Reissig und Völker müssen reden (9)

– Die Vermessung der DDR mit einem Zollstock

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe trafen sich Rising Reißig (Arzt, 15,1 Sekunden) und Timm Völker (Patient, 15,3 Sekunden) um 8.00 Uhr auf einem Sportplatz im Westen von Leipzig. Ihrer selbst-auferlegten Doktrin folgend, versuchten sie am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und eisernen Widerstand gegen den inneren Drang Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Tag, außen, grauer Himmel. Ein Sportplatz mit Fußballfeld, darum eine 400-Meter Schotterbahn. Ein blaues Metallgeländer. Aus der Ferne ist ein Rasenmäher zu hören, vereinzelt ziehen Krähenvögel durch den Himmel. RR und TV tragen Sportkleidung.

Rising Reißig (RR): Dehnt seine Beine. Zollstock… jetzt machen wir erstmal die Zollstockübung und dann wärmen wir uns noch ein bisschen auf.
Timm Völker (TV): Hüpft auf der Stelle. Reißig und Völker müssen reden. Nummer acht. Oder?
RR: Man weiß es nie.
TV: Ich glaub, es ist Nummer acht. (Es ist Nummer neun, Anm. des Transkriptors) Unsere erotische Reise durchs NBL Haus hat uns auf den Sportplatz des VFK Blau Weiß Leipzig 1892 e.V. geführt. Dort hinten ist das Scharfschützenhaus.
RR: Dahinter ist das Soja-Haus.
TV: Eine unserer zahllosen Visionen realisierend werden wir heute 100 Meter laufen.
RR: Eigentlich heißt es » Reißig und Völker müssen rennen «. Nimmt den Zollstock und zieht eine Linie in den Schotter der Bahn.
TV: RVMR, richtig. Wir werden jetzt aber erstmal mit diesem geeichten Zollstock die 100 Meter messen.
RR: Weil die 100 Meter nicht abgemessen sind.
TV: Ausgabenthema von Standort-West ist » Zeit & Messer «. Da liegt das nah.
RR: Entfaltet den Zollstock auf seine volle Länge und legt ihn auf den Boden. Du musst dann immer gucken…
TV: Ich mach dann immer so nen Strich, oder was?
RR: Eigentlich nicht. Jetzt liegt es schief. Der Anfang ist immer schwierig. Legt seinen Finger ans Ende des Zollstocks und schiebt ihn weiter. Na, du musst mitzählen. Vier.
TV: Achso, ja. Warte mal. Sechs.
RR: Acht.
TV: Konzentriere du dich auf das Messen, ich zähle.
RR: Ich zähle lieber mit, sicherheitshalber. Du kannst schon mal diese Brocken hier wegräumen. Wirft einen faustgroßen Schlackestein von der Bahn.
TV: Schiebt mit dem Fuß weitere Schlacke von der Bahn hinunter. Warum heißt das denn eigentlich Aschebahn und woher kommen diese Steine? Kommen die aus den Tagebaugebieten hier in der Gegend?
RR: Ich denke aus den Hochöfen des Sozialismus.
TV: Also da, wo der Stahl geschmolzen…
RR: Wo der Stahl gehärtet wurde.
TV: Das ist doch ein Buch von Alexander Solschenizyn (Autor des systemkritschen Romans » Archipel Gulag «., Anmerkung des Transkriptors).
RR: Nee, das war der, der dagegen war. Der Autor hieß anders. Ich weiß nur noch den Namen des Haupthelden: Pawel Kurtschagin.
TV: Worum ging’s denn in dem Buch?
RR: Misst weiter mit dem Zollstock die Bahn ab. Ich hab das, glaub ich, gar nicht gelesen. Aus Prinzip nicht, oder so. Wir sind jetzt bei 20 Metern, glaub ich.
TV: Ja, ich hab nicht mitgezählt, weil du ja zählen wolltest.
RR: Ach so. Es sind schon so viele Meter weg und nur noch so wenig Platz.
TV: Nee, nee, das haut schon hin.
RR: Können wir das mit dem Laufen nicht weglassen? Es reicht doch, wenn wir die 100 Meter abmessen.
