Reissig und Völker müssen reden (11)

Veränderung bewahren

Revolutiönchen und Konservatismus im Garten

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe trafen sich Rising Reißig (Arzt, kein alternder Sportlehrer) und Timm Völker (Patient, halluzinierend) in einem Schrebergarten. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten sie, am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und mit eisernem Widerstand gegen den inneren Drang, Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Außen, Tag, Sonnenlicht. Ein Schrebergarten im Westen von Leipzig. Es blühen verschiedenste Arten von Zierund Nutzpflanzen in einer wilden Ordnung. Unter einem Aprikosenbaum steht eine Parkbank aus DDR-Produktion, die mit einem Emblem zur Erinnerung an die Meister des Pump- und Gebläsewerks zu Leipzig versehen ist. Die Sprossen sind alternierend rot und blau gestrichen. Die Farbe ist verblichen. Teil des Gartens ist eine von zwei Frauen nach dem Zweiten Krieg aus Trümmern gebaute 40 Quadratmeter große Hütte, die ihnen als Notunterkunft diente. Es stehen alte Gießkannen und verschiedenste Sitzmöglichkeiten herum. Völker, mit einem weißen Hemd bekleidet, nimmt auf der Bank Platz, Reißig, in beigen Hosen und olivgrünem Kapuzenpullover, gesellt sich hinzu, in der Hand eine filterlose Zigarette. Auf der Bank neben ihm befinden sich eine kleine Wasserpistole, ein Glas mit der Aufschrift „VEB Berliner Bürgerbräu“, gefüllt mit einer Mischung aus Sirup und Wasser und eine Packung Tabak.

RISING REISSIG (RR): Aber ich muss jetzt nicht noch die Eminem-Nummer bringen und die Kapuze aufziehen?
TIMM VÖLKER (TV): Nein. Reißig und Völker müssen reden Nummer elf. Wir nähern uns dem einjährigen Jubiläum unserer erotischen Reise durchs NBLHaus. Die Zusammenkünfte eines Sportlehrers und…
RR: Timm! Deine Aussagen werden nur nicht geahndet, weil du Patient bist und gerade halluzinierst.
TV: Genau. Ich sehe hier gerade auch eine kleine schwarze Katze heranlaufen. Eine schwarze dürre Katze umstreicht die Beine von Rising und Völker. Ist die Katze öfter hier?
RR: Ja.
TV: Wie heißt sie denn?
RR: Na, Katze.
TV: Streichelt der Katze den Kopf. Sie heißt doch bestimmt Murrle. Die Katze schaut auf die Bank und schmiegt sich an Risings Beine. Dieser nimmt die Wasserpistole und zielt damit auf sie. Dann setzt er sie zwischen sich und Völker. Die Katze schaut sich kurz um und verschwindet. Vielleicht ist es ja Mephisto in Form einer Katze, der gleich um Einlass ins Gartenhaus bittet. Aber du hast ja ein Pentagramm mit Kreide auf die Türschwelle gezeichnet.
RR: Mephisto, der Geist der…
TV: …Sportlehrer.
RR: Der das Gute will und das Böse stets verneint. Oder wie war das?
TV: Ich bin die Kraft, die stets das Gute will, aber das Böse schafft. Oder das Böse will und stets das Gute schafft. So ist es, glaube ich, richtig. Schön tragisch. Genauso, wie die Situation in unserem kleinen Bundesland Sachsen. Das Thema der aktuellen Ausgabe des Standort West ist „Vormärz“ und der Losung der Chefredaktion folgend werden wir unsere phantasmagorisch geprägten Augen nicht vor der aktuellen gesellschaftlichen Situation verschließen…
RR: Und uns nicht in Sex, Drugs and Rock ‘n Roll verlieren sondern über Politik sprechen.
