Abzeitz vom Westen _1

von Michael Schweßinger

Nach Zeitz. Da müssen Sie ja von dort kommen, sonst zieht man ja doch nicht nach Zeitz“, meinte der Mensch von der Hausverwaltung, als ich bei der Wohnungsübergabe in Lindenau meine neue Adresse angab. Dass die Wohnung eine Woche später auf den gängigen Immobilienportalen mit 15 qm mehr ausgewiesen wurde als zu meinem Einzugstermin 2009, passte ins unrühmliche Leipziger Bild des Jahres 2019. „Zeitz, wer zum Teufel zieht nach Zeitz? Da liegt doch der Hund begraben“, meinte der Möbelpacker, nur, um mir wenig später stolz zu berichten, dass er letztes Jahr in die Weltmetropole Eilenburg gezogen war. Zeitz, so scheint es, hat nicht den besten Ruf und manchen Menschen muss man erstmal erklären, wo Zeitz überhaupt liegt und außerhalb der Leipziger Blasen ist es ja bekanntlich gefährlich im Osten. Die Grenzen wie immer im Kopf.

Von Plagwitz fahre ich ‘ne halbe Stunde nach Zeitz, würde ich in der Eisenbahnstraße wohnen, wäre die Entfernung nach Plagwitz ähnlich. Im Le Petit Franz war Zeitz dann doch zufälligerweise in der Diskussion am Nebentisch „the hottest place to be“; nachgeschoben die Bemerkung, „voller Undergroundkünstler, da könne man noch einen neuen Neo entdecken und günstige Immobilien gäbe es auch.“ Auf dem Rückweg nach München also unbedingt mal durchfahren, so der weitere Tipp vom Junior an den Vater. Häuser gibt es viel, da hatte er recht. Auch viele, die leer stehen, aber aller Voraussicht nach wird Papa das erst in zehn Jahren gut finden, wenn die Sache nicht mehr hot, sondern bereits lauwarm ist, dachte ich mir und legte meine Erfahrung von Leipzig unter diese Aussage. Als ich 2002 beschloss, von Bamberg in das aus fränkischer Vollsanierungsperspektive fürchterlich  heruntergekommene Leipzig zu ziehen, stieß ich auf ähnliches Erstaunen und Skepsis bei Freunden. Niemand verstand wie man in den Osten ziehen konnte. Mir war das egal. „I took the one less traveled by, and that has made all the difference.“, war schon immer mein geheimer Wahlspruch. Ich mochte diese Mischung aus Verfall und Neugestaltung. Ich mochte diese Menschen mit unklaren Lebensläufen, mit Ecken und Kanten und nicht so viel Zielbestimmung im Leben. Ich war in dieser Stadt am freiesten, als ich gar nichts davon wusste, dachte ich mir mal, als die Leipziger Freiheit schon zum Plakatmotiv verkommen war, sich mehr über die Auswahl der Gin-Sorten in den Kneipen definierte und nicht über ein Lebensgefühl. Ich hab‘ das mal in einem Text versucht zu beschreiben: „Wir grillten in Leipzig auf Gehwegen, bevor das City-Management dafür einen Namen fand und es Leipziger Freiheit taufte. Als Leipzig offiziell frei war, grillten wir nicht mehr auf Gehwegen, obwohl jeder nun sagte, dass Leipzig so unglaublich frei sei.“ Ich glaube, zur Freiheit gehört immer etwas Naivität und Unschuld. Das Leipzig dieser Jahre war für mich deshalb auch immer etwas Organisches, das sich weder plakativ darstellen, noch vermarkten lassen wollte. Morphologisch nicht leicht zu greifen, eher emotional. Vielleicht der Brüchigkeit der Poesie verwandt. In Zeitz kann dir wieder alles passieren, dachte ich mir, als ich nächtens durch eine der houseofusherreichen Straßen schlenderte und mir ein Typ mit verspiegelter Pilotenbrille und in diesem typischen „Fight or flight“ -Gang entgegenkam. „Ins Kristall bald dein Fall!“, gab ich ihm etwas aus dem „Goldenen Topf“ mit auf den Weg und dachte darüber nach, dass E.T.A. Hoffmann im Jahr 2019 in Zeitz vermutlich eine Methamphetamin-Geschichte daraus gemacht hätte. „Extinction Rebellion“, war in der Leipziger Fußgängerzone die Parole der scharlachrot Gekleideten, die gegen das Aussterben der Arten demonstrierten. In der Zeitzer Fußgängerzone sammelten die Einwohner Unterschriften gegen die Schließung des Klinikums und der Geburtsstation zum 31.Dezember. „Storch ohne Landebahn, in der Stadt der Kinderwagen“, stand auf einem Plakat. Die Neuzeitzer sind ab 2020 Naumburger, das ist schon symbolisch mächtig auf die Fresse, wenn man sich ein wenig in die ruhmreiche Geschichte dieser Stadt vertieft. Auch eine Form von Extinction Rebellion? In meinem Gedanken vermischten sich die beiden Welten, erzeugten Ambivalenzen und Allianzen. In der Rosa-Luxemburg-Straße in Zeitz zählte dann wieder die eindeutige Parole „Extinction Herbstlaub“, der Monat Oktober, High Noon für die Laubbläser. „Die schlimmste Jahreszeit!“, so flüsterte die wachsame Concierge im Untergeschoss bei einem Plausch am Briefkasten im leicht verschwörerischen Tonfall, als handle es sich hier um ein gruseliges Geheimnis. „Die Zeit des Herbstlaubes. Zweimal am Tag den Gehweg vom Herbstlaub befreien!“ Es klang alles sehr apokalyptisch in diesen Tagen, auch wenn die Apokalypse viele verschiedene Stränge und Enden zu haben schien. In Zeitz kann dir wieder alles passieren, dachte ich mir, als ich mit einigen Freunden um zwei Uhr morgens in der Unterstadt in einem Abbruchhaus landete, das irgendein sinisterer Herr im Kunstledermantel für 3000 Euro gekauft hatte. In diesem Haus befanden sich nur ein Billardtisch, psychedelische Wandgemälde und eine Flasche Ardbeg und noch einige andere Menschen standen vor sehr niedrigen Fensterbrettern im vierten Stock. Ein Gefühl wie ein David-Lynch-Film schlich sich durch meine Psyche. Du kannst mit einer Tasse Kaffee vor dem EDEKAMarkt am Rande der Innenstadt sitzen und beim Anblick der Gestalten macht dich ein Hauch von Verfall erzittern. Du kannst einfach Lesungen und Konzerte veranstalten und es kommen Menschen, denen nicht dieses „leicht-gelangweilt“ der kulturellen Übersättigung im Gesicht steht, sondern die sich einfach freuen, dass jemand etwas veranstaltet. Und du kannst vor großflächigen Plakaten  stehen, die die Mendl-Festspiele in Zeitz anpreisen und denkst dir: Wer verdammt nochmal ist Mendl und was hat der mit Zeitz zu tun? Und du stellst dann fest, eigentlich gar nicht mal viel, also weniger als Händel mit Halle oder Wagner mit Bayreuth, weder hier geboren noch hier gewirkt und war auch Anfang des Jahres zum ersten Mal in Zeitz, aber eben schon seine Festspiele hier. In Zeitz kann dir wieder wirklich alles passieren, selbst der Prototyp antiidentitärer Festspiele oder Dynamo Dresden im neuen Ernst Thälmann-Stadion. Es gibt viel zu berichten.