Eine für alle / Dahinter die Alpen

für P.O.

Frauen drehen an Haarsträhnen, deren Farben es gar nicht geben kann. Rasierte Hinterköpfe wippen zu Justin Biber, obwohl man dazu nicht wippen kann. Dicke Landlippen kippen Mix-Getränke, an denen man nicht mal nippen kann. Der Wunsch nach Unmöglichkeit treibt eine Herde Dorfbwohner in eine Bar, die es hier so nicht geben darf. Sagt Eckhardt-Harald und ist deswegen noch ein bisschen hier. Kati denkt und trinkt und denkt und trinkt und denkt und trinkt und denkt, sie kann noch nach Hause fahren. Als Hans ihr vom Boden hoch hilft.

»Mir wolln ned ins Inderned.« sagt Vater Hübner zu der 16-Jährigen. Und die 16-Jährige löscht das Bild von Familie Hübner an Tisch 3. Hashtag Inzest verschwindet geduldig. Es erscheint: Hashtag Paranoia! Hashtag Paranoia Inzest Family! Hashtag Fuck with Animals! Sobald der Hübner die Theke verlassen hat. Die Kati liegt wieder auf dem Boden und fragt sich, warum man von dem Koksgeld nicht endlich das Laminat gegen Holzdielen tauscht. Sie hätte noch so viele auf dem Hof … und das Bargeld könnte sie ganz gut… Aber wer die Wanduhr von NANUNANA aufhängt… antwortet die Wanduhr und dreht die Zeit ein bisschen schneller, damit die Protagonisten endlich nach Hause können. Der Taxifahrer kommt von der Herrentoilette und zieht die Nase hoch. Er haut dem Schorschi auf den Popo. Er lacht mit drei Zähnen ein feuriges Lachen in die Kamera der 16-Jährigen. Frau Hübner grunzt »Schwulette« und kratzt ihren gewaltigen Oberarm. Susi sagt nichts. Ich bin die Tochter, aber ich sage wie immer nichts, denkt Susi, und horcht in ihren gewaltigen Bauch hinein. Der Bauch will nach Hause. Aber hier kommt niemand nach Hause. Dafür sorgt die Entfernung, sagt der Taxifahrer. Er sitzt auf der Theke und lacht schon wieder sein feuriges Lachen in die Kamera der 16-Jährigen. Kati zieht sich langsam an seinem Bein in eine aufrechte Position. Geschichte darf sich nicht wiederholen, denkt der Berufsschullehrer Eckhardt-Harald, den Blick auf die Kati gerichtet und sabbert am Rand seines Glases. Der Schaitan sitzt auf der Theke, flüstert jemand, der Said heißt, aber Schorschi genannt wird. Flüstert es seinem  Berufsschulkameraden ins Ohr, der gerade an dem Ohr vom Tommy leckt. Kati horcht auf. Der Satan? Der Satan holt sie alle, denkt der Hübner und blickt auf seine misslungene Tochter. Und wieder lacht der Taxifahrer sein feuriges Lachen und überlegt sich, wen er jetzt fickt. Den Schorschi, das bekommt er nicht hin. Und die 16-Jährige interessiert sich nur für den Blick auf Distanz, den Blick durch die Kamera. Die Susi ist viel zu stark. Die wehrt sich, denkt der Taxifahrer, auch wenn sie will. Da sabbert die Kati in seinen Schoß: Bist du der Teufel? Und lacht ein verhickstes Hexenlachen, das dem Taxifahrer einen Ständer zaubert. Jetzt kann er los. Die Susi watschelt langsam an die Theke und bestellt ohne Worte dem Vater den Obstler. Familie Hübner starrt in die Leere, aber in eine andere als die Susi. Eckhardt-Harald sagt: Sag mal Susi, fickt dich dein Vater? Weil der Berufsschullehrer das wissen muss. Die Susi sagt nichts, weil sie das immer so macht. Sie watschelt zurück durch die feindliche Umwelt. Der Obstler für den Vater schwappt gefährlich, als wäre Susis Zorn in ihn gefahren. Die Kati hängt jetzt mit dem Taxifahrer in der Tür fest, der versucht die glucksende angeschossene Beute aus der Feiertagshölle zu ziehen. Der Obstler ist schon in der Schnauze vom Hübner. Die 16-Jährige joggt auf den Tisch und die Faust vom Hübner zu. Sie duckt sich vorbei und drückt Susi eine kleine Flasche in die Hand. »Hab i beim Eckhardt ind Taschn gfundn. Könnts eu mit umbringn.« Die Susi sucht nicht nach Worten, weil sie keine benötigt. Sie starrt auf die kleine braune Flasche in ihrer weichen Hand und die feindliche Umwelt. Vorn rechts an der Theke fängt sie an. » Ja nun sag schon Susi, fickt dich dein Vater? « grummelt Eckardt-Harald und trinkt einen großen Schluck auf das d und das t in seinem Namen. Die Susi sagt nichts. Sie guckt ihn nur so von ganz nah an, ein bisschen wie eine Kuh, die aufs Futter wartet. Hashtag Vieh Hashtag toFuck, schreibt die 16-Jährige in die Welt. Der Eckhardt grinst sie jetzt an. Er streckt die Hand nach ihrem Handgelenk aus. Und unter dem strengen Blick von der Susi reißt der Berufsschullehrer Eckardt-Harald die 16-Jährige mit gen Laminat. Schorschi, der eigentlich Said heißt, nimmt dem Bewusstlosen das gesplitterte Weizenglas aus der Hand, während die 16-Jährige, die im letzten Atemzug des Lehrers gelegen hatte, jetzt über ihn hinweg in die Freiheit krabbelt. Ein rasierter Hinterkopf beginnt eine Herzdruckmassage. Und das rhythmische Knacken der Rippen des Berufsschullehrers ersetzt bald das »shutup shutup…shutup just shutup shutup« aus der Musikanlage. Alle sehen jetzt, dass der Bewusstlose eigentlich tot ist. Dass die 16-Jährige sich ekelt, den Eckhardt-Harald von Mund-zu-Mund zu beatmen. Dass der rasierte Hinterkopf sie anbrüllt. Dass Hübners schon weg sind. Dass die Susi, was in der Hand hat. Der Taxifahrer wankt wieder herein. Er attestiert dem Eckhardt-Harald einen plötzlichen Herztod und bestellt, weil die Schicht jetzt vorbei ist. »Morgen isch Ostern, da steht a wieda oaf… !« Die Susi sagt nichts. Sie watschelt langsam durch die Tür auf die Straße hinaus und wirft die K.O-Tropfen, die: nicht für alle nur für einen! gereicht haben an der Ecke Webergasse/Markt in den braunen Glascontainer. Die Alpen mit den halbgeschmolzenen Gletschern schälen sich langsam aus der Dunkelheit heraus und sagen: Ach Susi. Nur einen…

D.H. elle