Future Mathe

Von Würfeln, Zeitschleifen und dem absoluten Standpunkt des Betrachters

von Patrice Lipeb

kleines Raumschiff treibt verloren in den Gestaden der Trunksucht. Ich schiebe Wache. Alle Mann unter Deck, Kapitän Ahab betritt die Brücke. Die Ratten haben das Schiff schon längst verlassen. Rauchschwaden züngeln unter schummrigem Licht. Leise klopft der Herbst an die Tür. Vor mir die letzten Gäste. Windschiefe Gestalten, Koksnasen und arme Säufer, allesamt auf der Suche nach ich weiß nicht wonach. Am Ende des Abends ist es egal, woher wir kommen. Am Ende ist das ganz egal! Wir bilden eine Schicksalsgemeinschaft aus Gestrandeten – jeder klammert sich ganz für sich allein an seine kleine Scholle Dreck in einem großen, weiten Ozean aus Einsamkeit und Nichts. Wir sind Gestrandete! Und wie Gestrandete teilen wir miteinander die letzten Habseligkeiten, die uns noch geblieben sind – unsere Erinnerungen.

Ein dünner Mann mit Glatze richtet wiederholt das Wort an einen dicken Mann, dessen Haupt ebenfalls eine ordentliche Glatze ziert. Ich zähle Geld und höre zu. Wie es scheint, haben die beiden so etwas wie ein echtes Gespräch. Das ist schön. Ich mag, wenn es zwischendurch ein bisschen menschelt. Außerdem ist ordentliche Konversation in meinem Berufsfeld eher selten. Klingt befremdlich – ist aber so. Der Genuss von Alkohol zur später Stunde mag wohl unbestritten die Zunge lösen – doch ist, was mich angeht, – damit in Sachen Wein und Wahrheit noch lange nichts bewiesen. Sei es drum! Lassen wir lieber die beiden Suffköppe – ich meine natürlich meine hochverehrten Gäste – zu Wort kommen: Der lineare Fluss der Zeit, oder besser gesagt, die Illusion dieses Flusses ist ein Effekt massereicher Objekte, fällt der dünne Mann dem Dicken energisch ins Wort. Zeit ist deshalb mehr so etwas, wie ein lausiger Zaubertrick als eine Entität. Sie ist nicht real, obwohl wir sie messen können. Der Redner wendet sich nach diesem Gesprächsbeitrag ermattet ab, um etwas Schnaps zu trinken. Das ist so nicht ganz richtig, erwidert der Dicke geduldig und mit starkem osteuropäischem Akzent. Du meinst bestimmt die Theorie der Raumzeit, Kollege. Du weißt schon, das Ding von Einstein? Ist im Grunde ganz einfach. Stellare Objekte, wie zum Beispiel Sterne oder Planeten oder was weiß ich, krümmen durch ihre Masse die Raumzeit. Du kannst dir diese Raumzeit-Dimension wie ein riesiges Tischtuch vorstellen, auf dem kosmische Objekte ihre Kreise ziehen und Spuren hinterlassen. Durch ihr Gewicht wird der Raum – in unserem Falle das Tischtuch – gekrümmt. Die Krümmung selbst können wir wahrnehmen. Und zwar als Gra-vi-tat-ion, doziert der Dicke zufrieden. Die Dimension der Zeit ist kein Tischtusch, erwidert der Dünne. Du kannst die Gewalten, die im Kosmos wirken, nicht mit einem lausigen Haushaltsgegenstand vergleichen, ohne das Gesagte sofort der Lächerlichkeit preiszugeben.

Nein! Höre mich erst an, bevor du antwortest. Ich habe eine Theorie: Wenn wir mit Lichtgeschwindigkeit reisen, steht für uns die Zeit still! Richtig!? Ich weiß, das ist allgemein bekannt, aber stell es dir nur einmal für einen Moment lang vor. Stell dir vor, wir könnten das Weltall bereisen. Wir würden aus Äonen in die dunklen Nebel aus kosmischem Staub gleiten und würden dabei Zeuge von der Geburt von Sternen. Stell dir das einmal vor. Wir reisen auf einem Strahl aus Licht entlang der Zeit durch den unendlichen Raum und werden unsterblich. Letztlich werden wir unsterblich, mein Bruder. Doch das ist unmöglich, entgegnet der Andere kühl. Kennst du das Gesetz der Trägheit? Je mehr du ein Objekt beschleunigst, desto mehr Energie benötigst du, um die Geschwindigkeit weiter zu erhöhen. Um Lichtgeschwindigkeit zu erreichen – bräuchtest du theoretisch eine unendliche Menge Energie. Photonen reisen mit Lichtgeschwindigkeit durch das All, weil sie keine Masse haben. Du kannst dich nicht einfach auflösen, wie ein Photon, Kollege. Die Unsterblichkeit hat also ihren Preis, konstatiert der Dünne und nimmt nachdenklich einen tiefen Schluck Rotwein. Kommt es nicht auch auf den Beobachter an? Beziehungsweise: Vergeht die Zeit nicht in Relation der Bewegung des Objektes zum Standpunkt des Betrachters? Unter uns gesagt, habe ich Physik noch nie richtig verstanden! Von den griffigen Formeln, die es fertig bringen, Zeit, Raum und Bewegung und was es da noch so alles gibt, auf ein paar wenige griechische Buchstaben, nebst arabischer Zahlen zusammen zu dampfen, ganz zu schweigen. Trotz meiner fachlichen Unkenntnis weckte die schön abstrakte Thematik ohne Zweifel mein mittlerweile ungeteiltes Interesse. Zur Sicherheit fasste ich etwas Mut in Form eines Calvados und begann mich vorsichtig in das Gespräch einzuschalten. Mit dem Standpunkt des Beobachters ist das so eine Sache, sagt der Dicke. Aber ja, im Grunde ist das nicht falsch, was du da sagst. Zeit ist relativ. Sagen wir relativ zu ihrem Beobachter. Das heißt aber nicht, dass sie nicht vergeht, solange niemand sie misst – verstehst du?

