Reissig und Völker müssen reden (12)

Alles soll am Ende sein

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe kehrten Rising Reißig (Arzt) und Timm Völker (Patient) in den Salon des Noch Besser Lebens zurück. Hier begann vor einem Jahr ihre erotische Reise. Seitdem lassen sie die Leserinnen und Leser teilhaben an Konversation über DDR, Kapital, Fortpflanzung, Fäkalien und den unerschütterlichen Glauben an die aufgeklärte Welt. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten RR und TV auch diesmal am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und gegen den inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Innen, Tag. Ein dunkelroter Vorhang, davor ein Tisch mit einer dunkelroten Decke. Darauf eine Ausgabe des Standort West vom September 2018, eine weiße Keramiktasse gefüllt mit 3,5% H-Milch und eine weitere Tasse gefüllt mit türkisch aufgegossenem Kaffee, sowie ein pinkfarbener Aschenbecher aus Metall und eine Packung Tabak. Rising Reißig und Völker sitzen sich auf zwei Holzstühlen gegenüber.

Timm Völker (TV): Fahre fort!
Rising Reißig (RR): Wir sind jetzt, äh, wir bewegen uns schon. Weil da der rote Punkt ist.
TV: Der rote Punkt ist an.
RR: Basaman Jagoma! Timm, hallo.
TV: Rising, hallo!
RR: Vor einem Jahr haben wir das erste Mal über Zukunftspläne geredet. Du warst ganz traurig über deinen Rentenbescheid. TV hält ein Exemplar der Standort West Ausgabe 09/18 in die Kamera. Ich fand es damals total skurril, dass du über deinen Rentenbescheid nachdachtest.
TV: Für mich war es das auch.
RR: Unvorstellbar, dass du da noch lebst.
TV: Genau das war damals der Punkt. Ich hatte in meinem jugendlichen Leichtsinn und Schwermut bis kurz vor dem damaligen Gespräch auch nie mit Sorge an den Rentenbescheid gedacht. Aber in einem meiner nächtlichen Grübelexkurse überkam mich plötzlich der Gedanke an das Alter. Und je näher das Alter rückt, desto realistischer wird es.
RR: Hebt den Arm und zeigt damit auf sich selbst. Hier ich! In meinem post-psychotischen Hirn rattert es gerade. Ich bin ja aus dem zweitgeburtenstärksten Jahrgang Ostdeutschlands, 1965 und was mir auffällt ist, als wir voriges Jahr hier saßen, haben wir über deinen Rentenbescheid geredet. Aber jetzt ist die Apokalypse eingetreten, wir werden ja alle im Sonnenlicht verglühen.
TV: Ist das so?
RR: Macht eine wirbelnde Handbewegung. Jedenfalls ist mir da wieder eingefallen, dass vor einem Jahr noch keiner darüber geredet hat und jetzt…
TV: …ist Weltende.
RR: In Bezug auf den Rentenbescheid ist das doch ganz positiv. Du stirbst in jedem Fall vorher.
TV: Liest aus SOW 09/18 vor. “Und seit dem ich das sagte sind 10 Jahre vergangen und ich lebe noch…blabla…ich komme mir alt und ängstlich vor.”
RR: Hast du das gesagt?
TV: Ja.
RR: Ich kanns nicht gewesen sein, denn ich BIN ja alt und ängstlich.
TV: Liest weiter: “Was ist denn Zukunft? Ist es nicht etwas, dass immer den gleichen Abstand zur Gegenwart haben müsste, sagen wir konstant 5 Jahre. Aber irgendwann scheint sie näher zu rücken.” Darauf antwortest du: “Deine Idee von Zukunft ist die Abwesenheit einer Perspektive und vielleicht verunsichert das ja zutiefst. Und dann bietet es sich natürlich an, sich einzubunkern in Rentenbescheide, Einfamilienhäuser und Kinderwägen.”
RR: Vor nem Jahr waren wir noch so naiv. Fortpflanzung, Häuser und das Für und Wider. Das sind so kleinteilige Themen und jetzt plötzlich ist die ganze Erde im Arsch.
TV: Aber war die Welt auch nicht früher schon am Ende. Dazu hätte ich von dir als Altvorderen und Zeitzeugen der atomaren Bedrohung gerne eine Aussage.
RR: Damals war nie die Rede davon, dass die ganze Erde auseinanderfällt. Heute ist es ganz anders und es sind wie zu Gustav-Adolfs Zeiten vor allem Schweden, die unsere deutsche Seele unterminieren. Mit der typisch schwedischen Destruktivität kommt zum Beispiel Greta Thunberg daher und verkündet das Ende der Welt.
TV: Alles soll also am Ende sein. Was bedeutet das? Heißt das, dass wir alles lassen können? Ein Freibrief noch rücksichtsloser und fauler zu werden?
RR: Nö, wir sind doch gar nicht faul. Es ist Sonntag und wir sitzen hier und arbeiten.
TV: Die Frage ist doch, was fange ich mit der Information an, dass die Zukunft im Arsch ist?
RR: Das ist eine Scheiß-Information.
TV: Ja, aber was bedeutet das?
RR: Befreit fühle ich mich davon nicht wirklich.
TV: Aber auch nicht so verunsichert, dass du den Freitod wählst oder alle Regeln des Anstands vergessend frei marodierend durch die Straßen wandelst. Du gehst ja immer noch auf Arbeit. Die meisten Leute machen das und bleiben in ihrem System.

