Reißig und Völker müssen reden (13)

Ich bin total friedlich, seitdem ich lebensbejahende Drogen genommen habe

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe begaben sich Rising Reissig (Arzt) und Timm Völker (Patient)auf die Waclaw-Dumnyrowery-Gedächtnis-Terrasse über dem ehemaligen Restaurant „Dr. Seltsam“, um dort ihre erotische Reise fortzuführen. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchen RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe zu bleiben und gegen den inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie in diesem Kampf gegen sich selbst den Sieg davon getragen haben, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt.

Außen, Tag. Das Teer-gedeckte Dach eines Anbaues einer Gaststätte in einer Seitenstraße im Leipziger Westen, RR und TV sitzen in etwa 3 m Höhe auf dem Rand des Daches, mit den Rücken zum Hof, in einer Ecke, zu ihren Füßen liegt angewehtes Laub, im Hintergrund Bäume, Häuser, Straßenlärm.

Rising Reißig (RR): Seitdem ich lebensbejahende Drogen nehme, bin ich viel friedlicher geworden.
Timm Völker (TV): Außerhalb des Bildes an der Kamera fummelnd. Das ist gleich der erste gute Satz. Da kannst du dann auch…RR fällt ihm ins Wort.
RR: Sag ja, Hund. Zeigt dabei auf sein T-Shirt, auf dem „say yes dog“ steht.
TV: Immer noch an der Kamera fummelnd. Das kannst du dann ja auch als Überschrift für unseren Talk nehmen: Ich bin ja total friedlich, seitdem ich lebensbejahende Drogen nehme. So sexy, sexy Georg.
RR: Schaut verwirrt, nimmt aus Verlegenheit seinen Tabak in die Hand und beginnt, sich eine filterlose Zigarette zu drehen, TV taucht im Bild auf. Herr Völker kommt ins Bild, Guten Tag Herr Völker. Eigentlich geht es ja um 30 Jahre Wende. Aber ich finde, der Titel lautet „Ich bin total friedlich, seitdem ich lebensbejahende Drogen genommen habe.” Timm, du wolltest über deinen Hass sprechen.
TV: Setzt sich und trinkt ein Glas Apfelsaft-Schorle, verzieht angewidert das Gesicht, stellt das Glas weg und starrt in die Kamera. Siehst du das, mein Kopf ist total groß. Hebt die Hände rechts und links neben seinen Kopf und symbolisiert die Größe einer Wassermelone. Können wir mal die Plätze tauschen?
RR: Versucht seine Zigarette zu Ende zu drehen. Jetzt gleich?
TV: Springt auf. Ja!
RR: Lacht und rutscht etwa einen halben Meter nach links. So?
TV: Ja. Setzt sich.
RR: Jetzt ist mein Kopf noch kleiner geworden, und deiner bestimmt noch größer. Blickt angestrengt auf das Display der Kamera.
TV: Blickt ebenfalls nach vorn. Glaub ich nicht.
RR: Du, dein Kopf ist immer noch groß.
TV: Beugt sich zurück, macht ein verzerrtes Gesicht und Flügelartige Gesten mit seinen Händen hinter RRs Kopf. Nee, jetzt ist das okay.
RR: Nee, aber sag mal, Timm, wieso…aber was macht dich so hasserfüllt? Wir haben doch seit 30 Jahren Demokratie und Frieden.
TV: Das ist eine gute Frage, Rising.
RR: Das passt doch zu dem Thema gut dazu.
TV: Also, ich hab auch darüber nachgedacht. Also, ich bin ja eigentlich jemand, der für Frieden einsteht. Ich habe letztens bei so ner Aktion mitgemacht, die „Fresse zeigen statt Fresse halten“ heißt, was ein recht schroffer Titel ist, aber eine sehr gute Sache. Da ging es darum, dass Leute aus der Kulturszene sich fotografieren lassen und kund tun, wofür sie sind.
RR: Hat endlich seine Zigarette fertig, legt das Tabak-Päckchen auf den Boden, trinkt einen Schluck Limo. Na, es geht um diesen AfD-Quatsch da?
TV: Es geht darum, dass Leute für etwas sind, nicht immer nur gegen etwas. Und ich hab lange überlegt, wofür ich bin.

