Stimmt. Vielleicht.

von Michael Fürch und Sebastian Denda

DONNERSTAG, DER 13. MAUES WETTER. DIE NÄCHSTE AUSGABE WIRD VORBEREITET. DER REDAKTION FIEL AUF, DASS SCHON LANGE NICHTS MEHR ZUM THEMA KUNST IM NBL VERÖFFENTLICHT WURDE. WIR LUDEN DESHALB JENE BEIDEN KÜNSTLER, DIE ZULETZT IM NBL AUSGESTELLT HATTEN, ZU EINEM OFFENEN GESPRÄCH IN DAS REDAKTIONSOUTLET M84 EIN.

Ursprünglich hatten wir vor, Bildausschnitte von Kunstwerken von Peter Freund (Leipzig) und Jerry Jordan (USA) hier im Heft zu präsentieren und in einem Gespräch zwischen beiden zu erörtern, welche Gemeinsamkeiten vorhanden sind: ihr künstlerisches Schaffen betreffend und hier insbesondere die Fragen nach künstlerischer Behauptung und des Lebensmutes, den man dafür aufbringen muss. Dafür war allerdings nur ein Zeitfenster von 90 Minuten vorhanden. Peter hatte anschließend ein Date mit dem Tattoo-Studio und Jerry war auf dem Sprung in sein Atelier und danach zum HGBRundgang. Wir reichten Coffee & Cigarettes. Obwohl sich die beiden bisher nie begegnet waren, entspann sich in lockerer Atmosphäre ein offener Dialog über Themen wie: Studienabbrüche, bisherige Ausstellungen, das Ende von Künstlerfreundschaften, dem Umgang mit Alt-Right-Bewegungen in USA und EU. Darüber hinaus wurde auch das Verhältnis von Künstlersubjekt und -markt unters Mikrofon gelegt. Obendrein Szenezugehörigkeit, Wirken und Zweifel des Autodikatentums – und, dass (die Eingangsvermutung von Sebastian als Kurator des NBL bestätigend), die beiden Künstler sich augenscheinlich verstehen und gegenseitig wertschätzen.

Das Noch Besser Leben ist ja nicht nur ein Ort für ungezwungen Plausch, Lesungen, Karaoke, Skat und Konzerte, sondern auch ein Ort für Kunstwahrnehmung und -diskurs. In abwechslungsreicher Folge werden etwa Monat für Monat verschiedenste internationale und lokale Künstlerinnen und Künstler eingeladen, um ihre persönliche Sicht auf die Dinge in die Öffentlichkeit zu bringen – die Betonung liegt auf zeitgenössisch. Peter und Jerry hatten zuvor  u.a. schon im Westpol A.I.R Space in unterschiedlichen Formaten mitgewirkt. Beiden ist gemeinsam, dass sie ihre Kraft aus einem unbändigen Gestaltungswillen ziehen, welcher genuin und zwanglos moderne Ausdrucksweisen einfließen lässt. Dazu zählen solche Dinge wie: Typografie, Street-Art, Tattoo, Schnellskizzieren, Routine, Skateboarding, mit Kumpels auf der Straße abhängen und zu wissen, was die Leute auch außerhalb ihrer Arbeitsstelle bewegt. Kurzum: Kunst mitten aus dem Leben. Im eigenen Auftrag.

Mit diesen nur scheinbar äußerlichen Gemeinsamkeiten begann also unser Gespräch zwischen den beiden, Sebi und Micha (SOW). Im Folgenden können wir
aufgrund der langen Gesprächsdauer und Aufzeichnung nur die markantesten Passagen dokumentieren. Sie sprechen jedoch für sich. Erfreulicherweise ist nicht ausgeschlossen, dass die beiden zukünftig zusammengearbeitet haben werden (Futur II. Muss man auch wieder verwendet haben dürfen).

JERRY: Deine Kunst: Mehr Hirn oder Herz?

PETER: Bei der Ausführung vom Herzen. Aber das Nachdenken über Themen kann ich nicht abstellen. Früher war ich emotionaler. Es hat sich eine Routine eingeschlichen in den letzten acht Jahren, was ich aber auch gut finde.

JERRY: Ich bin hier in Deutschland und muss ein Künstler sein – sagt das Arbeitsamt.