Irgendwie komme ich mir so vor, als hätte ich etwas ziemlich Dummes gesagt. Aus Unsicherheit rede ich einfach weiter. Wenn wir alle Informationen über einen bestimmten Zustand im Universum kennen würden. Das bedeutet, wenn wir zu einem bestimmten Moment ganz genau wüssten, wo sich jedes Atom und jedes noch so kleine Subatom befindet, könnten wir sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft des gesamten Universums und seiner Bestandteile – zumindest in der Theorie – präzise vorhersagen. Ich meine, dieses absolute Wissen würde uns eine geradezu göttliche Perspektive oder vielmehr einen allwissenden Standpunkt verschaffen. Zumindest habe ich das so irgendwo gelesen. Was willst du damit sagen, sprechen die Augen des Dicken – doch sein Mund zieht es vor, aus Höflichkeit zu schweigen. Genau wie die Heisenbergsche Unschärferelation, fällt mir der Dünne ins Wort. Das ist nämlich alles ein ganz großer Mist – was du da sagst. Das ist doch nur wieder so ein plumper Versuch, uns von der Wissenschaft her so einen weißbärtigen Opa-Gott unterzujubeln. Da mache ich nicht mit, Meiner! Sorry! Aber das ist meine Meinung dazu! Nein, aber ganz im Gegenteil, wehrt sich der Dicke, dessen physikalisches Weltbild, obwohl nicht persönlich angesprochen, sichtlich herausgefordert scheint. Heisenberg, das ist etwas ganz Anderes. Die Unschärferelation ist Schwachsinn, erwidert der Dünne beharrlich! Pass mal gut auf, Kollege, fasst sich sein Gesprächspartner wieder, nach einem kurzen und tiefen Luftholen. Kennst du das Doppelspalt-Experiment? Ich erklär es dir. Ist im Grunde ganz einfach, mein Freund. Du hast eine Lichtquelle, die auf ein Hindernis gerichtet ist. Im Hindernis selbst befinden sich zwei Löcher, dahinter ein Schirm oder eine Leinwand oder was weiß ich. Heisenberg sagt, also der Versuch ist nicht wirklich von Heisenberg, aber die Theorie der Unschärferelation besagt am Ende genau das: Wenn wir das Licht hinter dem  Hindernis beobachten, dann hat es die Beschaffenheit einer Welle. Die Muster, die wir beobachten entsprechen in ihrer Charakteristik der Form von Wellen. Verstehst du, was ich sage? Messen wir aber das Licht, bestimmen wir also den Ort, so hat das Licht den Charakter von Partikeln. Von Teilchen verstehst, du? Das ist verrückt, wenn du darüber nachdenkst. Die Leute – ich meine die Wissenschaftler, große Leute früher – auch hier in Leipzig – haben das damals einfach nicht geglaubt. Sie haben gedacht, der Mensch, also die Anwesenheit eines Messenden, hätte eine unmittelbare Auswirkung auf das Experiment, oder besser gesagt, auf das Ergebnis. Doch das ist der ganz falsche Denkansatz, verstehst du? Auch in einer – sagen wir – absoluten Laborsituation – im Weltraum machen sie schon lange solche Versuche – lässt sich auch ohne die Anwesenheit von irgendjemand, dasselbe Ergebnis erzielen. In anderen Worten: Es ist die Wahrheit! Heisenberg hat aus diesem Phänomen – also dem Verhalten der Photonen – abgleitet, dass wir auf Ebene der Quanten entweder messen oder beobachten können. So banal und gleichsam verrückt das auch klingen mag. Es bedeutet am Ende: Entweder wir bestimmen den Ort eines Photons oder wir beobachten seine Geschwindigkeit. Das Ganze musst du dir aber nicht wie eine technische Unzulänglichkeit vorstellen, sondern das ist Realität – Quantenwirklichkeit sozusagen. Ich könnte auch sagen, solange niemand hinsieht, genau solange hat das Teilchen streng genommen keinen eindeutigen Ort. Höchstens eine Anzahl von Wahrscheinlichkeiten, an dem es sich befindet. Es kann sich dabei mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit hinter dem Hindernis im Versuch und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Anus von Björn Höcke befinden. Du meinst, die Sache verhält sich so wie bei Schrödingers Katze? Solange ich nicht nachsehe, ist die Katze weder tot noch lebendig und darüber hinaus nur mit einer gewissen, wenn auch hohen Wahrscheinlichkeit, an dem Ort, an dem wir sie im Experiment vermuten? Es ist immer das Gleiche. Kaum fühle ich mich unsicher, fange ich an, geschwollen daherzureden. Das ist verrückt, wenn du darüber nachdenkst, wiederholt sich der Dicke. Aber momentan haben wir keine bessere Theorie, um uns das, was ist, zu erklären. Das ist alles Blödsinn, wirft der Kokser zusammenfassend von der Seite ein. Einstein hat den frühen Quantentheoretikern zugerufen, dass Gott nicht würfelt, erwidert der Säufer ruhig und mit fester Stimme. Ich bevorzuge ein Universum, in dem der Mond noch da ist – auch wenn ich nicht hinsehe. Das sind Einsteins Worte. Das ist alles totaler Blödsinn, sinniert der Andere, von Pathos und Inhalt der vorangegangenen Zitation gänzlich unberührt, vor sich hin. Totaler Blödsinn, sag ich dir. Ich will mich weder mit dir, noch mit Einstein anlegen. Ich kann mich aber an ein Theorem aus dem Bereich Quantenphysik erinnern, das ich konzeptuell ganz spannend fand, höre ich mich reden. Es dreht sich dabei um die Negation der Leere. Die was, fragt es von rechts? Die Negation der Leere, erwidere ich. In meiner Brust ist eine unglaubliche Leere, egal was die Typen dazu sagen, die Du gelesen hast, kommentiert der Dünne mehr oder weniger verbittert. Davon unbekümmert fahre ich indessen fort: Ich habe davon gehört, dass Teilchen aus dem Nichts oder besser gesagt, aus dem scheinbaren Nichts entstehen und sogar miteinander kollidieren können. Bei der Kollision entstehen wiederum Teilchen.Verrückt, oder? Schon wieder sind wir die unfreiwilligen  Zeugen des ewigen Kreislaufs von Entstehen und Vergehen. Wir wohnen der Geburt neuer, wenn auch virtueller Materie bei, entstanden aus Chaos und Zerstörung – sinnbildlich gesprochen. Vereinfacht gesprochen: Ist hier die Rede von Teilchen und ihrer Kollision. Von Teilchen, die allerdings überhaupt (noch) nicht da sein dürften. Denn aus dem Nichts kann nichts entstehen!? Oder etwa doch? In unserem Fall entstehen diese sogenannten virtuellen Teilchen nicht nur aus dem Nichts – also der absoluten Leere des Raums – sondern sie entstehen zudem auch noch zur völligen Unzeit.