TV Genuss und Leben verneinend, RR der Zukunft (Tabak) zugewandt

RR steht kurz davor, seine Zigarette anzuzünden, hat schon das Feuerzeug in der Hand, doch er holt aus seiner rechten Hosentasche ein Zellstofftaschentuch heraus und putzt sich die Nase. Also Brötchen, tschechische, sorbische Backkultur hier in Leipzig, gibt’s ja vielmehr als in anderen Städten, diese alten Bäcker.
RR: Das ist doch gar nicht sorbisch.
TV: Na wie heißt das? Sächsisch?
RR: Das hab ich doch ein paar Mal erklärt. Sorbisch gibt es nur in der Sorbei. Und es gibt Ober- und Niedersorben, die einen sind eher protestantisch, die anderen sind eher katholisch, in der Lausitz. Aber okay, ich wollte das nur nochmal kurz anmerken.
TV: Ich habe also überlegt ob ich für mehr Brötchen und leckeres Gebäck oder mehr Mülleimer in der Stadt bin. Denn von denen gibt es sehr wenige in der Öffentlichkeit.
RR: Aber da bist du auch schon wieder gegen was, da bist du gegen zu wenig Mülleimer. Zündet sich seine Zigarette an.
TV: Macht eine abwehrende Handbewegung. Nee…das…nee… Jedenfalls überlegte ich so vor mich hin, als ich in der Sonne saß, und stellte fest, wie friedlich hier doch alles scheint. Dann wurde mir klar, dass dieser Frieden nicht bedingungslos ist. Wir nehmen ihn jetzt inzwischen seit 70 Jahren als Normalzustand wahr. Aber ich finde, man sollte es nicht als zu normal akzeptieren, dass Frieden ist. Also im Sinne von, er ist einfach da, wie Sonne, Regen usw.. Es ist ja schon etwas, wofür gekämpft wurde. Das klingt ein bisschen absurd, für den Frieden kämpfen, aber es ist halt irgendwie… Stockt, schaut hoch. Es ist halt irgendwie so.
RR: Aber darf ich dich da kurz was fragen?
TV: Ja.
RR: Was ist denn eigentlich der Vorteil am Frieden? Weil, Frieden klingt so ein ein bissel wie Gott oder Heiraten…oder GELD.
TV: Ich finde, der Vorteil an Frieden ist, zum Beispiel, dass wir hier sitzen können, und nicht hinter irgendwelchen Schützengräben irgendwelche MG 3s oder so bedienen müssen. (TV meint wahrscheinlich die frühere Standardwaffe der deutschen Bundeswehr, das G 3 Gewehr oder das MG 43, die sog. „Hitlersäge“ des 2. Weltkrieges—der Tanskripteur. Anmerkung des Zweittranskriptors: TV nannte den Namen des Standardmaschinengewehrs korrekt MG3, welches ein Nachfolger des von RR fälschlicherweise als MG43 bezeichneten MG42 ist – unglaublich!)

Stets anderer Ansicht, dafür nie einer Meinung.