TV: Erotics of politics and arguments. Vormärz ist die Zeit zwischen der Französischen Revolution von 1830 und der deutschen Märzrevolution von 1848. Diese Zeit ist bestimmt durch das Erstarken und Aufbegehren der Bürger gegen den seit langer Zeit herrschenden Adel und die Entstehung von Nationalstaaten. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, ob man Erkenntnisse von damals auf die heutige Zeit übertragen kann. Denn in Europa erstarken zur Zeit nationale Bewegungenn. Ich suche gerne Rat in der  Vergangenheit, um ein wenig Durchblick in der Gegenwart zu bekommen. Was denkst du? Stehen wir erneut vor einer Revolution?
RR: Nach Lenin entsteht eine Revolution, wenn das Volk nicht mehr so weiterleben kann, wie es will und der König nicht mehr so regieren kann, wie er will. Eine Revolution denkt sich keiner aus, sie ergibt sich aus der Situation. Denn eigentlich stehen ja alle auf Könige. Aber damals gab es nichts mehr zu essen und dann kamen Scharfmacher und selbsternannte Tribune und haben die Empörung kanalisiert.
TV: Eine Revolution entsteht also aus einer Problemsituation.
RR: Die Problemsituation ist so existentiell, dass das Volk es nicht mehr aushält. In Griechenland sagen sie, es gibt die Tyrannis, dann wird der Tyrann gestürzt, dann stehen sie alle rum mit den Händen in den Hosentaschen und wissen nicht, was sie machen sollen und streiten sich rum, auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner, dass heißt dann Demokratie, daraus entsteht die Oligarchie, was bedeutet, dass ein paar wenige Bürger die Macht besitzen und dann kommt wieder eine Monarch, bzw. ein Tyrann. Bei den Franzosen war es genauso, Napoleon hat sich auf die bürgerliche Revolution drauf gesetzt und behauptet, er wäre cool. Aber, wie in unserer letzten Folge schon besprochen, ist  er dann im Schnee gen Mokau gezogen und das ging natürlich völlig in die Hose. Dann kamen die europäischen Restauratoren mit dem Österreicher Metternich an der Spitze und es schunkelte irgendwie vor sich hin und dann haben die Franzosen wieder schlechte Laune gekriegt. Aber wirklich konsequent im leninistischen Sinn waren sie nicht. Denn aus meiner Sicht geht es nicht um den König, sondern um den Besitz. Und da sehe ich keine Parallele zur heutigen Zeit. Denn all die Revulotiönchen, die gerade stattfinden verhandeln nie die Frage des Besitzes. Da geht es vielleicht mal darum, ob ich 30 oder 32 Prozent meines Monatseinkommens für die Miete aufwenden muss. Aber um nichts wirklich Essentielles.
TV: Miete ist für dich keine essentielle Frage?
RR: Nein, auf keinen Fall.
TV: Was wäre dann ein Beispiel dafür, wo es wirklich um Umverteilung von Besitz geht.
RR: Um Besitz geht es dann, wenn man sich selbstkritisch fragt, wieso ich mein Leben vergeude, damit reiche Leute noch reicher werden. Und hier setzt ja der Traum der kommunistischen Revolution an. Das Abschaffen von Besitz. Damit keiner einen anderen zwingen muss, sein Leben zu vergeuden, damit er noch reicher und der andere ärmer wird. Und in bürgerlichen Revolutionen, wie in der Zeit des Vormärz, ging es nur darum, dass die Bürger auch Besitz haben wollten. Anstatt gemeinsam arm zu sein.
TV: Meinst du damit einen Angleich, sodass die Reichen abgeben und ärmer werden und die Armen dadurch etwas weniger arm?
RR: Besitz als Kategorie muss in Frage gestellt werden. Das ist eine Revolution. Und wenn du dir unter diesem Aspekt die heutigen nationalistischen Penner anschaust, wirst du erkennen, dass sie durch ihr Gehabe nur eine Leerstelle schaffen wollen, damit sie an den Reichtum rankommen. Und der Mob rennt hinterher wie immer.
