Endlich erwachsen

endlich entscheiden

von Patrice Lipeb

Ein kalter brauner Hauch weht uns dieser Tage streng ins Gesicht. Einige Wenige bilden das letzte Bollwerk gegen den Faschismus im sächsischen Kern – oder bundesdeutschen Grenzland. »Alles nur eine Frage der Perspektive.« Der Rest wählt CDU oder schlimmer noch AfD. Schauerliche Szenen spielen sich dieser Tage vor unser aller Augen nur zu deutlich ab. Längst vergessene Gespenster, Irrlichter und ewig gleiche Trugbilder längst vergangener Schreckensdekaden paradieren heuer stolz durch die Straßen und betonieren sich in Köpfe derer, die das Herz am rechten Fleck! Wagen wir aufgrund derart trüber Aussichten einen Blick zurück und lassen die Geschichte zu Wort kommen:

Wahltag – Zahltag. Das deutsche Volk wird aufgerufen, das eigene Glück zu schmieden. Gleiches Recht für alle. Jede Stimme zählt. Jede Stimme ist wichtig. Wer der Wahlurne fernbleibt, schneidet sich ins eigene Fleisch. Wer nicht wählen will, muß fühlen. Wer keinen wählt, wählt seine Feinde. Wer im Reichstag nicht vertreten sein will, hat sich
alles Unheil zuzuschreiben. Auf gegen die Reaktion! Auf gegen die Verdummung und Verpfaffung! Auf gegen den roten Umsturz! Auf gegen den Freihandel! Auf gegen die Schutzzölle! Auf gegen die Lebensmittelverteuerung! Auf gegen die Feinde der Landbevölkerung! Auf für Freiheit, Wahrheit und Recht! Auf für die Erhaltung guter deutscher Sitte! Das Vaterland muß größer sein! Wir halten fest und treu zusammen! Hurrah! Hurrah! Hurrah! Es gilt also wieder einmal, das einzige Recht auszuüben, das der Deutsche hat. Wie denn: das einzige Recht? Seit […] Jahren immer noch das einzige Recht? Da doch seine Ausübung den Zweck verfolgt, den Deutschen Rechte zu schaffen? […] Es ist in der Tat wahr: Das einzige Recht des deutschen Mannes besteht darin, daß er im Laufe von fünf Jahren einmal in eine  verschwiegene Zelle treten und einen Zettel in ein verschwiegenes Gefäß werfen darf, worauf er einen (ihm gewöhnlich unbekannten) Mitmenschen zum Fürsprecher seiner Überzeugungen bestimmt hat. Bekommt ein anderer Kandidat mehr Stimmen, so tritt der Wähler betrübt in den Hintergrund, bleibt für die nächsten fünf Jahre mit seinen Überzeugungen unvertreten und tröstet sich mit dem erhebenden Gefühl, daß er jedenfalls von seinem einzigen heiligen Recht Gebrauch gemacht und gezeigt hat, daß er auch mitreden kann. […]

(Quelle: Erich Mühsam “Humbug der Wahlen (Kain 1912)”