RR: Verzieht skeptisch sein Gesicht
TV: Weißt du, es ist auch nicht selbstverständlich, dass wir nicht in irgendeinem Schützengraben sitzen müssen, oder auch schon längst getötet worden wären. Und deshalb hab ich dann bei “Fresse zeigen statt Fresse halten” gesagt, ich sei für Frieden. Obwohl ich ja nicht so Hippiemäßig bin. Aber ich dachte mir, mal ein wenig selbstlos und ein wenig ohne Hass sein, das kann nicht schaden. Und für den Frieden. TV öffnet seine Hände, sie wirken wie eine Schale, jetzt könnte aus dieser eigentlich eine Friedenstaube aufsteigen. Ich glaube, wenn ich so oft vom Hass spreche, ich glaube, ich benutze das Wort Hass oder diesen Hass-Zustand als eine Art Ventil. Also, ich hasse nichts. Öffnet wieder die Tauben-Hände. Aber es ist mir gestern auch aufgefallen, dass diese Hasspredigten, die ich auch gerne… Lässt jetzt seine Handflächen rotieren . . . gegenüber dem Baumhasser Siegfried Steinert (Name geändert—der Transkriptor.) geäußert habe, meistens auf gegenseitigem Wohlwollen beruhen.
RR: Hebt seinen Zeigefinger. Siegfried Steinert liebt Bäume.
TV: Siegfried Steinert hasst Bäume.
RR: Also, ich kenne Siegfried Steinert schon länger, der hasst, äh, der liebt Bäume.
TV: Siehst du.
RR: Ach, scheiße
TV: Er hassliebt Bäume. Jedenfalls ist dieses Hass-Ding eigentlich so eine Art Spaß, aber irgendwie auch nicht. Es ist eine Über- – wie heißt das? – eine Überschuß-Reaktion. Nee, Übersprungs-Reaktion, irgendwas, was sich woanders angestaut hat, schafft sich Luft durch Phantasmagorien über Hass.

RR und TV in wachsamer Haltung durch Vernehmen von Vogelrufen

RR: Wedelt ungeduldig mit seiner linken Hand. Ähm, darf ich?
TV: Ja, mein Führer (Name geändert).
RR: Ich hab natürlich auch schon drüber nachgedacht auf dem Weg hierher. Und da fiel mir ein, wie ich etwas über den Sohn von dem Generalgouverneur im 2. Weltkrieg in Polen gelesen hatte. Der Vater wurde als Kriegsverbrecher hingerichtet, und der Sohn ist froh darüber und schaut sich auch immer mal das Foto an, wie sein Vater nach der Hinrichtung daliegt, mit gebrochenem Genick. TV: Wieso werden von Hinrichtungen eigentlich Fotos gemacht?
RR: Na, bei so nem Kriegsverbrecher wie Franck oder auch bei Che Guevara wurden von ihrem Tod Fotos gemacht, wahrscheinlich für die Anhänger als Warnung. “Macht das nicht wieder“– wie so ein Verkehrsverbotsschild. Na, jedenfalls hab ich mir so gedacht, was haben wir denn so erreicht nach dem sozialen Experiment 3. Reich und Sozialismus und nach 30 Jahren Wende…? Mir kommt es so vor, dass die Menschen inzwischen in Selbsthass verfallen sind.
TV: Ah, ja. Mein Hass schließt natürlich Selbsthass nicht aus.
RR: Diese Menschen, die man heute so sieht, sind ja auch so hässlich. Ich weiß noch, wie meine Liebste – die durfte schon zu DDR-Zeiten in den Westen, dank Dauervisum, und musste in Nürnberg auf dem Bahnhof umsteigen. Jedes Mal kam sie fassungslos zurück: “Weißt du wie die alle rumrennen in Westdeutschland, wie die angezogen sind, wie die aussehen, dass geht ja gar nicht”, sagte sie damals.
TV: Die waren so hässlich, oder was?
RR: Na, die waren so hässlich angezogen. Damals mit lila oder magenta-farbenen Kunstfaserpelzen.
TV: Wann war das?
RR: 1980er würde ich sagen. Und damals war uns schon klar, dass wir die Bundesrepublik hier nicht haben wollen aus ästhetischen Gründen.

Wer wissen will, wie es TV und RR über die Aufarbeitung der Wende, den permanenten Krieg und den Verlust der Freiheit gelingt, doch noch bei der Liebe zu landen, sollte die Aufführung des gesamten Gespräches als Film im  Vereinsheim „Besser Leben“ nicht verpassen. Termin in den sozialen Netzwerken.

Das Fotoprojekt “Fressezeigen statt Fresse halten” finden Sie unter:
fresssezeigenstattfressehalten.de