Rising, der Arzt mit dem Dinoschenkel

RR: Es ist ja auch ein unerträglicher Gedanke. Stell dir vor, du sitzt in deinem Einfamilienhaus und hast gerade neue Winterreifen für dein Auto und den Kinderwagen bestellt. Dann kannst du die Erkenntnis, das dass alles völlig sinnlos ist, doch gar nicht zulassen. Natürlich geht es darum, dass die Klimakatastrophe verhindert wird.
TV: Aber du sagtest ja, dass das nicht mehr geht.
RR: Bei mir schwang schon letztes Jahr folgendes in dem Gespräch mit. Eine Zukunftsvision ist ein zartes Pflänzchen. Die kleine, private Vision. Irgendwas mit teuren Gitarren, Fahrrädern, Frauen denen man auf der Straße hinterherschaut, ein neues Hemd. Und dann kommen die Schweden mit ihren Atombomben und Klimakatastrophen und erklären ihre Visionen für die einzig gültigen. In der DDR war es der Weltkommunismus, danach der Weltkonsum. Und jetzt ist es die Weltklimakatastrophe. Es ist immer so brutal und allumfassend. Vielleicht ist der Rentenbescheid die letzte kleinteilige Vision, an der sich der Einzelne festhalten kann.
TV: Oder die letzte private Dystopie. Das kommt auf die Höhe an.
RR: Mein Sohn saß jetzt vor mir, er ist 21 Jahre geworden und sagte, in 20, 30 Jahren ist die Welt sowieso im Arsch. Und es ist ein total belämmertes Gefühl, seinem Kind gegenüber zu sitzen und, anstatt sich zusammen übers Erwachsenwerden zu freuen oder den Fakt, dass ich es als Vater geschafft habe, dass das Kind überhaupt so alt geworden ist, muss man sich damit auseinandersetzen dass die Welt zu Ende geht.
TV: Ja, aber! Hättest du deinem Vater an deinem 21. Geburtstag nicht dasselbe sagen können? Was hat er dir denn zu deinem 21. Geburtstag mitzuteilen gehabt?
RR: Bestimmt hat er „Herzlichen Glückwunsch“ gesagt. Ich war da gerade einen Monat wieder zurück von der DDR-Armee in der ich Friedenswacht gegen die Imperialisten gestanden habe. Damals hatten wir eine optimistische Zukunftsvision. Wir glaubten, wenn wir nur genügend aufpassten und unsere Maschinenpistolen gefechtsbereit hielten, könnten wir uns gegen die Imperialisten nicht nur verteidigen, sondern sie sogar in die Flucht schlagen. Worauf ich hinaus will, ist: Wenn die Atombombe geworfen wird, kannst du in den Keller gehen und dir die Aktentasche über den Kopf ziehen. Gegen die umfassende Klimakatastrophe kannst du aber gar nichts machen. Psychologisch äußerst ungünstig.

