Bericht aus dem Umlagezentrum

Von Schafen, Fassaden und gelassener Fertigkeit

von Michael Fürch

Breitbeinig steht sie da, die Kathedrale, wie man es von ihr erwartet. Direkt daneben wird das altehrwürdige Domhotel weggebolzt und von innen entkernt. Nur die Fassade steht noch, etwas zittrig, muss gestützt werden, wahrscheinlich ist sie denkmalgeschützt, wie gefühlt fast alles hier. Ich war lange nicht mehr in Köln. Es hat sich nicht so viel verändert, wie ich vermutet hatte. Einige kleine Details, klar – Cafés, Geschäfte, Landmarken: weg. Was jedoch gleich ins Auge fällt: Die Menschen sehen anders aus als in Leipzig.

Irgendwie optimistischer, internationaler, selbstbewusster, satter. Köln hatte ich damals verlassen, als eine große Zahl Poser und Medien-Fuzzies nicht nur die Straßen und Wohnungen zu besetzen begannen, sondern auch einige der wichtigsten Nischen, in welche man sich als humanistischer Nonkonformist zuvor hatte flüchten können. Die geleckte Oberflächlichkeit ihres Habitus von damals ist nun Mainstream in der nördlichsten Shiny-Happy-People-Stadt von Italien. Stil vor Talent. Das allein zählt offenbar. Dazu passt dann auch die leere Hülle des entkernten Hotels wie Worte von Jörg Fauser aufs Auge:

»Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir haben nichts mehr zu verlieren außer einem Bündel wertloser Illusionen und verramschter Träume. Ich finde, das ist ein guter Ausgangspunkt.«

Aber ich bin nicht hier, um einen Rant über diese maßlos überbewertete Stadt auszuspucken, ich bin im Rheinland, weil die reifebezeugte Jugend meint, dieses Ereignis mit einem megalomanen Abiball feiern zu müssen. Damals, als ich Abi machte, gab es so etwas noch nicht. Weder trat ich mit Maßanzug und Krawatte vor die Schulleitung, um mein Zeugnis entgegenzunehmen, noch luden wir anschließend zum Tanz in eine fußballfeldgroße Eventhalle, deren Anmietung mehrere  tausend Euro kostet. Obendrein 22€ Eintritt pro Nase und anlassbezogene Abendgarderobe. Junge Frauen und Männer defilieren im Sonnenuntergang über einen imaginierten roten Teppich der formvollendeten Anpassungsleistung in eine instagramierte Grandezza. Wo, wann und warum entstand eigentlich dieser Brauch? US-Import der Konsumindustrie wie Halloween? Keine Ahnung. Ist jetzt da, geht nicht mehr weg. Wir hingegen setzten uns damals – ganz proletarisch – mit ein paar Kästen Stauder Pils in den Garten eines Schulkollegen, verfluchten die letzten 13 Jahre und stießen auf die Zukunft an, die ohne Zweifel besser werden würde als das, was hinter uns lag. Ein Jahr später fiel die Mauer. Und alles kam ganz anders. Dazu gleich mehr.

Ein nicht unwesentlicher Teil der Abiturienten geht um Mitternacht auf Helene Fischers »Atemlos« ab. Sie tun dies nicht ironisch, sie finden den Song tatsächlich geil. Das bürgerliche Mainstreammittelmaß hat sich scheinbar rhizomatisch in ihre Frontallappen geschraubt. Angekommen mit siebzehn, achtzehn. Ich könnte weinen. Dies aber nicht vor Glück. »Fertig« kommt mir spontan in den Sinn. Dies ist das treffendste Attribut, um das altgegenwärtige Westdeutschland zu beschreiben. Saturiert wie ein Saurier in Aspik. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht lebe ich aber schon zu lange im Osten. Und vielleicht ist der letzte massive Bruch in der alten BRD schon fast 75 Jahre her – als die Bevölkerung von den Thanatos-gerittenen Nazi-Junkies befreit wurde. Okay, die 68er räumten noch ein bisschen um, wirbelten Staub unter den Teppichen auf und vögelten sich ihren Weg frei ins individuelle Glück. 1974 Fußballweltmeister gegen Holland, 1990 Blitzkrieg gegen den jederzeit drohenden Bolschewismus und freundlicher D-Mark-Feldzug gegen die Brüder und Schwestern jenseits der Elbe. Ende der Geschichte. Dank Beharrlichkeit, Schlitzohrigkeit und nun definitiv bestätigtem Systemvorteil gingen Adenauer und Erhard doch noch als Sieger vom Platz (Willy und Helmut sind bloß historische Staffage). Was folgte: Vornehmlich Strukturkonservatismus und keine Experimente (bis auf Hartz-IV). Alles im allem: Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. In Deutschland-West.

