Richtigstellung in eigener Sache

ERSTENS:

Die Erde ist keine Scheibe – so wie gestern von mir energisch unter Alkoholeinfluss am Tresen behauptet! Die Erde ist rund und innen hohl.

ZWEITENS:

Es ist nicht richtig, dass sich die Redaktion des SOW, wie von mir in Ausgabe 5 behauptet, ausnahmslos einem dreimonatigen Hitler-Spezial verweigert hat. Bruder Timm Völker drückte entgegen dieser Darstellung mehrmals seinen begeisterten Zuspruch aus.

DIE FAHRT

Ein Kleinwagen schießt mit locker 200 Stundenkilometer über die regennasse Fahrbahn der Bundesstraße 3. Pfeilschnell durchschneidet das brutal getunte Vehikel die nächtliche Einöde zwischen Traktor und Milchkanne im westdeutschen Nirgendwo. Mein Blick flackert rastlos über den mit Aluminiumtrittschutzmatten ausgekleideten Fußraum eines 3er Golf im Jahre 1999. Was ich dort unten im Neonlicht suche, weiß ich nicht. Vielleicht liegt der Sinn des vor sich hin Starrens im Begreifen wollen. Ein letztes Aufflackern von Vernunft klammert sich an langweilige Trittschutzarabesken. Ich hebe vorsichtig den Kopf. Werde Zeuge riskanter Überholmanöver. Hinter dem von stickiger Atemluft beschlagenen Fenster wechseln sich Schlieren von Lichtern mit Schatten von Gestrüpp, dazu reichlich Nässe umschlossen von Stumpfsinn und Dunkelheit. Wie Figuren in einer Geisterbahn kommen in hübscher Regelmäßigkeit Dörfer und Städtchen aus der Versenkung. Mit einem Ruck befördert der bemützte Lenker das noch kurz vor dem Ortsschild beschleunigte Gefährt zurück in den fünften Gang. Der chipgetunte Sechs-Zylinder antwortet mit einer schrillen Bassfrequenz und schiebt sich mit quietschendem Fahrwerk –Motorbremse sei Dank – mit immerhin 80 Sachen durch die Ortschaft. Ein Soundsystem hämmert von all dem unbeeindruckt Trancegewöhnlichkeiten in die Situation. Tobsen redet vorne irgendwas mit dem Fahrer. Statistisch gesehen, ist der Beifahrersitz der unsicherste Platz in einem Automobil, denke ich unvermittelt. Neben mir auf der Rückbank sitzt irgendein farbloser Wichser, Mütze auf der Fontanelle, bescheuert vor sich hin grinsend. Zum Glück ist hier hinten an ein Gespräch kaum zu denken – wegen des Subwoofers. » Andächtig lauschen die Todgeweihten fachmännisch elaborierter EQ: Mitten raus, Bässe und Höhen auf Max… Was? Häh? – Ja! Vielen Dank auch… Ja, Danke sagte ich… ach vergiss es einfach! « Dafür ist es hier schön laut. Wenn jetzt nur halbwegs anständige Musik laufen würde. Doch nix da! Nach einem lieblos zusammengesampelten Chorus mit hymnischen Timbre setzt streng nach Schema F irgendein stampfendes 808 Pattern ein. Herrlich! » Und Peng! « Schallwellen durchschlagen heimtückisch meinen Körper. Mütze schaltet in  Sichtweite Ortsausgang zurück in den Sechsten und Zack haut es mich in den Ledersitz. Die Membran meines Zwerchfelles pulsiert synchron zum Takt des Sechs-Zylinders. » Mir wird ernsthaft schlecht! « Analog dazu laufen mir tausend kleine Schauer über den Rücken. Jeder von ihnen mit der Wertigkeit eines kleinen Orgasmus. Vom Bauch aus verbreitet sich ein Gefühl von Wärme in mir. Allerlei Muskeln drängen zur Konvulsion. Kalter Schweiß bildet sich inselartig auf der Stirn. Mein Schwanz wird steif. Meine Lippe beginnt zu zittern. Kein Zweifel, das Ecstasy beginnt, hart einzuschlagen! In meinem Schädel ist Disko… In meinem, in Tobsens und ganz sicher auch unter den Mützen. » Mobile Disko-Zelte « Doch kein Grund zur Panik! Der Konsum und Vertrieb von Ecstasy-Tabletten war ja überhaupt Sinn und Zweck dieser nächtlichen Exkursion Richtung großstädtischem Techno-Club. Wenn ich mich Recht erinnere, haben wir den Mützen eine nicht unerhebliche Menge Ecstasy zu einem nicht unerheblichen Preis in harter DM verhökert. Als wäre das nicht schon unfair genug, hatten die beiden Schirmträger noch das große Glück, uns wider eigenen Nutzen durch die Gegend fahren zu müssen. » Kollektive Selbstzerstörung in Tateinheit mit Nötigung, nebst variablen Verstößen gegen die STVO, die zehn Gebote und das BTMG « Naja – Kokain bringt einfach stets das Beste im Menschen zum Vorschein. Gib ma den Jägi, sage ich in Richtung Vorderbank. Tobsen fährt hastig herum. Na prima! Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist mein Begleiter bereits völlig hinüber. Beständig verformen sich Nase, Sprechapparat plus Rest-Collagen zwischen Tobsens Ohren.

