Kein Ort nirgends

Gehören und dazugehören wollen

von Markus Pohle

L-Markt, abgehalfterter Ku‘damm meiner Träume! Platz der Himmlischen Sieben auf der Gitterbank, Times Square fürs Grobe, Tahrir der Unbefreiten, schrulliges Dreieck mit mangelnder Begrünung. Als ich dich das erste Mal gesehen habe, hattest du noch nicht mal ein Kaufland. Es war Winter und es ist neun Jahre her. Es schneite so stark, dass ich von meiner zweitklassigen Komfortzone am Adler zu Fuß gehen musste, weil Manfred und Jörg von den LVB ihre frisch frisierten Tatra- Bahnen nicht mit vollgepinkeltem Schnee verunreinigt haben wollten, der den Leuten von den Schuhen schmolz, sobald sich hinter ihnen eine Tür schloss.

Ich habe eine Schulfreundin besucht, die auch hier hergezogen war und in einer deiner Seitengassen wohnte. Aus Google Maps haben mich 50 aufgepumpte Faschos angestarrt, als auf der Karte drei Millimeter neben dir NPD-IRGENDWAS stand. So leicht kriegste mich nicht, dachte sich mein geschultes Chemnitzer Radar, ich bin schließlich zum Abendbrot eingeladen. Dann war da auf dem Weg dieses traurige Plätzchen, das ich mehr oder minder unbewusst überquerte, um am Ende in die Demmeringstrasse abzubiegen und noch einen kleinen Linksschwenk zu laufen. Es war dunkel und abends und verschneit, es war niemand da, niemand im Sinne von kein Mensch. Das ist sehr lange her und das will hoffentlich auch keiner wissen. Im alten Nazihäuschen um die Ecke gibt es jetzt afrikanisches Essen (inadäquate Verallgemeinerung, aber das steht nun mal so dran), der Späti war zwischenzeitlich schon mal besser besucht, aber es gibt jetzt, wie gesagt, ein Thankgodfor: Kaufland. In die Bausubstanz vom MoPro- und Gemüsepalais ist eine alte Hausfassade eingefasst, was eigentlich erst so richtig bescheuert aussieht, wenn man auf dem oberen Parkdeck hinter der höher als räumlich notwendig erhaltenen Rückwand steht. Fenster ohne Raum dahinter. Sieht man von unten nicht, Aufgabe erfüllt. Ein Freund hat mir von seiner Zeit auf dem Bau erzählt, dass immer, wenn einer beim Dachdecken was versemmelt hat, ein anderer ohne Vorwarnung runter musste und dann wurde abgefragt, ob man einen Fehler sieht. Giebel? Nö. Gaube links? Nö. Gaube rechts? Nö. Sei‘s drum, solang keiner seine Brille aufsetzt. Die Gebäudeplanung muss hier genau andersherum stattgefunden haben. Das hat keinen Sinn, aber wir müssen‘s 1a verputzen! Vom Denkmalschutz, der vorm mal Denken schützt, mal abgesehen. Dieses Fleckchen, wo ich mittlerweile wohne, ist nicht mal halbgar gentrifiziert. Oben hui, unten zappenduster. Immer, wenn ich von hier weg bin, habe ich mit allen diesen Dingen, die das eigene Umfeld ausmachen, ein bisschen Mitleid. Mit dem glorifizierten Assi-Chic, mit den echten zertretenen Zigarillos, mit den unausgesprochenen Vergangenheiten, mit dem ewig gleichen Deutsch, das halbbetrunken über die Straße schallt. Mit den Fotos, die ich und meine Herde in einer sich weit weg anfühlenden Zeit da gemacht haben, mit Seidenjacken an und bekloppten Gesichtsausdrücken und von uns gereckten Armen. Eine prollige Zeichensprache hatten wir, mit zu einem L geformten Fingern, als wäre das hier das L wo nur das A fehlt, das Nachäffen vom komischen Dialekt der eingeborenen Fremden, die symbolische Vereinnahmung eines Ortes, zu dem man nicht eigentlich gehört, aber an dem man nun mal ist. Ich bin hier, also bin ich. Mir gehört auch ein Stück. Gib das, ich kann‘s halten. Ein komisches Mitleid, ein persönliches, eins an dem die eigene Geschichte hängt. Vielleicht ist eine empathische Verbindung zu dem Ort an dem man lebt, das, was Menschen Heimat nennen. (Wenn das einer liest! Schwuppsdiwupps haste ‘ne Deutschlandfahne am Kleinhirn baumeln! Rückrudern.) Das wird aber immer schnell eklig. Vielleicht ist man besser nirgendwo zuhause. Aus dem Radio plärrt ein schlimmer Schlager: Immer, wenn es Zeit wird, zu gehen, verpasse ich den Moment und bleibe stehen. Das Herz sagt bleib, der Kopf schreit geh. Ich denke es ist Max Giesinger, aber es Joris. Mistichristi. Hier kurz seine Diskographie – 2015: Bis ans Ende der Welt. 2016: Sommerregen. 2018: Signal. 2018: Rom. 2018: Das sind wir. 2018: Kommt schon gut. 2018: Feuerwesen. 2018: Glück auf. 2019: Du.
Ok, man ist definitiv besser nirgendwo zu Hause. Gehören und Dazugehörenwollen, weil man öfter über dieses Stück unbewohnbaren Asphalt gelaufen ist als über ein anderes, ist dummes Gewäsch. Wo kommt dann diese alberne Pathetik im Kopf her? Arendt über Brecht:

“Mitleid ist eine Leidenschaft, und der Leidenschaften ist der Mensch nicht Herr. Nur eigentlich leidenschaftslose Menschen sind vollkommen souverän. Unsere Eigenschaften zeigen wir gerne vor, jedenfalls solange wir uns des Beifalls in der Welt einigermaßen sicher sein können. Mit den Leidenschaften steht es anders, wir verbergen sie, auch wenn wir uns ihrer nicht schämen brauchen.”

Ich hebe meine Hand zur Stirn, Klein- Ring- und Mittelfinger geballt, den Zeigefinger nach oben gestreckt und den Daumen rechtwinklig abgespreizt. Es fühlt sich nicht natürlich an. Ein Elefant im Raum wird nicht niedlich, wenn man ihn Benjamin nennt.