TV: Der Mob rennt hinterher, weil diese Leute, wie Eingangs erwähnt, Tribune oder Anstachler sind, die dem Volk suggerieren, dass sie gemeinsam für eine Sachen kämpfen. Dabei haben sie aber nur eigene Interessen im Sinn.
RR: Genau so ist es. Das Problem der revolutionären Bürger war immer, dass sie schlauer waren als der Adel. Aber bei Besitz wird Intelligenz im Gegensatz zum Handel nicht belohnt. Und sie wollten immer nur an den Besitz ran. Das ist im marxistisch-leninistischen Sinne kein revolutionärer Gedanke und nur eine quantitative Umwälzung.
TV: Der Besitz wechselt nur den Besitzer anstatt komplett aufgelöst zu werden.
RR: Und wenn du die ersten zwölf Seiten von Hitlers „Mein Kampf“ liest, steht da auch was von Enteignung der Konzerne, Brechung der Zinsknechtschaft, Verstaatlichung von allen Sachen. Aber das ist totaler Humbug. Diese Eulen waren 1934 längst verflogen. Und deshalb sehe ich in der aktuellen Situation, in der wir uns befinden, keinen Unterschied, ob nun eine CDU oder AfD an der Macht ist. Denn wie bereits gesagt, eine Revolution ist etwas anderes. Aber es gibt auch keine kommunistische Partei oder Bewegung, die das auch nur in Ansätzen vertritt.
TV: Aber warum eigentlich nicht? Neben den nationalistischen, reaktionären Bewegungen könnte es doch auch andere Möglichkeiten geben. Ich halte es an dieser Stelle auch für wichtig zu sagen, dass wir nicht, wie von Kollege Micha Fürch beschriebenen, im Framing der Partei AfD verharren müssen – also ausschließlich auf deren Handeln und vorgebene Themen reagieren müssen. Wir leben doch in einer Gesellschaft, in der ganz viel möglich ist. Und deshalb frage ich dich, warum gibt es das Erstarken auf der anderen, der kommunistischen Seite des Spektrums, nicht genau so?
RR: Gibt’s doch. Und zwar durch die Globalisierung. Globalisierung heißt in Wirklichkeit Imperialismus. Imperialismus ist Monopolisierung im Kapitalismus. Und der Imperialismus trägt laut Lenin die Wurzeln des Kommunismus schon in sich und er ist nur eine logische Folge aus ihm. Egal, wo du hin kommst, es gibt überall McDonalds, H&M, Google und die ganzen Konzerne. Und am Schluss gibt es nur noch einen ganz großen Konzern und keine Konkurrenz und Differenz mehr und wenn es die nicht mehr gibt, wird Besitz auch fragwürdig. Wenn alle das Gleiche haben werden kleinteilige Unterschiede sinnlos.
TV: Google und H&M sind also Wegbereiter des Kommunismus.
RR: Ungewollt! Es sind irgendwelche Typen, die immer noch reicher werden wollen. Aber irgendwann kippen sie nach der Idee von Lenin über eine Kante und dann gibt’s nichts mehr zu kaufen. Dann gehört ihnen alles. Und wenn dir alles gehört wird es auch sinnlos zu besitzen.
TV: Aber dagegen möchte ich die Idee der neuen Märkte setzen. Zum Beispiel die Eroberung und Besiedlung neuer Planeten unter marktwirtschaflichen Aspekten.