Peter (über Jerrys Bild): Deine Arbeit, die gerade im NBL hängt, die finde ich gut! Die Arbeit ist so stark, die gehört nicht auf Papier, sondern auf eine geile Leinwand. Dann sollte es noch mit Firnis oder so fixiert werden. Die Arbeit ist zu schade, um die einfach abzunehmen und dann zusammen zu rollen. Und: es ist selten, dass mir Sachen gefallen.

Jerry (zu Peter): Aber du bist stark. Und ich bin eben nicht so stark. Ich bin ein mess, ein neurotic. Und das ist alles in diesem Bild zu sehen. Und ich habe so viel Angst – keine Ahnung, wie ich es als Künstler schaffen kann. (…) Ich bewundere Francis Bacon. Er sagte, was er sagen musste. Und auch er war vulnerable. Aber er hatte keine Angst, dies zu zeigen. – Die meiste Kunst in Deutschland zeigt eben keine vulnerability. – Ist das okay, wenn ich schwach bin? Ich habe alles verloren: meine Freunde, meine Künstlergruppe, keine Ahnung, was ich jetzt tun soll. Dann hatte ich das Bild fertig. Und erkannte, dass es mir geholfen hat. Ich wollte ja ursprünglich was Sommerleichtes, Cooles malen – und dann stellte ich fest: Oh Scheiße, das zeigt bloß, was mit mir gerade passiert ist. Jeder erkennt: I’m a fucking loser! Und das ist okay so. Vielleicht schaut sich ein anderer loser dieses Bild an und erkennt: ich bin nicht alleine damit.

Peter: Wenn du sagst, du hattest vor, ein positiv belastetes Bild für das NBL zu erstellen, und es in deinem Leben gerade nicht funktioniert, dann ist es doch in Ordnung, wenn es halt nicht positiv aufgeladen ist. Man kann auch eine negativ aufgeladene Kunst zeigen. Wenn es gerade Teil deines Lebens ist, solltest du das auch in deiner Kunst so verarbeiten. Und dann ist das auch kein Nachteil. Mich hat es zumindest noch nie gestört. Wenn ich schlechte Laune habe, sieht man das in meinen Bildern – genauso, wenn ich gute Laune habe.

Jerry: Woher kommt deine Kunst? Mehr aus Chaos oder aus Ordnung?

Peter: Das eine bedingt das andere. Wenn man sich mit Chaos beschäftigt, sollte man auch wissen, wie Ordnung geht, weil du ja sonst nicht weißt, wie Chaos aussieht.

Jerry: Ich habe Probleme mit der Politik des Socializing.

Peter: Ich glaube, ich bin ‘ne Art Hybrid. Wenn man mit Graffiti in Leipzig aufgewachsen ist, ist man auch sehr dicht an der Kunstszene/bildenden Kunst mit dran. Ich fühle mich als Künstler akzeptiert.

Jerry: Ich fühle mich nicht akzeptiert. Wenn man vulnerable ist, ist das nicht so cool hier. Und ich bin sehr vulnerable. – Die Kultur hier ist anders. Die Art, wie die Leute hier denken, ist anders. Auch die Art, wie sie sich präsentieren. Wenn du das nicht drauf hast, läuft’s eben nicht. Meine Kunst ist nicht cool hier.

Peter: Im eigentlichen Moment, musst nur du die Kunst cool finden! Am Ende geht’s mir nur darum, dass ich im Atelier vor einer Arbeit stehe und ich die selber gut finde. Dass ich sie für mich produziere. Ich geh da mit einer ziemlich Scheißegal-Mentalität dran.

Jerry: Aber ich bin nicht so! Ich fühle mich beschämt. Ich möchte stärker sein und auch sagen können: »Give a flying fuck, man«. Aber ich brauche Bestätigung. Manchmal stößt meine Kunst jemandem vor den Kopf und einige akzeptieren das nicht. Nennen es Kitsch! Aber es ist kein Kitsch.

Peter: Sobald du dich in die Öffentlichkeit begibst, stehst du sprichwörtlich im öffentlichen Raum, und es ist normal, dass sich Leute zu deiner Kunst äußern. Die Deutschen schimpfen immer lieber, das macht eben mehr Spaß. (…) Wenn ich Graffiti betreibe, gebe ich eigentlich nur Geld aus. Wie ich die Kunstszene kennengelernt habe, wird wenig öffentlich gelobt. Weil, im Gegenteil zum Graffiti, geht’s in der bildenden Kunst um Geld. Sobald jemand gehyped, gelobt wird, verdient der unter Umständen mehr als du.