Leierei

Ich hatte mich für dieses Heft »Vatermord und Umweltschutz«…

mit meinem Vater unterhalten. Das erschien mir logisch. Im Gespräch kamen wir ziemlich schnell weg vom Thema hin zur erlernten Tätigkeit meines Vaters. Mein Vater erlernte nach seinem Medizinstudium den Beruf des Zergliederungskünstlers, oder griechisch, des Anatomen.

Anatomie, die Zergliederungskunst oder die Lehre vom Aufbau des menschlichen Körpers. Wie jedes Kind besuchte auch ich meinen Vater an der Arbeit. Die Arbeitsstelle war spektakulär. Ein großer, luftig gebauter 50-Jahre Bau mit einem halbrunden Saal,  über den auf geometrische Art 20 Metalltische mit übergroßen Scheuerlappen-verhüllten Bündeln verteilt waren. Ich hob immer, wenn ich dort war und meinen Vater besuchte, die übrigens feuchten Scheuerlappen an.  Darunter lagen blasse Leichen. Den Leichen fehlte schon einiges, mal die Haut an den Armen, mal ein Bein, mal der Brustkorb, mal die Gesichtshaut. Ich wußte ja nicht, dass sich andere Kinder an den Arbeitsstellen ihrer Väter keine Leichen anschauten. Der Bauerssohn weiß ja auch nicht, dass andere Kinder nicht in Schweinegülle umherwaten. Ich wunderte mich auch nicht, dass wir bei unserem ersten mir erinnerlichen Umzug unsere Möbel im Leichenwagen des Institutes transportierten. Eigentlich war der Leichenwagen dafür da, neue Leichen für das Institut zu besorgen. Der jährliche Bedarf lag so ungefähr bei 30 Leichen für die Medizinstudenten-Ausbildung. Traditionell blieb die recht unbeliebte Aufgabe, die Leichen aus Pflegeheimen, Krankenhäusern oder Leichenhallen abzuholen, immer beim jüngsten Assistenzarzt des Institutes hängen. Man kann übrigens seinen Körper zu Lebzeiten für die Anatomie-Ausbildung spenden. Mein Vater muss sich in seiner Zeit als Assistent besonders beim Leichenholen hervor getan haben. Gab es doch einen Ehrennamen für ihn, Leichen-Reißig oder kurz, LEIREI. Und ich, ich bin LEIREI jun. Den Namen verdiente ich mir im Sommer 1979 in Leipzig Lindenau, im Krankenhaus Friesenstraße. Ich war dort zur Ferienarbeit. Meine Eltern hatten beschlossen, dass auch ich Arzt werden sollte. Und, früh übt sich. Ich wurde also mit 14 ins Krankenhaus geschickt, 3 Wochen Arbeit als Hilfspfleger im Krankenhaus. Ich bekam am ersten Tag einen etwas zu großen Kittel und ein Blutdruck-Messgerät-und ein Stethoskop. Mir wurde kurz erklärt, wie das geht mit dem Blutdruck messen. Dann wurde ich losgeschickt zur ersten qualifizierten medizinischen Tätigkeit meines Lebens, bei allen Patienten auf der Station Blutdruck messen. Mein erster Patient hob seinen linken Arm, ich wickelte die Manschette des Gerätes um den Arm, pumpte sie auf, setzte das Stethoskop auf, fing an, in der Ellenbeuge auf den Puls zu hören und der Patient verdrehte die Augen und war tot. So begann meine medizinische Karriere von 40 Jahren. Und es war nicht der letzte berufliche Todesfall, ganz im Gegenteil. Dieses entspannte Verhältnis zu Toten begleitete mich von da an. Wahrscheinlich bin ich deswegen auf die Vatermord-Geschichte gekommen. Im Gespräch mit LEIREI sen. (siehe dieses Heft) habe ich ja schon anklingen lassen, dass ich die Idee der Griechen, in ihrer Religion den Vatermord von vornherein zu installieren, für kulturell bemerkenswert halte. Da steckt eine ganze Menge Gotteslästerung drin. Macht die ganz Hierarchie schon durchlässiger als in manch anderer Religion. Bei der Recherche für das aktuelle » Standort West « blätterte ich in alten Heften von 2011. Schon damals hatte ich das Anatomie-Thema am Wickel. Ich denke, bei meiner Biographie verständlich und verzeihlich. Im Heft 4/2011 hatte ich meinem Zorn über die Störung der Totenruhe von Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan Karl Raspe und Andreas Baader Luft gemacht. Für die Jüngeren, dass waren Menschen, die das mit dem Vatermord etwas zu wörtlich genommen hatten. Als » Rote Armee Fraktion « hatten sie etliche Jahre die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Anschlägen und Morden in Atem gehalten. Am Ende waren sie tot. Die Leichen wurden begraben, die Gehirne heimlich aufgehoben. Die Gehirne der RAF-Leute wurden seziert. Bei Ulrike Meinhof wurden die Folgen einer Gehirn-Operation gefunden. Der deutsche Terrorismus wurde auf einen Hirnschaden bei Frau Meinhof zurück geführt. Als deren Kinder den Gehirndiebstahl merkten, waren sie zu Recht empört, forderten das Gehirn ihrer Mutter zurück und setzen es auch bei. Die in diesem Zusammenhang ebenfalls von den Familien geforderte Herausgabe der Hirne von Baader, Raspe und Ensslin konnte nicht stattfinden, weil die Hirne verschwunden waren. Ich hatte mich damals in meinem Text aus künstlerischen Gründen in eine pro-Terroristen-linksradikale-Haltung hinein halluziniert. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich Ninja-mäßig nachts in das Institut, in dem das Hirn von Frau Meinhof vom Geheimdienst gefangen gehalten wurde, einbreche. Ich hatte mir vorgestellt, wie ich das Gehirn aus seinem Kerker befreie. Und mir überlegt, wie  ich das Gehirn auf immer dem Zugriff irgendwelcher Gehirn-versklavender Schergen entziehen könne. Mir war die ultimative Lösung eingefallen. Ich würde das Gehirn essen. Und ich hatte mir damals überlegt, dass andere Beschützer von Gehirnen mit denen von Ensslin, Raspe und Baader auch ein Essen veranstaltet hatten. Dieser Gedanke hatte mir gefallen und tut es auch jetzt noch. Kein Wunder, bei der Biographie. Oder?

RR