Kein Ort Nirgends

Joggen

von Timm Völker

Das Unheil begann am 11.12.2016, als der Vater mir sagte, ich solle etwas für meinen bald verfallenden Körper tun. Vier Monate später fing ich an, regelmäßig zu joggen. Es soll gegen tiefe Stimmung helfen und den Kopf frei machen.
Dass es bei mir zu ganz anderen Ergebnissen führte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

Meine Laufstrecke beginnt in der Merseburger Straße, von der ich in die Weißenfelser Richtung S-Bahnhof einbiege. An dem Block vor dem Bahnhof laufe ich nach links. Nachdem ich die Naumburger überquere, betrete ich die gerade asphaltierte Linie, die im Rahmen der Parkentstehung „Urbaner Wald“ angelegt wurde. Von hier führt der Weg in einer andere Zeit. Als ich vor Jahren nach Plagwitz zog, war der gesamte Bereich zwischen S-Bahnhof und Antonienbrücke ein Waste-Land voll von Schutt, Geröllbergen und wild wuchernden Pflanzen. Es zog mich häufig in diese Gegend, um nachzudenken, um die Hügel aus Dreck zu erklimmen und in die Weite nach Grünau zu blicken. Oder um auf einer der  Verladerampen zu liegen und beim Blick in den blauen Himmel zu realisieren, dass dort oben nur All ist. Rechts von der Asphaltlinie stehen die Garagen-Baracken mit dem Schornstein. Ich sehe sie und falle tiefer zurück. Am Ende einer Nacht gab mir jemand unweit von hier mit mahnendem Blick eine rote Tablette der Firma Mundipharma. Ich bewahrte sie lange eingewickelt in einen Kassenzettel vom Antonienbrücken-Aldi auf. Ein Jahr später beschloss ich, dass ein Schmerz in mir jetzt groß genug war, um sie einzusetzen. Ich erwarb ein warmes Bier und ging zu den Baracken. Ich entschied mich, auf das Dach zu steigen und dann die Spitze des Schornsteins über eine Metallleiter zu erklimmen. Oben angekommen, sah ich, dass jemand dort einen Bürostuhl ohne Füße platziert hatte, setzte mich hin und schluckte meine Medizin. Als das Bier alle war kroch ich wieder herunter und verlor beim Sprung von der Garage meine Sonnenbrille, die jener aus John Carpenters Film “Sie leben!” entsprach. Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, war es Nacht und ich fand mich auf einer Irrfahrt durch die gesamte Stadt in einem Taxi wieder.

Zurück von dieser Tour schmiss ich in der Morgendämmerung alle Schränke und Regale in meiner Wohnung um und stellte mein Bett hochkant in den Raum. Kurze Zeit nach dieser Episode verschwand der Stuhl vom Schornstein. Meine Brille fand ich nie wieder. Ich erinnere mich daran, während ich unter der Antonienbrücke hindurch und am alten Stellwerk vorbei komme, dass seit einer Weile wieder bewirtschaftet scheint. Ich bewege mich weiter an den Schienen entlang. Dort stehen die alten ukrainischen Dieselloks mit laufenden Motoren. Der Boden zittert, wenn sie losfahren. In meiner Kindheit ließ mich das Aufheulen dieser Lokomotiven zum Küchenfenster rennen und zuschauen, wie sie langsam und etwas leidend mindestens 25 Kohlewaggons aus den Tagebauen Richtung Westen zogen. Ich begleite die Loks ein Stück auf dem parallel zu den Schienen verlaufenden geschotterten Weg. Hier sind auch Teile des Videos zu meinem Song „Republik der Heiserkeit“ entstanden. „Wir lenken Richtung Zukunft oder werden nur geworfen“ sang ich und frage mich, was mein Ich von damals über mich im Jetzt denken würde. Es war anderer Schotter, mein Haar war länger. Und der Weg zu den Gleisen war ungeschützt. Damals ging keiner davon aus, dass hier jemand versehentlich auf die Schienen geraten könnte. Inzwischen tummeln sich Familien und die Schienenbesitzer zogen den Zaun hoch, um sich vor versehentlichem Übertritt mit Todesfolge und dann Zugverzögerung und Schadensersatzforderungen von diversen Geschädigten zu schützen. Auch die Containerhändler am alten Lokschuppen haben inzwischen einen Zaun um ihr Grundstück errichtet und zwingen mich, nach rechts ins Gestrüpp und die Steppe zu biegen, das letzte Stück Urzustand des Waste-Lands.

