Nein, Eleven

Leserliche Schweigeminute

Die Mauer: Ein unmögliches Stück trivialer politischer Architektur, ein negatives Faszinosum, ein Zeugnis der weltweiten Verurteilung unseres  Sozialismusversuches. Deren Öffnung: Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich.

Die unfreiwillige sofortige Öffnung der Mauer durch Günter Schabowski war die Achillissehne des Ostblocks und der deutschen Gedenkkultur. Hätte er’s doch nur nach Plan gemacht, namentlich erst am nächsten Tag. Am Schicksalstag der Deutschen, unsozialistischer Esel. Nun müssen die Deutschen am falschen Tag gedenken. Günters Schusseligkeit führte zu dem Absurdum, dass der Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober gefeiert werden muss. Hätte Günter sich an die Regeln gehalten, wäre das der 10. November. Aber das er’s gerade am 9.11. machen muss. Deutsche die Deutsche umarmen, die denken, dass sie die gleichen Deutschen sind, am Tag, als der Kaiser seinen preussischen Hut nahm, als das jüdische Deutschland brannte. Wer soll denn da noch wissen, für was er zu schweigen hat? Für die Umarmten, für die Deportierten, für das abgedankte Monarchenpack, dessen Enkel kürzlich vom Staat ihre zu hübsch geratenen Schlösser zurückgefordert haben? Und da steht der Vergangenheitsverlassene Erinnerer mit dem Finger im Ohr beim Gedenken und hofft, der scharfe Fingernagel möge näher an den Verstand rücken, was abgeben von der Schärfe. Wo war die Bornholmer Strasse? Stand da eine Synagoge? Schmerzen im Nationalgelenk, dem deutschen Hirn, biegsamstes aller Körperteile. Es ist doch ok, wenn zum Mauerfall ein paar Jugendliche über ein Trampolin springen. Den Rest denkt man sich schon selbst. Und ein paar Kerzen für die Juden, die keine Kerzen mehr hatten. Und dann ab dem nächsten Tag wieder ganz normal Deutschland. Symbolik ist immer besser als Lernen. Heimlich: Jetzt hat der freche Jud uns noch den Einheitsfeiertag madig gemacht.

Die Mauer hat sich umgebaut. Sie steht jetzt an den Aussengrenzen des Wohlstands. 850 Kilometer an der Türkischen Grenze entlang, mit Schießbefehl und Pipapo, querfinanziert von der EU. Die Zeitgenossen habens gewusst: Die die Mauern wirklich kannten, wollten keine neuen. Die die Mauern nicht kannten, können sie auch heute nicht sehen. Im historischen Bewusstsein, wohnt etwas Erlebtes. Im nationalen Identitätsgeschwurbelgeschichtsbewusstsein wohnt etwas zukünftiges. Aber: Die Zeit verläuft anders herum. Nicht die kommenden November liegen vor uns, sondern die Vergangenen. Niemandem ist ersichtlich, was kommt, aber was war ist vor uns ausgebreitet. Das Ende der Mauer war nicht das Ende der Mauer: Das Kapital ist schlauer Geld ist die Mauer. (Heiner Müller). Die Waffenexporteure ernten die Früchte ihres Unzorns. Die Armen der Erde. Zum Fall der Mauer strömten alle über die Grenzen. Heute folgen die Grenzen der Strömung –

Das Mittelmeer ist Ein unmögliches Stück trivialer politischer Architektur, ein negatives Faszinosum, ein Zeugnis der weltweiten Verurteilung unseres Imperialismusversuches.

Die notwendige Forderung muss heißen, zur Auflösung dieser: Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich.

Die Nemesis wäre, endlich zu reden, statt zu schweigen. Eins und elf zusammenzählen.