Ich will damit sagen: Die Teilchen entstehen gänzlich in verkehrter Reihenfolge! Versteht ihr? Die Bestandteile der Teilchen, die am Beginn dieser, für unseren Verstand schwer fassbaren Kausalkette stehen, werden erst in der zweiten Kollision gebildet. Linear betrachtet, findet diese Kollision nicht nur nach ihrem Entstehen, sondern auch bedingt durch ihre Wirkung im Raum statt. Verrückt, oder? Ist ein echtes Paradoxon. Für den Beobachter entsteht somit die Illusion einer Zeitschleife. Doch das Universum scheint in seiner Funktionsweise zu komplex zu sein, und bislang nicht den Eindruck zu machen, als dass es sich für lieblose Beschreibungen in dreidimensionalen schwarz-weiß Schemata besonders eignen würde. Täglich stolpern wir über tausend neue kosmische Wunder. Und wissen letztendlich einen Scheiß damit anzufangen. Das ist alles so groß und viel zu heavy für uns, denke ich. Letztendlich begreift doch keiner so richtig, wovon er da eigentlich faselt, wenn er vom Zeitreisen spricht oder Sätze raushaut, wie: Es gibt mehr Sterne in unserer Galaxis als Sandkörner auf der Erde. Möchtet ihr einen Zaubertrick sehen?, schaltet sich der Kokser sichtlich belustigt wieder ein. Nein! Aber, glaubt ihr an Gott, Jungs? Nein! Der Kokser bedenkt die spirituellen Anwandlungen des Dicken noch mit reichlich ausgedehntem Spott. Als er wieder mit der Leere in der Brust anfängt, höre ich schon nicht mehr richtig hin. Ich habe genug von den beiden. Verstaue die Kohle, lösche das Licht, schüttle ein paar Hände und radle mit mäßiger Geschwindigkeit entsprechend der Trägheit der Kräfte in Richtung nachhause – in Relation zur Geschwindigkeit zum Standpunkt des Betrachters versteht sich.