Da, wo jetzt ein Zaun die Gleise schützt, sang der Autor als ein anderer

Mein Weg zurück führt mich unter der Brücke auf der Asphaltlinie bis zu den Zollschuppenhäusern. Dort spielte ich eines meiner ersten Konzerte in Leipzig. Das Gebäude war dunkel und leer, der Boden mit Kohlenstaub bedeckt. Menschen wackelten von Rotwein und Bier animiert aggressiv zu der Musik, die ich als Punkrock bezeichnete und wirbelten dabei den schwarzen Staub auf, der sich auf alle Anwesenden legte. Es gab einen Haufen mit Büchern, der zum Tausch gedacht war. Die meisten wurden gestohlen. Irgendwer verkaufte Bärlauch-Senf. Den habe ich mir im Morgengrauen auf ein Brot geschmiert. Heute wohnen hier Menschen. Ein Restecho meiner Musik steckt in den Mauern und erreicht sie im Schlaf. An der Naumburger schaue ich kurz in Richtung Bäckerei, doch verweigere mir selbst die Pause und stelle mich nicht in die Menschenschlange vor dem Geschäft. Ich möchte mich noch ein wenig vom Vater unterscheiden, der den Sport mit dem Gang zum Bäcker zu verbinden pflegte. Wegen ihm bin ich doch erst auf diesen Jogging-Trip ins Tal meiner Erinnerungen geraten. Am Ende wäre der Gebäckerwerb das letzte Bauteil in der Konstruktion, die mich vollständig zu einem Abbild des Vaters werden lässt. Also biege ich in den Weg an der G16 ein. Wenn dort gerade gemalt wird, bewege ich mich mit reduzierter Atmung durch die Wolke aus Lack, Lösungsmitteln und Kraut. Daraus entwickelte sich mit der Zeit der Zwang, die Luft anzuhalten, im Versuch von der Tischtennisplatte bis zur Gießerstraße zu kommen ohne Luft zu holen. Das letzte Stück meiner Runde führt durch den Park am Kanal. Rechts oben die Brombeerbüsche, links unten die Trauerweiden. Auf dem schmalen Weg Reste von Schienen. Einst saß ich dort und konnte beobachten, wie ein offensichtlich unter Substanzeinfluss stehender Muskelberg, der aus einer der naheliegenden Tanzlokale gekommen sein musste, sich seiner Kleidung entledigte und in den Kanal sprang. Er gab Laute der Ekstase von sich, während er auf ein fahrendes Ausflugsboot zu hielt. Es war nicht erkennbar, ob er das Boot besteigen oder zum Kentern bringen wollte. Der Kapitän des Bootes fluchte auf sächsisch und versuchte dem prustenden Muskelmann auszuweichen. Verstörende Blicke der Passagiere im Austausch mit aggressiven Lauten des Wassermanns, bis dieser abdrehte und verschwand. Ich überquere das Wasser über die nicht waagerechte Brücke. Auf dem ansteigenden Weg zur Merseburger Straße beginne ich zu rennen. Ich versuche den Erinnerungen zu entkommen, indem ich an körperlichen Belastungsgrenzen kratze. Doch nur die tiefer liegende Vergangenheit als Wassersportler dringt ins Bewusstsein und der Satz des Vaters: “Wenn es schwarz vor den Augen wird, ist noch lange nicht Schluss.”