Uneindeutig mäandern Mimik und Augenspiel in allerlei Richtungen, bevor er sich der kleine Fettsack einen tiefen Riss aus der handlichen 0,7er Pulle genehmigt. Jovial reicht er dem Fahrer den Jägermeister, bevor ich endlich an der Reihe bin. » Bäh! « Der Mützenmann macht frisch gestärkt erstmal die Anlage lauter – dass das überhaupt möglich ist – und tritt entschlossen aufs Gas. Wie wahnsinnig jagt er seine tiefergelegte Karre durch das endlose Nichts des Hinterlandes. Plötzlich, elegant und todesmutig lenkt unser Steuermann in eine Lücke des dichten Gegenverkehrs. Geräuschvoll überholen wir in einem irren Tempo schon wieder irgendetwas. Im Moment des Einscherens trifft uns die volle Wucht eines vorbeibretternden Autos. Für einen kurzen Moment verliert unser Wagen die Haftung auf dem schwarznassen Untergrund. Ungelenk stellt sich das Heck für eine halbe Sekunde lang quer in Richtung Fahrt. In einer endlosen Sekunde verschüttet Tobsen vorne wegen der Fahrphysik einen Rest Jägermeister, während der Fahrer von all dem unbeteiligt gegenlenkt. Hinten ertönen hysterische Schreie von rechts, die von plötzlicher Freude und begründeter Todesangst künden. In einer anderen Galaxis lege ich meine Stirn auf die Knie und halte mir schützend die Hände vors Gesicht, während ich darauf warte, dass schon alles in Ordnung kommt.