TV: Nee, guck mal. Wir machen das Ganze hier doch deshalb, weil du sagtest, deine Bestzeit für 100 Meter waren 10,9 Sekunden. Wann war das?
RR: Ich glaube 1980.
TV: Ausgehend davon ließt du dann verlauten, dass jeder, der die 100 Meter nicht in 11 Sekunden schafft, erschossen werden muss. Welche Idee steckt dahinter?
RR: Das war ja nur metaphorisch gemeint.
TV: Was steckt hinter dieser Metapher?
RR: Ich habe festgestellt, dass es dem aktuellen deutschen Volk an körperlicher Leistungsfähigkeit mangelt. Und da fiel mir diese Metapher wieder ein.
TV: Das heißt also, dass die Leistungsfähigkeit dadurch gesteigert werden soll, dass alle aus Angst trainieren.
RR: Ja, das steht im Grundgesetz. Keiner darf aufgrund seiner Trainingsmethoden diskriminiert werden.
TV: Und das Volk wird besser, weil alle, die es nicht schaffen, getötet werden.
RR: Es war ja nur eine Metapher. Wobei sich die Endzeit-Szenarien in letzter Zeit häufen. Solche, in denen die Hälfte der Menschheit stirbt, damit die andere mehr Umwelt hat. Wir sind jetzt bei 40 Metern, das kann doch nicht sein. Dreht sich in beide Richtungen der Laufbahn.
TV: Doch doch, das dürfte hinhauen.
RR: Wir sind doch schon über die Hälfte weg.
TV: Ja, du hast nen Knick im Auge. Ich glaube, das reicht. Oder du hast dich massiv verzählt.
RR: Nee. Also… wirft seine Arme in einer Geste der Vergeblichkeit nach oben und misst weiter.
TV: Vertrau dem Zollstock. Stell dir mal vor, der Entwickler des Zollstocks hat bei der Herstellung gepfuscht und dadurch messen alle seit Jahrhunderten falsch. Wobei das ja dann eigentlich auch wieder egal wäre. Wenn alle falsch messen wird falsch zu richtig. Erst, wenn das richtige Maß wieder erkannt werden würde, gäbe es ein Problem.
RR: Das ist aber auch sehr demokratisch gedacht. Wie in Deutschland zur Kaiserzeit. Da wurden immer zwölf oder vierzehn oder sonst wie viele verschiedene Maße benutzt und trotzdem war alles immer richtig… Genau, dass hier sind DDR-400-Meter. Da war vielleicht alles kleiner. Du bist doch aus der DDR und ziemlich klein. Vielleicht waren die Menschen auch kleiner.
TV: Und weil das Land so klein war, wurden auch die Maße kleiner.
RR: Du behauptest doch, dass du 1,78 Meter groß bist.
TV: Nee, 1,74 Meter.
RR: Steht auf und legt den Zollstock an TV an. Nee, du bist 1,68 Meter.
TV: Vielleicht im BRD-Maß.
RR: Wieso messe ich eigentlich die ganze Zeit?
TV: Zeit und Messer eben.
RR: Jetzt sind wir bei 50 Meter. Also, jetzt muss ich mal… steht ruckartig auf und schaut sich um.
TV: Was, das kann doch…
RR: Ja, das ist kleiner hier. Das ist ne DDR-100-Meter-Bahn.
TV: Verschränkt die Arme hinterm Rücken. Los jetzt, miss das bis zum Ende. Warum geriere ich mich eigentlich wie so ein Aufseher? Die Rollen scheinen mir vertauscht.
RR: Du hast auch deine Hände so komisch auf dem Rücken.
TV: Wendet sich ab und läuft ein Stück weg und lässt dabei die eine Hand hinterm Rücken zittern. Wer bin ich?
RR: Wer du bist? Der Österreicher mit dem Parkinson? Hat er das gemacht?
TV: Ja, in den letzten Tagen.
RR: Hantiert weiter mit dem Zollstock im Schotter und grummelt Unverständliches vor sich hin. Also stimmt doch alles nicht.
TV: Es war deine Idee.
RR: Das stimmt gar nicht.
TV: Doch.