Am 1. September 2019 habe ich also endlich die Wahl. Als Bürger dieses Landes werde ich nun mehr offen dazu genötigt, durch die Abgabe meiner Stimme sowohl unser politisches System als auch endlich mich selbst, im Sinne eines politisch handelnden Subjekts, feierlich zu legitimieren. Das Ganze geht natürlich hübsch artig und am Ende ganz freiwillig über die Bühne – sonst wäre es ja nicht so richtig demokratisch. Der oben bemühte jüdische Publizist Erich Mühsam bediente sich vor rund 100 Jahren des Bildes des biederen Herren Jedermann, der im Pissior eines Bierlokals besoffen und selbstgefällig seinen Namen an die Wände kritzelt, um die Dialektik des Machtgefüges, welches dem hohen Gut des deutschen Wahlrechtes anhaftet, griffig zu umschreiben. An einer anderen Stelle sprach er von der Würde des Menschen – doch das führt zu weit. Was mich betrifft, so wird mir anlässlich von soviel staatstragender Verantwortung schnell übel. Politik ist überhaupt ein schwieriges Thema – sofern es sich nicht um die zirkuläre Bestätigung der persönlich favorisierten, parlamentarischen Interessenvertretung im ewiggleichen Echoraum handelt. »Findet Ihr etwa nicht ?« Sich politisch ernsthaft in anderer Form als ex negativo zu positionierten, ist mir seit jeher schier unmöglich. Soll heißen, dass es mir ungleich leichter fällt, eine Position zu verneinen, als meine ungeteilte Zustimmung und Opferbereitschaft gegenüber einer Sache und/oder einem höheren Ziel zum Ausdruck zu bringen. »[…] Well I’m no part of your fag parade!« (Robert Eder, The Tiller and the Tide, frei zitiert während einer Recording-Session in einem andern Leben) Trotzdem will ich es zur Abwechslung einmal versuchen. Es ist ja bald Weihnachten und so jung kommen wir nicht mehr zusammen: Ich bin anti-Deutsch. Ich bin Anarchist! Ich sympathisiere mit dem Kommunismus. Ich bin ein Wessi. Ich bin überzeugt von der moralischen Verwerflichkeit kapitalistischen Wirtschaftens. Ich glaube an die gesellschaftliche Verpflichtung eines jeden Einzelnen, ein gleichwohl friedliches wie freiheitliches Mitleidender zu erschaffen und gleichsam zu erhalten. Ich fühle mich zum unbedingten Schutz der Schwächeren verpflichtet. Ich verachte Fußball, Fleischkonsum, Chauvinismus und Silvester. Zudem entwickle ich eine zunehmende Militanz gegen jedwede Form von motorisierten Individualverkehr. Ich bin gegen den politischen Diskurs mit Nazis, religiösen Spinnern und Menschenfeinden. Ich bin davon überzeugt, dass das Gros besorgter Bürgerfaschisten sich nicht aufgrund struktureller Benachteiligung vom Wertekompass der Gesellschaft verabschiedet hat, sondern dass es sich einfach nur um schlechte Menschen handelt. Ich glaube nicht an die Leistungsgesellschaft. Ich verweigere mich dem Gedanken, dass Geld glücklich macht und dass sich unser aller Leben aufgrund technischer Innovation verbessern wird. Ich habe Goldsteins Buch gelesen! Ich habe kein Vertrauen in Armee, Polizei und die Gewalt des Staates. Ich bekomme Angst wenn ich meinen Gästen zuhöre, wenn sie über Politik sprechen. Ich bekomme Angst, wenn ich Politikern zuhöre, wenn sie über Politik sprechen. Ich habe kein Vertrauen […]

Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen und ich werde einfach zuhause bleiben. Vielleicht mache ich mir ein paar Gedanken über einen politischen Umsturz, die Machtergreifung, die Revolution – wer weiß. Ein Professor für Musikwissenschaft sagte einmal zu mir, dass mein Verhalten Ausdruck der Deutschen Revolution sei, die ich gedanklich im Schilde führe und ich gleichsam die Pflicht hätte, mir die Deutsche Geschichte auch zu vergegenwärtigen. Schauen Sie sich doch die Deutschen Revolutionen einmal an, sagte er zu mir, betrunken im Flur des Schlechten Verstecks. Sie sind in der Tendenz faschistisch und im Ganzen erfolglos. Revolution ist ein hier zu Lande doppelt negatives Phänomen, verstehen sie? An einem Sonntag im September ist Wahl. Und ich bin aufgefordert, mein Kreuz zu machen. An einem Sonntag ist Wahl und ich bin aufgefordert, wählen zu gehen und mit der Abgabe meiner Stimme ein System zu legitimieren, in dem ich nach hinreichender Überlegung garnicht leben möchte. Ich wünsche mir dementgegen echte demokratische Partizipation und nicht nur die turnusmäßige Bestätigung eines schwammigen und nicht letzten Endes nicht verbindlichen Parteiprogramms irgendwelcher Zombies aus dem Internet. Ich möchte meine Würde zurück! Ich möchte dieses mediale Polit-Affentheater nicht mehr ertragen müssen! Ich bin davon überzeugt, dass es unsere staatsbürgerliche Pflicht ist, uns nicht nur auf unserem ach so kostbaren Wahlrecht auszuruhen. Ich bin davon überzeugt, dass wir mehr tun können, als jetzt zur Abwechslung mal GRÜN zu wählen und dabei die Hände in den Schoß zu legen. Wir alle haben eine Nachbarschaft, ein Umfeld, eine Bühne, eine Plattform, einen Aktionsradius in dem wir politisch aktiv werden können.

Macht was! Organisiert euch. Verdammt nochmal bildet Banden! Get Lucky! Nur erwartet nicht, dass ihr am 1. September in die Wahlkabine rennt und per Federstreich den Faschismus besiegt.