DER VOGEL

Ich hatte getrunken, wie so oft in dieser Zeit. Da war diese Fußballkaschemme – mehr ein historisches Kellerloch – das ich gegen Ende meiner Studentenzeit aufsuchen musste, um am Sonnabend meine sogenannten Freunde zu treffen. Der Hauptvorteil dieser Lokalität war, neben der völligen Unerreichbarkeit für jedwede telekommunikative Belästigung, ganz eindeutig der Umstand, dass ich in diesem Scheißladen hemmungslos Deckel machen konnte. So muss ich wohl ohne das kleinste Bisschen Geld meinen Tag von Nachmittags um eins bis Morgens um sechs in diesem Loch zugebracht haben. Zu Beginn noch tatsächlich intellektuell pikiert, hinsichtlich der omnipräsenten Sky-Konferenzschaltung. Später laut und pathetisch Rio Reiser singend, gegen Ende mit lakonischem Tremor an der Luftgitarre. Noch sehr viel später fremdschämend, ob meiner Begleiter, die einer Gruppe Füchse lautstark und wenig wortgewandt die verdiente Prügel anboten. Na jedenfalls musste ich am darauffolgenden Tag um zwölf Uhr bei meinem Downie sein, um nach seinem rechten Befinden zu sehen. Nach knapp vier Stunden Schlaf habe ich über den Daumen gepeilt noch round about 80 Promille und fühle mich dementsprechend elend. Fassungslos wanke ich nach einer hilflosen Dusche in Richtung der Wohnung meines Schutzbefohlenen. Schuldgefühle und wilde Verwünschungen pochen energisch hinter meiner Stirn. Grotesk, dass ausgerechnet ich mich aufmache, um jemandem zu helfen – und das auch noch in diesem Zustand. » Bin nicht ich in genau diesem Moment das Ärmste unter den Wesen? « Um niemanden direkt ansehen zu müssen, hefte ich meinen übernächtigten Blick auf das biedere Muster des innenstädtischen Kopfsteinpflasters. Während ich gehe – oder vielmehr schwanke – werde ich unfreiwillig Zeuge einer unerhörten Begebenheit: Im Rinnstein kauert ein Vogel. Er ist ganz klein und hat große Augen mit denen er mich ängstlich ansieht. Sein Schnabel klappt in Panik mechanisch immerfort auf und zu. Ein paar Meter weiter auf einer Mauer, das rufende Elterntier. Der Kleine muss erst kürzlich aus dem Nest gefallen sein. Und nun kaum unsanft in die Welt geworfen, hopst der Kleine sogleich unbeholfen in Richtung Straßenverkehr – geradewegs seinem unsanften Ableben entgegen. Zögernd nehme ich den Verunglückten auf die Hand. Das zitternde Plüschknäuel scheint offenbar nur aus Augen und Schnabel zu bestehen. » Klapp Klapp « Was ich mit dem Kleinen vorhabe, will eine Passantin wissen. Ich erzähle ihr, dass ich zur Arbeit müsse und versuche ihr zu erklären, dass ich glaube, dass der Vogel vor Stress sterben wird, wenn ich ihn dorthin mitnehme. Die Passantin scheint mich nicht richtig zu verstehen und verlässt mich grußlos. Ich schaue auf die Uhr: 12:15 Uhr. Behutsam trage ich den Vogel hinüber zur angrenzenden Mauer. Ich halte Ausschau nach dem Nest. Entdecke es schließlich im Baum darüber. Unter den panischen Schreien des Elterntiers setzte ich das kleine piepsende Federknäuel in die Nähe des kahlen Stammes. Beim Verlassen des Ortes überfällt mich augenblicklich eine tiefe Scham. Mit dem Gefühl der Hilflosigkeit übergebe ich mich krampfartig einige Meter weiter in eine der zahlreichen westdeutschen Mülltonnen. Auf dem Rückweg, knapp zwei Stunden später, stelle ich fest, dass der kleine Vogel verschwunden ist. Vom Elterntier ist keine Spur.

YELLOW SUNSHINE

Diffuses Licht. Voraus die Treppe. Nacht ist es wohl schon eine ganze Weile. Wo bin ich? Offenbar hinter jemandem. Vor uns ergo ein Jemand. Abgerissener Säufer, schwankend, so um die vierzig, fünfzig, irgendwas. Er auf dem Weg nach Hause oder in die nächste Kneipe. Kleine Abkürzung durch den Park. Auf halber Treppe ein Stoß. Der fällt hin wie ein nasser Sack. Schreit nicht. Wundert sich nur. Weiß nicht wie ihm geschieht. Verliert seine Brille. Tastet danach. Vergeblich. Zum Aufstehen kommt er nicht. » Der Kassler Maschinen-Schlosser Bertram W. erlitt neben zahlreichen Prellungen und Platzwunden einen Schock. Wurde jedoch noch in der Nacht, wenn auch auf eigen Wunsch, aus dem hiesigen Krankenhaus entlassen. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. Die Kripo ermittelt. Hinweise bitte an die örtliche Polizeidienststelle. « Hör auf zu zappeln und mach es dir nicht so schwer. So, Lederjacke über den Kopf – Faust obendrauf. Hilfe!, schreit jetzt der Mann. Hilfe! Kann einem schon leid tun. Nehmen tun wir stattdessen sein Geld – seine Sachen. Junkie-Hände greifen hastig nach einem Portmonee. Zwei gegen einen Einzelnen. Zwei drücken Einen zu Boden. Hilfe, zu Hilfe schreit der Mann. Zum Abschied ein Tritt in die Seite – bleib doch endlich liegen – verdammt nochmal. Dann Rennen. Rennen, bis die Lungen brennen. Das Portmonee ins Gebüsch. Wieviel? Über dreihundert. Oh Mann! Unbestimmte Zeit später wieder zurück auf den Parkplatz. Nichts gewesen! Hey! Ja geile Party, Mann. Auf jeden Aufschwung OST Alta. Wer legt’n heute auf? Keine Ahnung. Alta! Brauchst Du Pep? Hast Du Koks? Frag die Zuhies oder die Türsteher da drüben Digga.