TV: Was sagt denn die destruktive Schwedin dazu? Ist ihre einzige Nachricht an die Welt „Hallo Leute, ich wollte euch nur sagen, es ist zu spät, die Welt geht unter.“ ?
RR: Ja klar, die lebensverneinende Schwedin sagt, dass die Welt untergeht und die Menschen bekommen Angst und kaufen sich schnell einen SUV.
TV: Die Klimadebatte ist also nur dazu da, den Konsum anzuheizen?
RR: Den Konsum von SUVs, ja. Die haben ja Klimaanlagen und sind auch geräumig und wenn die Plebejer und die Zombies kommen, bist du geschützt durch dickes Blech.
TV: In deinem eigenen Mikroklima. Aber was genau sagen die Klimaleute? Laufen die nur rum und geben Bescheid, oder plädieren sie dafür, etwas zu verändern?
RR: Als ich in der Psychiatrie mit völlig verballerten Schizophrenen oder geistig Behinderten gearbeitet habe, hat mir die Psychologin der Station erklärt, dass wir ressourcenorientiert arbeiten müssen. Wir dürfen den Leuten also nicht erzählen, wie verrückt oder behindert sie sind, sondern was sie können. Aber was kann man noch Positives sehen anhand dieser apokalyptischen Nachrichten?
TV: Das ist doch meine Frage!
RR: Aber das frage ich dich doch gerade.

Völker, der Patient in Trance

TV: Mir fällt nur der Antinatalismus ein. Alle, die jetzt auf der Erde leben, pflanzen sich nicht mehr fort und haben dadurch eine gute Zeit. Es gibt keine neuen Menschen, die ungefragt in eine zukünftig kaputte Welt geboren werden und die Menschheit entscheidet sich aus freien Stücken aus dem Lauf der Zeit zu treten. Die Existenz wird selbstständig beendet. Sagt Greta Thunberg so etwas?
RR: Nein.
TV: Ja, was denn dann?
RR: Sie sagt nur, wie es ist. Es ist doch auch wichtig, zu sagen, wie es ist. Aber wahrscheinlich unterschätzen die jungen Leute die Psychologie der Alten. Die springen ja nicht sofort auf und kündigen sämtliche Kredite und schmeißen ihr Auto weg.
TV: Warum auch? Was soll man denn dann machen?
RR: Das habe ich mich auch gerade gefragt. Wir in Nordeuropa leben ja in einer aufgeklärten, wissenschaftlichen Welt, die Religionen haben wir hinter uns gelassen. Und dann kommen wir via wissenschaftlicher Methoden zu der Erkenntnis, dass alles im Arsch ist. Uns bleiben also keinerlei Möglichkeiten der Vision. In der Religion könnten wir ja wenigstens noch beten gehen. Aber in der aufgeklärten Welt bist du verpflichtet, die Situation wissenschaftlich zu analysieren und wenn diese Analyse zu dem Schluss kommt, dass es vorbei ist, musst du das so hinnehmen. Was willst du dann machen? Es bleibt nur der Wechsel zu einer religiös-fundamentalistischen Weltsicht. Das scheint mir der Ausweg zu sein.
TV: Vielleicht verbreitet die destruktive Schwedin auch eine religiöse Botschaft.
RR: Du meinst, sie ist von den Moslems und der katholischen Kirche geschickt?
TV: Um eine neue Super-Religion zu erschaffen.
RR: Mir fällt kein anderer Ausweg ein, als komplett irrational zu handeln.

Beide gehen ab.