RR: Du hast nach der Gegenkraft zum kleinteiligen besitzorientierten Nationalismus gefragt. Diese ist im Gegensatz zu Vormärz-Zeiten, in denen sich Nationalstaaten ja erstmalig gebildet haben, der Globalismus. Wenn du früher von Leipzig zum Fusion-Festival nach Mecklenburg wolltest, musstest du 12 Zollstationen passieren und durch drei Zeitzonen. Es war total nervig. Du kamst nicht voran. Und die Idee von Europa rührt vom Kapital. Die LKWs voller Waren sollten ungebremst von A nach B brettern können. Was dadurch ungewollt geschaffen wurde, ist für uns eine Art von Freiheit. Dann kam das Internet dazu und es wurde global kommunziert. Und dann merkst du natürlich, dass das kleinteilige Sachsen… was ist das eigentlich?… total lächerlich und unsinnig wird.
TV: Daraus erkenne ich, dass der Vergleich zwischen 1848 und heute hinkt. Damals war der Nationalstaat ein Fortschritt, eine Befreiung gegenüber der Jahrhunderte vorherrschenden Macht des Adels. Während der Nationalstaat heute ein Rückschritt ist.
RR: Aber Adel hatte auch Vorteile. Zum Beispiel hat August der Starke in Dresden Leute rangeholt, die Wissenschaft und Kunst betrieben haben. Ohne seine Gnade wäre das nicht möglich gewesen. Ohne den Herzog von Eisenach hätte Luther die Bibel nicht übersetzen können. Die konservativen Herrscher waren also auch von Vorteil und es war ein Rückschritt, als ihre Macht zerschlagen wurde.
TV: Eben hast du doch gesagt, die Nationalstaaten waren ein Fortschritt.
RR: Die Nationalstaaten waren ein Fortschritt zur Entfaltung der Produktivkräfte. Aber mit dieser Entfaltung ging ein großer Kulturverlust einher. Verschiedene Sprachen, Kleidungsstile – so etwas verschwand. In der Musik kannst du es doch auch beobachten. Die von dir erwähnte Partei hat sich auf die Fahnen geschrieben, deutsches und sächsisches Kulturgut zu unterstützen. Und da fragt man sich doch, was wäre denn jetzt genuin nationales Kulturgut?
TV: Die sorbische Kultur zum Beispiel.
RR: Das ist slawisch. Das hat nichts mit Deutschland zu tun. Damals, als die Russen einritten, haben die Sorben an ihre Häuser geschrieben „Ich bin Sorbe“ und dann wurden die in Ruhe gelassen. Was wirklich genuin deutsch ist, ist Techno. Der wurde in Deutschland erfunden. Unter dem Frankfurter Flughafen durch Sven Väth im Omen. Und ich bin schon sehr gespannt, ob die AfD in der Lage ist, in jedem sächsischem Ort eine Techno-Disco zu etablieren.
TV: Damit kriegen sie auf jeden Fall auch die jungen Leute.
RR: Mit Techno. Mit Nazi-Techno.
TV: Genau.
RR: Um nochmal auf die Vormärz-Idee zurück zu kommen: Es ist die Frage, ob man aus einem besitzwahrenden Verlangen heraus agiert, aus Angst, dass die anderen einem etwas weg nehmen, oder man sich selbst in einen größerem Zusammenhang sieht.
TV: Das habe ich an mir selbst auch schon bemerkt. Ich horte keinen Besitz, aber finde es schon gut, eine oder zwei Gitarren zu besitzen und mir jüngst neue Unterwäsche gekauft zu haben.
RR: Ja, es ist schwierig. Ich hatte vor kurzem meinen Sohn getroffen. Ich trug ein neues T-Shirt mit dem Motiv eines Welses der über Totenköpfe hinwegschwamm. Ich hatte vorher Wels-Filet gegessen. Und mein Sohn hätte das T-Shirt sehr gern gehabt. Aber ich war nicht in der Lage, es ihm zu schenken. Ich wollte es behalten. In einer besitzlosen Gesellschaft hätte ich es ihm gegeben.
