Kein Ort nirgends

oder Picknick am Wegesrand

von Patrice Lipeb

Ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge verändern. Alles befindet sich im Bewegung, steht miteinander in Beziehung. Betonkaskaden wuchern hier und dort aus der staubigen Erde und bilden sorgsam möglichst hochpreisigen Wohnraum. Ihre Umrisse und Schatten stehen am Rande meines Horizonts unbeteiligt Spalier – versperren den Blick in Richtung himmelwärts. Draußen in  der Peripherie – weit abseits der urbanen Zentren – vergeht stumm und dumpf die Zeit. Für die ewig Gestrigen dreht sie fix noch eine Ehrenrunde, bleibt verwundert stehen. Luft ist zum Zerreißen gespannt – Wasser neuerdings knapp.

Unheil und Unmut brodeln unter einer dünnen Membran gesellschaftlichem Understatements. Zorn entlädt sich allerorts zuckend und züngelnd, wie die Ausläufer Myriaden kleiner Hitzegewitter in das kalte Nichts unseres flüchtigen Miteinanders. Schleichend und tückisch geht uns der Wandel an – immerzu. Was bleibt, ist über alles Kommende und Gewesene brav und andächtig zu staunen. Zu Staunen über Etwas, das mehr Gefühl als Zustand und vielmehr Ahnung als konkrete Vorstellung ist. Und doch bedarf es kaum eines Weiteren als eben dieser diffusen Erwartungshaltung, um allerhand schlafende Monster dergestalt zu wecken, die uns in schlaflosen Nächten nur allzu oft das Personal des Alps besorgen. Alles befindet sich im Bewegung, steht miteinander in Beziehung und fließt am Ende in den selben Abgrund.

Ich versuche, mit zu schwimmen, »gleite«, lächle, bleibe immer in Bewegung. Setzte artig einen Fuß vor den anderen. Stillstand ist der Tod. »nicht auszudenken« – ziehe vorbei an Stein, Beton, Asphalt und Glas, hinab in eine Schlucht aus Haus und Licht. In schmalen Fenstern versteckt sich hier und dort ein kleines Leben. Staunend sehe ich mich um – mein forschender Blick gefangen auf der Suche im Moment. Findet schließlich einen Raum, getaucht in Neonlicht. Umrahmt von vier kahlen Wänden flimmert stoisch ein Fernseh-Apparat. Stimmen wirren hindurch. Reflexionen zwitschernder Nichtigkeiten brechen sich an meinem Ohr. »Wer spricht?« Inmitten von Trostlosigkeit sitzt ein Mensch im Unterhemd. Traurig und gebückt trinkt er ein paar Flaschen Bier. Neben dem Mann steht ein goldener Vogelkäfig mit einem Nymphen-Sittich darin. Vier Schritte nach rechts misst der Weg bis zum Spiegel. »tschilp tschilp« Fünf Schritte zurück misst der Weg bis zum installierten Plastikvogel auf der anderen Seite des Käfigs. »tschilp tschilp« Brüder im Geiste. Draußen ist die Stadt – mit ihren Menschen – getrennt durch ein paar Handbreit Mauerwerk. Ich reiße mich los –  tauche in sie ein. Taumle weiter ohne konkretes Ziel. Vor mir erstrecken sich die Nacht und die Lichter. Hinter mir lauert ein halbes Leben. An der nächsten Ecke wuchert frischer Beton um einen Supermarkt. Verkehr lärmt ewig vor sich hin. Ich verlasse die Hauptstraße und bahne mir eine Schneise durch scherbenbedecktes Brachland in Richtung Bahnhof.