gefühle.

Draußen auf den schmutzigen Straßen sind Sirenen, eine Menge Autos, viel Stein und Beton. Darüber liegt ein Gefühl von Misstrauen und Beklemmung. Zumindest lässt sich das für Personen meines Phänotyps so an. Passanten scheinen mir um mich herum verändert. Doch der Schein trügt, denn ich bin es, der über Nacht ein Anderer geworden ist. Verstohlen suche ich in der indifferenten Schar fremder Gesichter zu lesen. Bruder, Schwester, was denkst Du? Wie ist es dir ergangen?

KEINE ANTWORT.
NIEMAND SPRICHT!
ICH GEHE WEITER

und versuche die lästige Paranoia irgendwo hinzuschmieren. Schließlich lässt sich nur in den wenigsten Fällen einem Gegenüber die Gesinnung an der Nasenspitze ansehen. Und was macht es auch für einen Unterschied, zu wissen, wen Mensch da vor sich hat?

GANZ NEBENBEI ZERSPRINGT MEIN HERZ.

Ist die Zeitkoordinate nur lang genug sinkt die Überlebensrate gegen Null, höre ich die Synchronstimme von Edward Norton durch den Echoraum hallen, der gestern noch mein Schädel war. Und verdammt nochmal Recht hat er: Zeit ist kostbar und gestorben wird am Ende reichlich! Wie die Fliegen stapeln sie sich, die Gebeine all derer, die nun eben Pech gehabt haben, auf dem Fenstersims der Geschichte. Und wenn Du noch da bist, kannst Du ja genauso gut auch weitermachen. So denke ich mir, bevor ich mir sage, dass der Mord von gestern auch nicht exklusiver ist, als all die Morde, die da waren und ihn im Grunde nichts viel schrecklicher macht, als all die fürchterlichen Morde, die da noch begangen werden. Vielleicht erstickt gerade jetzt in einer Nachbarwohnung ein Jemand seinen Goldfisch oder ein Kind, nicht ganz mehr so jung, vergiftet heimlich seinen Kanarienvogel – wer weiß?

Dieses verdammte Pulver bringt mich noch um den Verstand. Bevor es soweit ist, betäubt es zuverlässig so ziemlich alles, was sich denken lässt. Es zerstört meine Nase, versteinert mein Herz, nivelliert meine Gefühle und zerfrisst im atemraubenden Tempo Hirn und Leber. Kurz gesagt es bringt mich um! Ungeachtet dessen portioniere ich leise weiße Steinchen auf dem Klodeckel des Felsenkellers. Alibimäßig betätige ich die Spülung und beuge mich vor in  Richtung Klodeckel. Eine schier unbeschreibliche Kälte verschafft sich, ausgehend von meinem Rachen, ausufernd Raum. In meinem Inneren ist nichts mehr zu finden außer einer bedrohlich zuckenden, kalten Flamme. Die äußere Welt scheint hell und doch irgendwie weit weg, als hätte sie jemand sorgsam in dicke Schichten aus Glas verpackt. Was alle Welt an dieser Droge findet, war mir schon immer ein Rätsel. Trotzdem trat sie irgendwann kometenhaft in mein Leben. Ich weiß nur, dass vorher alles unbeschwerter war.

Langsam füllt sich der große Konzertsaal. Ich dränge mich zurück nach draußen an einer Gruppe Menschen vorbei, um noch schnell was zu rauchen. Als ich an einer Art Geländer lehne, schiebt mir Adam lächelnd ein paar Pilze in den Mund. Kurze Zeit später finde ich mich mit Matthias auf der Tribüne hinter dem Mixer im Konzertsaal wieder. Ich fühle mich bereit – warte auf den Trip, der sich in beständig wiederkehrenden, klitzekleinen Schauern ankündigt. Als wir ankamen, haben Matthias und ich gemeinsam die Notausgänge inspiziert. Jetzt bin ich bereit für das Konzert.

Brötzmann erscheint, ohne das kleinste bisschen Applaus mit einem vierseitigem, cremefarbenen Jazz-Bass bewaffnet auf der Bühne. Als ich meinen Begleiter auf die verhaltene Begrüßung des Publikums aufmerksam mache, stößt der Bärtige umgehend einen spontanen Schrei der Verzückung aus und röhrt aus voller Kehle: „Jaaa Caspar Uuuuhuu!“ Ich schäme mich nur kurz. Denn die mächtige Schallwelle einer gigantischen Bassfrequenz rasiert mit einem Mal im finsteren Stakkato-Rhythmus quer durch den Raum und bricht sich hörbar an der Wand hinter dem Tresen. Mechanisch appliziere ich meinen Gehörschutz. Unwillkürlich geht mein Blick nach oben in Richtung Kronleuchter. Doch ich kann keine Bewegung ausmachen. Der gefühlt zwanzig Meter lange Holztresen hinter mir vibriert allerdings merklich im Takt. Brötzmanns knapp einstündige Performance lässt sich in fünf thematisch verwandte Klangwelten unterteilen. Dunkel mechanistische Bassläufe, werden mit infernalischen Tapping-Sounds, die einem kolossalen Gewitterknall gleichen, auf’s Feinste polyrhythmisch zerhackstückelt, um sich schlussendlich in herrlich kontrollierte Feedbacks, die Brötzmann seinen zwei mannshohen Röhrenverstärkern entlockt, eklektisch zu entladen. Zwischendurch ist Stille. Doch niemand wagt, zu klatschen. Zu erhaben wirkt dieser Derwisch in seinem Auftreten. Immer wieder nimmt Brötzmann Anlauf, ein neues Klanggebäude einzureißen. Irgendwann ist Schluss. Erleichtert taste ich mich nach draußen. Die Pilze sind mittlerweile voll da.

Sunn O))) selbst hatten circa sechzehn Amps auf der Bühne. Können auch fünfzehn gewesen sein – schwer zu sagen. Vorwiegend alles Ampeg-Boxen mit Top-Teil. Das Ganze in zwei Reihen halbmondförmig aufgestellt wie Fragmente von Stonehenge. Nachdem der Raum mit dichtem Nebel geflutet war, wurde ich nur einen kleinen Moment lang enttäuscht. Ich hätte einen ähnlich infernalischen Auftakt der Kult-Band, wie zuvor von Brötzmann, erwartet. Denn immerhin leisteten sich die dunklen Zeremonienmeister vor Beginn ihrer Messe einen zaghaften Line-Check. Das war schön! Ich mag, wenn’s ein bisschen menschelt. Was dann folgte, war in jeder Hinsicht gigantomanisch. Vor meinen Augen brach sich eine Wand aus Nebel Sound und Licht. Um mich herum war nichts als Spektakel. Am Ende des Tunnels, inmitten all der Lichter, zelebrierten schwarze, bedrohliche Kutten hypnotisch einen mystischen Ritus. Unweigerlich verlasse ich meine Safe-Zone. Tapse schlafwandlerisch in den Nebel in Richtung Bühne. In der Menge entdecke ich so etwas wie Adam. Mit weit aufgerissenen Augen lächelt es mich an. Es scheint etwas zu rufen. Ich verstehe nicht ein einziges Wort und für einen kurzen Moment lang bin ich glücklich.