TV: Aber das basiert ja darauf, dass alle die gleichen T-Shirts haben und nicht verschiedene. Ich würde dir gerne noch eine Frage stellen. Ich habe in den letzten Tagen mit einigen Leuten gesprochen die Teilnehmer oder mindestens Zeitzeugen der Umbrüche zwischen 1989 und 1992 waren. Du warst ja auch aktiv dabei und wir haben uns auch kurz getroffen, als mich meine Eltern damals auf der Demo in Halle verloren hatten und ich nur in der Stoffwindel da saß. Wie möglichkeitsoffen siehst du unseren jetzigen gesellschaftlichen Zustand im Vergleich zu den Jahren der friedlichen Revolution? Auch damals erstarkten nationale Bewegungen.
RR: Ich sehe gravierende Unterschiede. Die DDR und alle sozialistischen Staaten sind ja als Folge des zweiten Weltkriegs entstanden, von der Sowjetunion oktryiert. Es war nicht der Wunsch der Menschen, dass hier eine DDR entstand. Allerdings trug der Nationalsozialismus den sozialistischen Gedanken schon in sich. Es ging in beiden Systemen darum, Besitz breiter zu verteilen. Bei den Nazis gab es eine linke Fraktion, die aber 1934 komplett getötet worden ist und auch in der DDR gab es Kommunisten, die es ernst meinten. Die BRD aber hat von Anfang an nie akzeptiert, dass es die DDR gab und hat sie systematisch vernichtet. 40 Jahre lang hat sie, mit der NATO im Rücken, alles darauf verwendet, die DDR zu vernichten und 1989 ist es dann gelungen. Die wollten Fabriken und alles, was 1945 eingezogen wurde. Und da frage ich dich, wo siehst du das heute? Ist hier irgendjemand der etwas zurückfordert, das ihm genommen wurde? Ich sehe einfach nur Leute die rumhocken in ihren verkackten Pissorten und bei der AfD ein Kreuz machen, weil sie noch mehr Geld haben wollen und noch ein Auto und nochmal nach Izmir fliegen wollen und das noch billiger als vorher. Ich sehe keine Qualität und überhaupt in unserem Land keinen Sinn für eine Umwälzung oder Revolution. Das braucht gerade kein Mensch. Rechtes Gedankengut bringt uns nicht weiter. Nicht mal die Rechten selber.
TV: Und was bringt uns weiter?
RR: Was uns weiterbringen würde, wäre eine selbstkritische Hinterfragung des Menschseins und dass wir uns fragen würden, wie wir leben und was wir für einen Aufwand wir treiben. Wie kann es sein, dass die Menschen statistisch so krank sind, wie noch nie, so viele psychische Störungen haben, wie noch nie, so fett und so hässlich sind, wie noch nie und so schlecht gekleidet sind, wie noch nie. Das wird nicht besser, wenn man AfD wählt. Ich denke, die ganze Art, wie wir leben, hat sich verschlissen. Und da könnte man den Rechten sogar dankbar sein, dass sie den Finger in die Wunde legen.
TV: Sie zeigen durch ihr Auftreten, dass etwas schief läuft bei uns?
RR: Das Blöde ist, dass sie auch nur instrumentalisiert sind. Es geht nur um Besitz. Und nicht um Inhalte. Es geht nur darum, anderen was wegzunehmen und die abzuwehren, die uns angeblich etwas wegnehmen wollen. Halten wir mal fest, dass wir ein hochgradig kapitalistisches Land haben. Mit der Partei der dicken Männer, der CDU, die noch reicher und reicher werden wollen, mit der SPD, die sich nur darum kümmert, dass die Arbeiter zehn Prozent mehr Lohn pro Jahr bekommen und einer Linken, die den Namen nicht mehr verdient, weil sie Marktwirtschaft gut findet. Auf der anderen Seite die AfD, die auch bloß Geld haben will und dann noch unsere afrikanischen Freunde, die dort rumsitzen und ihre Söhne nach Europa schicken, damit die dort arbeiten und ihnen Geld nach Hause schicken. Aber ich sehe nirgends jemanden, der über etwas anderes redet als über Geld.
