Interview

Glück für Dummies und Möchtegerndruffis

Das Glück, hier in Form von Hormonen, genauer: Serotonin, idealerweise aus körpereigenem Anbau, demnach biodynamisch übelst korrekt. Was hat es auf sich mit 5-HT, wie die Tiefeingeweihten dieses Stöffchen bezeichnen? Fragen wir jemanden, der sich damit auskennt – eine Person, dessen täglich Brot die Sorgen und Ängste, sprich: das Unglück, verunsicherter und sogenannter Wohlstandsmenschen ist.

STANDORT WEST (SOW): Jelica, du bist Psychotherapeutin auf dem Land. Landmenschen sind zufriedener als Städter, hört man. Ist das wirklich so? Wenn ja, was können wir von ihnen lernen?
JELICA VIDOVIC (JV): Das kann ich sicherlich nicht so allgemein bestätigen. Das fängt bereits bei der Definition von Zufriedenheit an. Was macht zufrieden? Ich denke, dass die Zufriedenheit mit verlässlichen Bindungen in Zusammenhang steht. Im Umkehrschluss sind Menschen unzufriedener, je einsamer und isolierter sie leben.
SOW: Hier draußen ist jedenfalls mehr Himmel und Licht. Das pusht den Vitamin D-Spiegel. Und Vitamin D braucht es ja, um das Wohlfühlhormon Serotonin überhaupt zu bauen. Also: Raus in die Sonne und alle sind happy?
JV: Dass sich Vitamin D3 auf unsere Stimmung auswirkt, ist sicher. Unklar und (noch) nicht richtig erforscht ist der Zusammenhang zwischen Serotonin und Vitamin D3.
SOW: Beschreibe bitte mal in ein paar Sätzen, was Serotonin im Körper eigentlich macht – so, für Dummies und Möchtegerndruffis.
JV: Serotonin ist ein Neurotransmitter, der überwiegend in den Zellen des Darmes aber auch in den Nervenzellen des Gehirns hergestellt wird. Es ist ein Botenstoff, der unterschiedliche Prozesse im Körper beeinflusst: unsere Gefühle – deswegen Wohlfühlhormon – Stimmung und Antrieb, Schmerzempfinden, Schlaf-Wach-Rhythmus, Belohnungssystem.
SOW: Depressive Menschen bekommen sogenannte »Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer « (SSRI) verschrieben. Klingt total unlogisch. Magst du erklären?
JV: Ein Serotoninmangel kann durch Stress, Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen etc. entstehen. Das bedeutet, dass das Serotonin durch die o.g. Beeinträchtigungen »schnell verbraucht« wird. Durch die SSRI wird die Wiederaufnahme von Serotonin in den Speichervesikel gehemmt und können somit die freigesetzte Menge von Serotonin erhöhen. Dadurch kann es seine Wirkung als Botenstoff länger entfalten.
SOW: Du hast einen Wunsch frei und müsstet zwischen Serotonin, Dopamin und Oxytocin entscheiden – was wählst du? Und – viel wichtiger – warum?
JV: Alle drei sind eng miteinander verbunden und treten somit zusammen auf – Wohlfühlhormon – Glückshormon – Kuschelhormon – ich nehme alle drei!
SOW: Hast du einen Rat an uns irrlichternde Urbanisten, wie wir den Sommerin einer mitteldeutschen Großstadt halbwegs enthusiasmiert durchleben können? Oder auch zwei?
JV: Bewegung, Freunde, Freude, Sex. Das waren jetzt vier.
SOW: Die Tage werden wieder kürzer. Sind Schokolade und Ecstasy und vielleicht auch Sex probate Mittel gegen den bevorstehenden Dunkel-Blues?
JV: Serotonin kann leider nicht, wie behauptet, durch Lebensmittel (wie z.B. Bananen oder Nüsse) beeinflusst werden, da das darin enthaltene Serotonin nicht die Schranke zum Gehirn oder Blutlaufbahn überwinden kann. Sorry! Wirkt aber trotzdem. Sex sowieso, weil es mit Bewegung und Nähe zu tun hat. Schokolade auch, weil man daran glaubt.
SOW: Letzte Frage: Offenbar sind wir alle mehr oder minder Glücks-Junkies. Was gibst du Patienten mit auf den Weg, wenn sie dich fragen: »Frau Doktor, wie werde ich froh und wohlgemut?«
JV: Wie gesagt: Geht raus, trefft euch mit Freunden und Menschen, die euch gut tun, schafft positive Erlebnisse, bewegt euch!
SOW: Vielen Dank für diese erbauenden Worte an unsere lesefähige Leserschaft!

(Jelica Vidovic ist diplomierte Psychologin/Psychotherapeutin. Ihre Praxis befindet sich in Hamm/Sieg. Diesen Weiler müssen Sie nicht kennen – nur anerkennen, dass es eine Menge Glücksvermögen braucht, um diesem arg verregneten Landstrich Frohsinn abzutrotzen. SOW-Redakteur Micha Fürch führte das Gespräch dankenswerterweise in prallem Sonnenschein)

MF