RR: Jetzt sind wir bei 60 Metern. Wir können auch nur 60 Meter rennen.
TV: Wir rennen die Bahn bis hinter.
RR: Ich glaube, wir haben hier mal wieder was aufgedeckt. In der DDR war alles ein Stückchen kleiner, was aber durch manipulierte Zollstöcke vertuscht wurde. Und die Treuhand hat das auch gewusst. Da gab es doch so eine Diskussion.
TV: Was für eine Diskussion?
RR: Na, dass die das alles zu Zwergenpreisen verscherbelt haben. Wahrscheinlich dachten die, dass das ein Spielzeugland war.
TV: Ah ja. Hält inne. Warte mal, sie haben es so günstig verkauft weil die Sachen nicht so groß waren, wie die Bürger der DDR dachten.
RR: Ja, immer wenn du in irgendwelche alten Kirchen reingehst, wo Ritter Kahlbutz oder Kaiser Otto oder wer auch immer begraben wurde, merkst du doch, dass die auch alle viel kleiner waren.
TV: Also hat die Treuhand gar nicht gepfuscht?
RR: Nee, es hat vorher einfach nie jemand einen richtigen Zollstock genommen und die DDR nachgemessen. So wie wir das gerade machen. Eigentlich messen wir die Welt von 1892 bis heute nach. Zeigt auf den Schriftzug am Vereinshaus. Und seit 1892 waren 100 Meter hier in Wirklichkeit 80 Meter.
TV: Also rennen wir die 80 Meter, die DDR – 100 – Meter.
RR: Eher die Kaiserreich – 100 – Meter.
TV: Ein Lauf durch die Geschichte.
RR: In unserer Reihe sind wir bisher noch nie soweit zurück gegangen. Außer als wir bei Nietzsche am Grab waren. Erhebt sich und faltet den Zollstock zusammen. Hier sind 80 Meter.
TV: Dann mache ich jetzt hier einen Strich. Zieht mit dem Fuß eine Linie in die Asche.
RR: Klopft sich den Dreck vom Leib. Jetzt bin ich wieder kalt.
TV: Dann laufen wir noch ne Runde.
RR: Dann laufen wir noch ne Runde. TV läuft entgegen dem Uhrzeigersinn los.
TV: Komm wir laufen mal in die andere Richtung. Beide laufen eine Runde im Uhrzeigersinn auf dem Sportplatz. Sie finden sich folgend an der Startlinie ein. Auf das Kommando des Ansagers wartend stehen sie mit aufgewärmten Leibern voller Spannung am Start. Als das » Los «. ertönt beschleunigen beide in wenigen Sekunden auf Höchsttempo. Reißig hat nach zwanzig Metern einen kleinen Vorsprung. Beim Anblick der Rückseite des stählernen Körpers des RR entfährt TV ein Schrei der Ehrfurcht. Er kniet sich im Laufen hin und legt einige Meter auf Knien und betend zurück bevor er sich wieder erhebt und 0,2 Sekunden nach RR ins Ziel kommt. Danach nehmen RR und TV auf blauen Plastestühlen im überdachten Mannschaftsbereich am Rand der Bahn platz. RR raucht eine selbstgedrehte filterlose Zigarette.
RR: Waren schon anstrengend diese 80 Meter.
TV: Die 100 Meter.
RR: Wir sind die DDR-100-Meter in fünfzehn-sekunden-nochwas gerannt. Die echten 100-Meter also in ungefähr 19 Sekunden. Wir wären also beide tot, Timm.
TV: Nach deiner Spartianischen-Auslese-Theorie. Ich hätte vielleicht während des Rennens nicht schreien dürfen. Aber als ich dich sah, war ich so ehrfürchtig.
RR: Hast du dich auch hingekniet?
TV: Ja, ich hab dich angebetet.
RR: Das ist nett von dir, dass du mich nicht so vorgeführt hast.
TV: Sondern vorgelassen.
RR: Das sollte man auch machen.
TV: Du konntest, wie im Kapitalismus erwünscht, im richtigen Moment deine Leistung abfeuern.
RR: Abrufen! Aber ich glaube, ich habe einfach nur längere Beine als du.
