Interview »Vatermord«

Für diese Ausgabe begab sich Rising Reißig (Arzt und Gastwirt) nicht mit Timm Völker (Musiker und Patient), sondern mit seinem Vater Dieter Reißig (Arzt, Anatom) nach oben im NBL, in sein Studio für Gemütspflege. Auf einem Sofa sitzend fällt es RR und DR unter Abwesenheit von Patienten leicht, gegen Phantasmagorien anzukämpfen.
Später Nachmittag, großer heller Raum, Holzdielung, ein großer alter quadratischer Schreibtisch mit dunklem Linoleum bezogen, Aufkleber »Staatliches Gesundheitswesen der DDR«, im Hintergrund zwei lebensgroße Rollbilder mit »Muskelmännern« aus dem Hygiene-Museum Dresden, darunter eine Liege mit teilweise zu gezogenem Vorhang, ein Bücherregal mit schulmedizinischer und astrologischer Literatur, auch einige Bücher über Yoga und Ayurveda

RR: Schön, dass Du da bist, lieber Vater.
DR: Danke für die Einladung
RR: Die Reise durchs Noch Besser Leben heute in meinem Studio für Gemütspflege. Ich hab nämlich ein Studio für Gemütspflege, steht unten am Schild. Zusammen mit einem Yogi und Astrologen, mit einem Hypnose-Therapeuten, einer Schamanin und einer Tätowiererin.
DR: Ach, Studio für Gemütspflege, na ja, das ist …
RR: Und da das Motto für das Heft »Vatermord und Umweltschutz« ist, die Idee kam von mir und der Herr Völker keine Zeit hat, hab ich mir gedacht, dass wir uns doch als Vater und Sohn hier mal unterhalten können, über Vatermord.
DR: Ja, da kann man drüber nachdenken, welche Möglichkeiten…
RR: Was uns ja beide verbindet, dass wir beide Ärzte sind, weil der Timm, mit dem ich das hier sonst mache, der generiert sich als DER PATIENT, da steht immer da » Musiker und Patient « und bei mir steht » Arzt und Gastwirt «. Und jetzt sind wir ja beide Ärzte.
DR: Hhm.
(RR raschelt mit seinem Tabak rum, dreht sich eine Zigarette) RR: Aber eigentlich find ich ja am noch interessantesten, … hab ich Dir eigentlich erzählt, wie ich auf diese Vater-Mord Geschichte gekommen bin?
DR: Ne, hast Du nicht.
RR: Na, als wir zusammen in Guinea waren. Ich kann doch, dadurch, dass wir in Guinea waren, kann ich doch ziemlich genau eingrenzen, wann ich welche Bücher gelesen habe, jedenfalls bis ich neun war, dann sind wir ja wieder zurück. Ihr habt doch immer für mich diese Bücher bestellt aus diesen DDR Versandhaus-Katalogen. Und da war ein Buch dabei von Franz Fühmann über die griechischen Götter. Und ich war doch erste bis dritte Klasse dort und ein halbes Jahr Kindergarten, oder?
DR nickt: Ja, ja, Du warst im Kindergarten und dann bis zur dritten Klasse.
RR: Wir waren doch erst ein halbes Jahr dort und mussten dann zurück, weil die der Meinung waren, du kannst nicht richtig Französisch.
DR nickt: Genau.
RR: Und dann waren wir noch drei Jahre dort?
DR nickt wieder: Bis `74.
RR: Bis `74, da war ich neun. Und in der Zeit bis zu meinem neunten Lebensjahr hab ich dieses Buch über die griechischen Götter gelesen, und irgendwie ist mir das immer haften geblieben. Das war eine Übertragung von Franz Fühmann, ich weiß, dass ich mich immer mal zurück erinnert habe, an Prometheus, und vor allem habe ich mich an diese Titanen erinnert. Da gab es doch die Ur-Götter, Uranos und seine Frau, wo ich den Namen vergessen hab (DR kratzt sich am Kopf, wirkt etwas gelangweilt). Uranos hat dann die Welt geschaffen, Uranos ist bei den Römern dann Saturn geworden. Saturn ist auch bei meinem Kollegen hier in der Praxis ein ganz wichtiges Thema. Nach Uranos kamen dann die Titanen, und der Kronos war dann der Oberboss von den Titanen, und mit den Titanen fing dann das goldene Zeitalter an (DR wirkt immer noch etwas gelangweilt, heuchelt aber ziemlich gekonnt Aufmerksamkeit). Weil Kronos, da steckt auch chrono, also Zeit drin, der war dann dafür verantwortlich, dass diese Welt in Gang geriet, sozusagen (RR macht mit seiner rechten Hand eine kreisförmige Bewegung in den Raum hinein). Und der hat seinen Vater Uranos verbannt auf eine Insel, die Elysischen Gefilde.