TV: Geld ist der alles umspannende Rahmen.
RR: Und da wären wir wieder zwanglos beim Konservatismus. Die Konservativen strebten immer nach Inhalten. Die Romantiker zum Beispiel. Die dachten über Dinge nach, übers Menschsein, über Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die Beziehung zur Natur. Deswegen ist Konservatismus aktuell die einzige sinnvolle Form des Widerstands. Und da fällt mir die Völkerschlacht wieder ein. 1813 gab es die Lützower Jäger mit ihren schwarzen Uniformen, die als Vorbild der SS dienten und die waren sehr konservativ im Sinne einer deutschen Romantik.
TV: Ich möchte nochmal kurz verdeutlichen, dass es unterschiedliche Formen von Konservatismus gibt. Einmal den strukturellen Konservatismus, der landläufig eine gesellschaftliche Haltung beschreibt, die auf Bewahrung von Besitz und Zuständen aus ist, eine „Das bleibt alles so wie es ist“-Haltung. Und es gibt den Wert-Konservatismus, der wie du schon sagtest, auf die Bewahrung von Werten und Inhalten setzt und der aus Geschehenem Lehren zieht.
RR: Es sind christliche oder menschliche Grundwerte, die bewahrt werden. Es kann ja zum Beispiel nicht sein, dass es verboten ist, Menschen, die im Meer ertrinken, zu retten. Es ist ein konservativer, bewahrenswerter Grundsatz, Menschen, die in Seenot sind, zu retten. Und, wenn die EU das nicht hinbekommt, hat sie mal ganz abgesehen von nationalen Bewegungen einfach verkackt.
TV: Konservativ sein bedeutet Werte erhalten.
RR: Die Nazis stießen in der Weimarer Republik auf eine ganze Reihe von konservativen Widerständlern, deren Parteien heute kaum jemand mehr kennt. Die wurden alle getötet. Das geht immer etwas unter zwischen den Kommunisten, psychisch Kranken und Zeugen Jehovas und Freimaurern. Interessanterweise war der Widerstand gegen die Nazis in der katholischen Kirche höher als in der evangelischen. Vielleicht weil sie stärkere Werte hatte. Und wenn ich mir den Zustand jetzt anschaue, sehe ich das konservativ und pro-kapitalistisch nicht zusammengeht. Denn als Wert-Konservativer muss ich was gegen die Autoindustrie haben. Autos zerstören den Wald und wenn ich einen Wald sehe, möchte ich, dass er erhalten bleibt.
TV: Da würde ich gerne abschließend den Bogen schlagen und mit dir über den Ort reden, an den du mich geführt hast. Wir befinden uns hier in einem Schrebergarten, es gibt sehr viele verschiedene Pflanzen und Obstbäume, ein großes Gartenhaus. Die Dinge, die hier stehen, sehen gelebt aus. Insgesamt wirkt der Ort gewachsen und bewahrend. Und ist damit auch ein Ausdruck von Konservatismus.
RR: Es geht im Garten um Bewahrung, aber der Garten ändert sich ja ständig, abhängig von den Jahreszeiten. Der Baum, unter dem wir sitzen, war eigentlich schon tot, aber dann bekam er wieder Blätter und ganz selten hängen sogar Aprikosen an seinen Ästen. Es herrscht also ständige Veränderung. Als Mensch versucht man diesen sich verändernden Prozess am Leben zu erhalten. Der Werte-Konservatismus erkennt, dass es um Lebendigkeit und Veränderung von Lebewesen geht. Pflanzen, Menschen, Tiere. Es geht darum, diese Dynamik auszuhalten. Und da ist ein Garten schon eine gute Metapher.

TV steht auf und geht.

Am 29.08. zeigen Reißig und Völker den Videomitschnitt dieses Gesprächs exklusiv im Besser Leben. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Konversation mit beiden.