He’s got a ticket to ride

or eaten by Adam,

Die Sonne scheint erbarmungslos auf einen weitestgehend schattenlosen Rastplatz an der A5. Darüber hängt stumm und gewaltig ein knallblauer Himmel. Es ist irgendwann im Juli – in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben. Wir sind unfassbar jung gewesen – damals. Warte kurz hier, wir sind gleich wieder zurück. Okay!?

Thorsten wirft mir einen schiefen Blick zu und fasst mich dabei – wie zum Abschied – kalt an die Schulter. Sein Gesicht ist grau – leicht ins Grüne schimmernd. Haare und Hemd sind verklebt. Alles andere übersät mit Inseln aus Feuchtigkeit, dazwischen Verkrustungen aus Salz. Sichtlich enttäuscht wendet Thorsten sich von mir ab. Bevor er mit seinen ungelenken Schritten Dresslers metallic-blauen Polo erreicht, hält er noch einmal inne und fragt: Willst Du was trinken? Ich verneine. Möchte ihm nicht zur Last fallen. Habe schließlich meiner Posse schon genügend Ärger bereitet. Dabei habe ich es nur gut gemeint! Komm Alter, lass den einfach. Ja, scheiß drauf, ist voll hinüber. Kranker Penner! Ernsthaft. Wir fahren. Sollen sich die Trucker um ihn kümmern. Thorsten sieht mich angeekelt an und schüttelt abwesend den Kopf. Wir kommen auf jeden Fall gleich wieder, warte einfach hier, sagt er und steigt in das vom Sonnenlicht funkelnde Sportcoupé. Dressler startet ohne größere Sentimentalitäten den  Wagen und verschwindet im Fahrzeuggewirr der lärmenden Stromer Autobahn Nummer 5.

Ein paar Stunden zuvor schien das Glück noch an meiner Seite. Es war Samstagnacht im verruchtesten Loch der großen, großen Stadt weit, weit weg von zuhause – Wochenendeskapismen der Spätneunziger, Marke Vorschlaghammer. Das bedeutet: Drogen, Tanzen, farbiges Licht und immer noch mehr Drogen, Tanzen, Tanzen, Tanzen. » I can’t get no sleep… « (Faithless Insomnia)«

Ecstasy: Eine Reihe von so genannten “modernen” Drogen, wie beispielsweise Ecstasy (MDMA), erscheinen zwangsläufig auch gerne im Zuge eines “modernen” Lebensgefühls. Ecstasyhaltige Substanzen sind zwar keine so “harten” Drogen wie etwa Heroin, aber sollten in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden. Ecstasy verbreitete sich als eine typische Droge der neunziger Jahre unter den Ravern der Technoszene. Es beeinflusst den Serotoninhaushalt des Gehirns, erwärmt den Körper, verringert das Hungergefühl und erzeugt für eine kurze Zeit, neben einem innerlichen Bewegungsdrang, das euphorische Gefühl von Liebe und Verbundenheit im Herzen. Der meist  partyfreudige und narzisstisch veranlagte Konsument verlangt nach dem Einheitsgefühl einer Menschenmasse, die sich stundenlang gleichförmig und hypnotisch im Gestampfe endloser Beats bewegt und mit der er verschmelzen möchte. “We are one family”, war das große Motto jener Love-Parade Generation. Mittels weltumspannender Kommunikation des jungen Internet- und Handyzeitalters verabredeten sich die Raver der Spaßgesellschaft in aller Welt an exotischen Orten und zelebrierten wie eine eingeschworene Gemeinschaft ihre Rituale. (http://www.heilersein.de/drogensucht_ganzheitliche_heilung.pdf)

Die Paranoia kommt schleichend. Selten gibt sie sich als das zu erkennen, was sie ist. » Der reinste Hirnfick – wahrlich, meine Brüder! « Ganz fest hält mich der Wahnsinn bei der Hand. Zusammen surfen wir auf einer regenbogenfarbenen Welle aus Serotonin durch das bunte Spiegelkabinett des Narzissmus. Schau nur. Sie reden über mich. Sie machen sich über mich lustig! Und sie haben Recht, gegen mich zu sein und mir diese Komödie vorzuspielen. Zu der sie sich alle verabredet – vielmehr gegen mich verschworen haben. Ich habe es verdient, dass sie mir auf diese Art und Weise zeigen, wie schlecht ich bin. Doch ich werde mich  nicht von ihnen zerbrechen lassen. Ich werde mitspielen, obwohl ich ihr perfides Spiel durchschaue. Ich erkenne ihre Zeichen. Die kleinen, ja hämischen Gesten der Komplizenschaft, die sie sich ständig und unverhohlen zuwerfen. Ein Zwinkern hier, ein Winken dort. Und immer wieder ihre Hände… Alles, nur um sich von mir unbemerkt abzusprechen. Alles, um gegen mich zu paktieren. Dabei will ich doch nichts anderes, als zu ihnen gehören. Will nichts anderes, als von ihnen respektiert, ja geliebt, werden. Ihre konsequente Ablehnung wirft mich mehr zu Boden als ihr lächerliches Schmieren-Theater, das sie mir vorspielen. Wie einfältig doch ihre Masken und Verkleidungen sind. Ein Kind wäre ohne Weiteres in der Lage, sie diesen Moralaposteln vom Gesicht zu reißen und diese Phrase zu entlarven. Wie sehr sie mich verachten müssen. Wie gering sie mich doch schätzen. Sind ihre Codes doch so durchschaubar. Alles, jeder Satz, ihr ganzes Verhalten folgt einem Muster. Einem großen Plan. Ich muss mich nur endlich konzentrieren, um ihn zu entschlüsseln. Alles hängt miteinander zusammen. Ich muss nur genauer hinsehen.

Auf dem Parkplatz gibt es kaum Schatten. Eine Menge Laster stehen dort und bilden hübsche Parallelogramme in den reichlich vorhandenen Haltebuchten. Ich habe Durst, bin völlig durch und habe mich mittlerweile mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass meine Freunde nicht zurückkommen werden. Was soll ich nur tun? Nach quälenden Überlegungen, ob ich mich in einer Notlage befinde oder nicht, entschließe ich mich, eine SOS-Säule am Fahrbahnrand zu nutzen und mich in die Obhut der Polizei zu begeben. Mit gesenktem Haupt verlasse ich den wasserlosen Rastplatz und beginne, entlang des Standstreifens der A5 in Richtung Süden zu laufen. Schon nach wenigen hundert Metern muss ich aufgeben. Ich komme nicht an gegen den Lärm, die Hitze und das aufgebrachte Hupen der vorbeifahrenden Autos. Zurück auf dem Rastplatz lege ich mich entkräftet in das einzige Stück Schatten neben den Toilettenanlagen. Ich kann nichts mehr tun. Bin vollständig besiegt von Hitze und Paranoia. Schließe die Augen. Warte auf irgendetwas. Hübscher! Alles in Ordnung? Siehst mitgenommen aus. Wow! Komm, ich nehme Dich ein Stück mit und wir lernen uns näher kennen. Ist ein Hunderter okay?! Für Blasen und Ficken? Bitte helfen sie mir. Ich habe Durst und muss unbedingt nach Hause. Steig erstmal ein, Hübscher. Ich nehme dich ein Stück mit. Muss sowieso in deine Richtung. Ich bring dich einfach zum nächsten Bahnhof. Es ist der Weiße. Steht gleich da drüben.

PL