DR: Hhm.
RR: Und da hab ich mich dann gefragt, Champs Elysees, Elysee Palast, warum haben die Franzosen eigentlich ihren Staatssitz so genannt? Jedenfalls hat Kronos seinen Vater, den er offensichtlich nicht umbringen konnte, weil er zu unsterblich war, auf eine elysische Insel verbannt. Und das ist der Ort im Universum, wo so eine Art Paradies ist und bis zum heutigen Tage die Zeit still steht. Und Kronos war wiederum der Vater von Zeus und den ganzen anderen Göttern und Göttinnen. Und die haben den (Kronos) dann umgebracht. Und da bin ich dann drauf gestoßen, dass die Christen und Juden und Moslems alle ihren Gott haben und der bleibt ja immer da für immer als Vater und ändert sich ja nicht.
DR nickt: Hhm.
RR: Und nur so bin ich auf die Idee gekommen, mal darüber nachzudenken, wieso es eine Religion gibt, die den Vatermord propagiert. Und das Wort Umweltschutz habe ich nur dazu getan, weil es so gut klingt, irgendwie. Aber erzähl doch mal, du hattest doch als Kind, das hab ich noch so in Erinnerung, dass du schon bei irgendwelchen Missionaren warst, die in Afrika waren, in Eisenach. (zündet sich endlich die Zigarette an, mit der er schon die ganze Zeit herumgespielt hat)
DR: Na ja, in Eisenach in Mariental gab es ein Wohnheim, so könnte man sagen. Und da ich ja im Posaunenchor war, haben wir dann auch für die Bewohner zum Geburtstag ein Ständchen gespielt.
RR: Ach so. Und der Posaunenchor war natürlich auch bei der Kirche.
DR nickt: Und da war‘s dann so, dass diejenigen, die dort gewohnt hatten, die hier in den deutschen Kolonien mal gewesen sind. So hab ich das noch im Gedächtnis. So konntest du ja sehen, was die für Zeug in ihrer Wohnung hatten.
RR: Und was waren das so für Typen? Hast du da dann noch eine Erinnerung?
DR: Was das nun für Leute waren oder welcher Art, das kann ich dir nicht sagen. Wieso die dort gewohnt haben, dass die als Pensionäre nach Eisenach gekommen sind, da im Südviertel, und wir hatten eine ganze Menge solcher Persönlichkeiten, die da gewohnt haben. Da ist auch das Burschenschaftsdenkmal. Dort stehen auch große Villen, dort hatten auch Fabrikanten von Leipzig ihre großen Villen oder entsprechende Wohngebäude, die man als Villa bezeichnen kann.
RR: Stimmt, als wir am Burschenschaftsdenkmal waren und dort geparkt haben, da war ja auch gleich Mariental.
DR: Ja, ja, ja, das ist das Südviertel, die Differenzierungen einer Stadt, dort wohnen, mal sagen, die Besseren oder die Wohlhabenden, im Norden wohnen dann die Halbwohlhabenden und in den anderen Vierteln der Rest, so wie das ja in Leipzig auch ist.
RR: Gibt’s denn in Eisenach auch ein Westviertel eigentlich?
DR: Bitte?
RR: Ein Westviertel muss es ja dann auch geben.
DR: Das ist ja dann schon der Stadtrand, und da ja Eisenach, da kommen dann ja die Täler, und das Südviertel ist ja auch am Berg gebaut, das heißt dann ja auch… also wenn du jetzt in einer bergigen Gegend wohnst und wirst dann älter, dann wird’s dann noch problematischer.