In der SBZ jedoch ging es für die Befreiten quasi übergangslos von einer Diktatur in die Nächste. Die Nazis waren ja offiziell vom glorreichen Sozialismus besiegt. Ein paar der braunen Schergen wurden neutralisiert, okay – einen nicht gerade unerheblichen Rest integrierte man jedoch klandestin in neu zu schaffende  Sicherheitsinstitutionen, die den Weg in den Weltkommunismus garantieren sollten (meint: Stasi als umlackierte Gestapo). Natürlich wurden auch im Westen alte Nazi-Kader behördlich recycelt, keine Frage – Organisation Gehlen nur als Stichwort. Allerdings fand in den westlichen Ländern des neuen Deutschlands eine grundlegendere Aufarbeitung der Jahre 1933-45 statt, die Erinnerung und Auseinandersetzung war und ist dort integraler Bestandteil  bundesrepublikanischer Identität. Über Faschismus wurde letztlich offen und teilweise sehr kontrovers diskutiert. In der DDR hingegen war Antifaschismus Staatsdoktrin. Man wähnte sich als »besseres Deutschland« und somit ganz charmant wieder ein bisschen auf der Siegerseite.

»Eine kleine Gruppe von Antifaschisten, die das Land regierte, hat ihr Siegesbewusstsein zu irgendeinem nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt aus pragmatischen Gründen auf die ganze Bevölkerung übertragen.«
– Christa Wolf (1989)

Statt Diskurse zu erlauben, imprägnierte der semisozialistische Apparat die DDR-Menschen 40 Jahre lang mit Repressionsmechaniken. So schrieben sich nicht nur Angst, Misstrauen und Unsicherheit subkutan in die gesellschaftliche DNA ein und wurden dann epigenetisch an Folgegenerationen weiter gereicht, sondern es wurde auch das Rechts-Sein (alternativ: Punk) als Mittel etabliert, um mehr oder minder hilflos gegen das Schweinesystem zu opponieren – in Deutschland-Ost.

Dann kam ´89. Die sogenannte »Friedliche Revolution« – was allein historisch betrachtet ziemlicher Mumpitz ist: Es gab und wird niemals eine »Revolution« auf deutschem Boden geben. Einem gewissen Herrn Lenin wird zugeschrieben, die spezifischen Gründe dafür bereits vor hundert Jahren brillant analysiert zu haben:

»Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!«

Folglich war die »Wende« (im Zuge von Glasnost und Perestroika) zwar ein sehr berechtigtes Aufstampfen von vielen, vielen Füßen – dies allerdings massiv flankiert von zeitlich extrem glücklichen Umständen: Honeckers Altersstarrsinn, Schabowskis zirkusreifem Blackout, Genschmans Einsatz als Superhero in der Prager Botschaft und jede Menge BILD-Propaganda. Demnach keine heroische Einzelleistung engagierter Bürger, eher ein sympathischer Unfall der Geschichte – und somit ein weiterer implodierter DDR-Mythos. Dummerweise entschied sich ein Großteil des Ostens dann – statt für mehr Demokratie – lieber für Billigreisen nach Malle, unfair produzierte Bananen und Versicherungen, die kein Schwein braucht. Folglich war die Enttäuschung groß – »Hey, so war das alles nicht gemeint!« Tja, wer sich auf ein im Vornherein gezinktes Pokerspiel mit dem Devisenteufel einlässt, muss sich nachher nicht wundern, dass er treuhänderisch über den Tisch gezogen wird.