Gib mal vier Yellow Sunshine, Kollege. Wahnsinns Party, Alta, voll krass, Mann. Ja ey genau, und pass auf ey! Hier sind überall Zivis Digga. Ich werfe ein, ziehe Bahnen, schiebe mich durch eine formlose Masse Musik und Körper hindurch – immer weiter auf der Suche nach Vergessen. Ich bin allein. Stunden später, Rückfahrt im Zug. Schweigen, Scham – Jägermeister. Verstohlene Blicke. Leere, Apathie, zu Hilfe!

Ich bin allein.

DIE RATTE

Auf einer Straße im Frühling liegt sie da. Unvermittelt! Ihre Glieder scheinen schon langsam steif zu werden. Doch ihr Brustkorb bewegt sich noch heftig auf und ab. Vorsichtig mache ich einen Schritt auf das hilflose Tier zu. Es scheint jedoch keine Notiz von mir zu nehmen. Unweit entfernt liegt vor mir ausgestreckt eine Ratte in einem Fetzen Sonne. Reglos! Es braucht keinen Arzt um zu sehen, dass das Tier offenbar im Sterben begriffen ist. Kraftlos und fatalistisch liegt es einfach nur da neben diesem Stromkasten – mitten auf der Hauptstraße. Wo mag sie nur hergekommen sein? Ob sie wohl ein nach ihrem  Ermessen schönes Leben hatte? Ich stelle mir diese Frage, ohne nach einer Antwort zu suchen – jetzt, wo ich sie sehe und sie daliegt und stirbt. Vielleicht sind wir uns ja schon früher einmal begegnet – am Wasser oder im Vorbeigehen in irgendeinem Keller. Die Arme, sie hat bestimmt Durst. Ich muss zusehends gegen den Impuls ankämpfen, ihr auf der Stelle Wasser zu geben. Doch wieso eigentlich? Soll ich ihr nicht einfach ein wenig aus meiner Flasche über den Kopf gießen? Das ist für die Ratte bestimmt so ähnlich wie Waterboarding. Wieso auch ihr Leid unnötig verlängern? Was maße ich mir damit überhaupt an? Gebiete ich neuerdings etwa über Leben und Tod fremder Nagetiere? Kann ich mir also ohne weiteres zutrauen auf die Geschicke artfremder Biomasse einzuwirken? Muss ich am Ende etwa eine Entscheidung treffen? Wieso sollte ich überhaupt eingreifen? Immerhin hat sich die Ratte offenbar genau diesen Ort zum Sterben ausgesucht. Was hätte ich dem schon entgegenzusetzen? Oder ist der Ratte am Ende vielleicht nur ein Unglück widerfahren? Vielleicht wurde sie ja von einem Fahrrad erwischt oder fiel gar einem giftigen Köder zum Opfer. Ernsthaftes Mitleid überkommt mich. Ich habe das Gefühl, ein bisschen weinen zu wollen. Vielleicht sollte ich sie töten? Wäre das nicht die humanste aller Lösungen? Ein Schlag auf den Kopf kurz und schmerzlos, dann ist alles vorbei: Der Durst, die Hitze, der Schwindel und ganz sicher auch die sinnlose Qual, des immer vergeblicheren Luftholens. Aber was ist mit meinem Hund? Was wird der von mir denken, wenn ich vor seinen Augen ein anderes Tier töte? Wird er mich fürchten oder gar dafür respektieren? Ratlos senke ich den Kopf. Ich weiß einfach nicht weiter. Offenbar kann ich mich wieder Mal zu keiner Entscheidung durchringen. Niedergeschlagen verlasse ich die Sterbende. Flüstere Worte des Abschieds. Zuhause angekommen füttere ich meinen Hund. Das Radio schnattert ein paar Belanglosigkeiten in den Raum. Ich setze mich langsam auf mein Sofa in Gedanken an die sterbende Ratte.

PL