TV: Das macht 0,2 Sekunden Unterschied aus?
RR: Aber natürlich. Beim 100-Meter-Lauf gewinnen immer die mit den längsten Beinen. Aber du hast ja keine kurzen Beine, das wäre ja Diskriminierung. Meine sind einfach nur länger. Guck mal. Stellt sein Bein neben das von TV. Da ist mein Knie. Wo ist der Zollstock? Sucht etwas in seiner Tasche und holt eine Zahnbürste hervor. Wir können auch die Zahnbürste nehmen… TV steht auf und holt den am Aschebahnrand liegenden Zollstock.
RR: Da können wir unsere Beine ausmessen. Legt den Zollstock an seiner Hüfte an. Guck hier, das sind 92… und bei dir… erstastet einfühlsam TVs Hüftknochen… das sind 85! Du hast ein 85er Bein und ich ein 92er. Das ist ja wie, als würde man mit nem 26er und nem 28er Fahrrad um die Wette fahren.
TV: Mir fällt gerade zum Thema Diskriminierung ein, was mir letztens eine Dame am Tresen des Bierlandes mitgeteilt hat, als ich deine Theorie der 11-Sekunden verbreitet habe. Sie sagte, dass dann alle Frauen erschossen werden müssten.
RR: Da war ich dabei.
TV: Nee, da warst du nicht da.
RR: Doch doch, das hast du auch zu mir gesagt. Und ich habe auch was darauf entgegnet.
TV: Und was?
RR: Ich weiß auch nicht mehr. Ich habe auf jeden Fall auf den Pudding gehauen, dass ich mal 10,9 Sekunden gerannt bin und der Weltrekord der Frauen auch ungefähr bei dieser Zeit lag. Oder vielleicht auch nur der deutsche Rekord. Jedenfalls erschießen wir keine Frauen. Wir erschießen nur Männer. Ich würde nur Männer erschießen. Dicke, äh nee, langsame Männer.
TV: » Langsame Männer « ist auch eine Diskriminierung.
RR: Man kann heute überhaupt niemanden mehr erschießen, ohne jemanden zu diskriminieren. Da muss ich gleich an Jonathan Litell denken (Autor des Buches » Die Wohlgesinnten «, Anm. des Transkriptors)
TV: Und ich erinnere mich, dass ein weiterer überhaupt nicht lustiger Ursprung unseres Laufes daher rührte, dass wir beide uns ins SMS-Nachrichten teilweise mit Sturmbannführer und Rottenführer grüßten. Und an einem freien Tag habe ich dann mal diese SS-Dienstgrade recherchiert und bin auf den Wikipedia-Eintrag über Josef Blösche gestoßen. Das war ein Rottenführer, der im Warschauer Ghetto in grausamster Art und Weise Juden, die sich um der Deportation zu entgehen und vor und während des Aufstandes versteckt hielten, aufgespürt, wahllos erschossen, vergewaltigt und getötet hat. Da wurde mir klar, dass hinter unserem Spaß schreckliche Realität steht. Später war er dann Bergarbeiter und Mitbetreiber einer Konsum-Gaststätte im thüringischen Urbach.
RR: Es gibt ein Buch über den Anführer des Widerstands im Warschauer Ghetto, der dann später Herzchirurg in Südafrika geworden ist und die erste Herzverpflanzung mitgemacht hat. (Gemeint ist Marek Edelman aus dem Buch » Dem Herrgott zuvor kommen «. von Hanna Krall). Und die haben da mit schlechter Bewaffnung und 500 Mann diese Josef Blösches 3 Monate in Schach gehalten.
TV: Nachdem Blösche dann der Prozess gemacht wurde, hat die DDR ihn in der Zentralen-Hinrichtungsstätte in der Alfred-Kästner-Straße in der Südvorstadt 1969 per Genickschuss getötet.
RR: Na, ist doch gut. War eben nicht alles schlecht in der DDR.

Beide stehen auf und verlassen den Sportplatz.

Am 20.06. zeigen Reißig und Völker den Videomitschnitt dieses Gesprächs exklusiv im Besser Leben. Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Konversation mit beiden.