RR lacht wissend: Als du mir das erzählt hast, fällt mir wieder ein, dass du schon als Kind davon geträumt hast, mal nach Afrika zu kommen. Oder habe ich das überinterpretiert?
DR: Nee, überinterpretiert hast du das nicht. Ich meine, es gab dann nicht weit einen Bäcker, und nun weiß ich nicht, ob es der Bruder oder der Schwager war, der war hier in Brasilien Missionar.
RR: Hhm.
DR: Aber sonst, ich weiß, dann hatte …, dann gab‘s nach dem Krieg Schomburg. Schomburg war doch der große Afrika Reisende. Und da gab‘s Filme. Konntest du dir anschauen. In Schwarz-Weiß. Schomburg ist doch hier im Unstrut-Tal beheimatet. Und dann hatte doch meine Mutter diese Fraktur im Sprunggelenk. Und der behandelnde Orthopäde, der hatte …, von dem hab ich mir Bücher geliehen über Afrika. Aus seiner Handbibliothek. So erinnere ich mich.
RR: War das dann auch der Grund, als dann rumgefragt wurde hier an der Uni in Leipzig, wer möchte nach Guinea fahren, dass du dich dann gemeldet hast?
DR: Diese Geschichte, dass ich nun hier zufällig, dass wir gemeinsam in Guinea waren, das da war ja eines Tages, warum, weshalb kann ich dir nicht sagen, aber, äh, da hieß es, dass man, ob ich bereit bin, Mitglied zu werden, vorbereitet werde als AUSLANDSKADERRESERVE.
RR freut sich: Schöner Begriff.
DR: Da musstest du natürlich entsprechend den personellen Voraussetzungen alles erfüllen. Und dann wurdest du quasi vorbereitet, damit du überhaupt ins Ausland kommen konntest, was nun jetzt ständig diskutiert wird, wieso kam der eine oder Andere ins Ausland. Und da war ich dann soweit vorbereitet und das war dann ja entsprechend der Auslandsverpflichtung dann plötzlich die Frage, ob ich in meinem Fachgebiet, aber in der französischen Sprache in Guinea  eingesetzt werden kann. Und wie das dann jaso schön hieß, kaderpolitisch, wenn du die Voraussetzungen erfüllt hast, ging das dann bürokratisch seinen Gang. Und das war dann soweit, dass wir dann 1970, ging‘s dann plötzlich los.
RR: Da war ich fünf.
DR: Und da war natürlich klar, ich meine, da warst du plötzlich drin. Um das alles zu erfüllen, die Voraussetzungen, war alles etwas chaotisch.
RR: Na weil du grad sagst, chaotisch, da fällt mir die Geschichte wieder ein, wo wir in dem Häuschen am Stadtrand wohnten, erinnere ich mich doch richtig?
DR: In Conakry.
RR: Die erste Zeit haben wir doch in so `nem kleinen Häuschen gewohnt.
DR: Ja,ja. Na, wenn du jetzt, als mal sagen, komplettes greenhorn dort tätig geworden bist innerhalb dieser Auslandskader, das waren ja nun Lehrer oder diese Hochschullehrer Gruppe, die waren ja zum Teil auch älter. Du musstest ja versuchen, über die Runden zu kommen.
RR: Stimmt, 1970 warst du Anfang vierzig.
DR: Ja, und dann war ich ja soweit, die sogenannte Habilitation wurde ja abgeschafft und durch den Doktor der Wissenschaften, Dr. sc. ersetzt. Da war ja die Arbeit zu dem Zeitpunkt auch so weit. Na ja und dann war ich in Guinea, und da waren natürlich meine sprachlichen Voraussetzungen, die waren natürlich nicht so günstig. Da hab ich dann erstmal noch eine sprachliche Ausbildung erhalten, Gott sei Dank, und dann bin ich dann wieder dort tätig geworden.
RR: Mir fällt grade ein, da haben doch damals auch die Portugiesen auf uns geschossen, von ihren Schlachtschiffen aus. Was wollten die eigentlich dort?

RR