Was bleibt? Enttäuschung. Hinreichend bekannt aus Funk und Fernsehen: der »Jamer-Ossi«. Ohne anerkannte Lebensleistung, versteht sich. Einmal Opfer, immer Opfer. Auf der Verliererseite. Gefühlt mindestens seit Versailles, also 1919, also seit hundert Jahren.

Dieses Eintrittstor kann die AfD natürlich nicht links liegen lassen und blinkt scharf rechts zum Überholen. Ihre éducation sentimentale bleue bedient diesen inhärenten und narzisstischen Opfermythos kongenial, artikuliert das Leid des scheinbar so wertvollen wie entwerteten mitteldeutschen Kernvolks in perversem LTI-Sprech, grenzt offensiv-chauvinistisch aus und verschiebt so ein Tabu nach dem anderen, in der Hoffnung, damit das Herz der geknechteten und aufrechten Sachsen zu erreichen. Dies gelingt den neuen nationalen Sozialisten leider ganz fantastisch. Ihre perfide Attitüde verrät allerdings auch, vielleicht unbeabsichtigt, für wie blöd sie die Menschen letztlich hält – manipulierbar auf den leichtesten Knopfdruck. Die Schäfchen blöken, die Strategie der AfD geht auf, wie ein furzender Hefeteig. Die jüngsten Wahlergebnisse sprechen eine eindeutige Sprache. Eine Sprache der Spaltung.

Dies alles erzeugt eine explosive Gesamtgemengelage. Im Osten treffen 14 Jahre großkoalitionärer Stillstand auf 30 Jahre Verarschtwordensein. Zusätzlich noch auf Klimawandel, Landflucht und heran donnernde »Minarettlawinen «. Als letzter Rettungsanker bleibt offenbar nur noch ein regressives »Heim ins Reich«.

Regression – sprich: Angst und Unsicherheit – sind bekanntlich die schlechtesten Berater. Sie sind und bleiben allerdings vorhanden. Vielleicht ist es hilfreich, diesen amorphen Gefühlen zunächst wertfreien Raum zu geben. Zuhören. Fragen. Schlaues Belehren vermeiden. Und nicht jedem sofort »Alerta! Alerta! Antifascista!« entgegen schleudern, der – aus welchen Gründen auch immer – emotional oder vielleicht auch intellektuell unfähig ist, sich und seine Situation adäquat zu reflektieren, sondern das empörte Gegenüber erst mal ernst zu nehmen und dann, vielleicht, beim Sortieren seiner verirrten Gedanken zu helfen. Natürlich hat dies Grenzen. Nicht jeden kann man erreichen. Klare Kante und Geprächsabbruch werden  spätestens dann zwingend, wenn jemandem einfach nur braune Scheiße aus dem Mund quillt.

Jedoch: Wir Menschen funktionieren am besten in solidarischer Gemeinschaft, das ahnte seinerzeit schon Kropotkin (vgl. Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, 1902). Natürlich muss im Vorfeld einvernehmlich definiert werden, was mit der Kategorie »Solidarität« gemeint ist.

Die sächsischen Schäfchen drehen frei und hüpfen wutbürgerlich aufgeladen den Elbedeich entlang, geführt in eine abstrus unsolidarische Zukunft – nicht von guten, sondern extrem bösen Hirten namens Höcke, Gauland und Weidel.

Spalten ist einfach, verbinden schwierig und emotionalisierte Hysterie kein probates Mittel. Niemals vergessen: Jeder trägt sein Kreuz. Und macht es am 1. September zumindest nicht an der falschen Stelle.