Aus dem Leben eines Ichs

in Plagwitz – Asozial – Ich tat es für mich

Nachdem ich mich gehen ließ und einen Tag und eine Nacht durch verschiedene soziale Welten driftete und wie schon viele Male vorher massiv überfordert mit den Menschen, die schönen, finsteren und erbärmlichen Seiten meiner Selbst kennenlernte, stand ich reiflich gerädert (ich hatte konsumiert) und mit roten Augen (ich hatte auch geweint) unter der Leucht-Reklame des zukünftigen Konsum im Westwerk zu Plagwitz-Asozial.

Da ich mich in den letzten Wochen sehr selten außerhalb meines katzenhaft abgegrenzten Areals bewegte und auch nur spärlich die sozialen Netzwerke besuchte, war ich doch recht erstaunt, wie der Schriftzug und das um ihn herum geschwungene Herz ihren Weg ins Zentrum von Plagwitz gefunden haben. Eigentlich war ich gar nicht erstaunt, denn wie viele andere wusste ich, dass die Konsum-Einkaufsgenossenschaft hier eine Filiale aufmachen möchte. Ich war nur erstaunt, dass es jetzt wirklich so war. Ein Symbol schlägt in den Alltag ein und verfehlt nicht seine Wirkung. Ich hatte vor Monaten mit verschiedenen Menschen darüber gesprochen, dass die Mietpolitik im Westwerk dreist ist und welche Optionen es gibt, gegen diese »Verarsche« vorzugehen. Hier nur einige Beispiele: Das ganze Objekt besetzen oder kaufen (Besitzen oder Besetzen!), die Kinder des Besitzers entführen und ihn damit erpressen, in das Jahr 1999 zurückreisen und das ganze Viertel für einen Spottpreis (in DM) erwerben. Ich redete also mit Menschen über das Problem und tat am Ende nicht mehr als gut reden. Reden und sich im Leid besser und verbunden fühlen. In einer Bar versteht sich. Dann wurde anderes wieder wichtiger.

Jetzt, am Sonntag morgen, wo ich vor dem Symbol des Feindes stand, dachte ich mir, dass es eine gute Aktion wäre, im Sinne der Kulturbastion, die Leuchtreklamen einzuschmeißen. Dem Symbol eine symbolische Tat entgegensetzen. Ich war von mir selbst gerührt und bereit es durchzuziehen. Die Menschen, die schon unterwegs sind, würden es sehen und durch meine Aktion verstehen, dass es nicht gut ist, da reinzugehen. Ihre Kinder würden anfangen zu weinen oder noch besser: in mir ein Vorbild für zukünftige eigene konsumkritische Taten erkennen. Ich schlich vor dem Gebäude entlang und suchte den Boden an den Häuserwänden nach Wurfobjekt ab. Irgendwann fand ich einen, mir passend erscheinenden Gehwegstein und wog ihn in meiner Hand. Ich spürte sein Gewicht, seine Kanten und die Feuchtigkeit der Erde aus dem ich ihn befreit habe. Und wie meine revolutionäre Energie in dieses Stück Mineral hineinfloss. In Gedanken waren die Reklamen bereits unter dem angenehm scharfen Geräusch von splitterndem Glas zu Bruch gegangen. Dann passierte etwas, dass mich überraschte. Und gleichzeitig gar nicht überraschte. Zur den mich selbst und meine Tat feiernden Gedanken gesellten sich Fragen und auch die passenden Antworten: Was passiert wirklich, wenn ich diese Dinger zu Bruch gehen lasse? Sie werden ersetzt. Ein zerbrochenes Logo hat noch keinen Konzern zu Fall gebracht und auch keine Genossenschaft. Was werde ich denken, wenn ich wieder nüchtern bin? Ich werde genervt von mir selber sein und in Paranoia das Haus nie wieder verlassen (für 7 Tage). Bin ich noch jung genug um sowas zu tun? Wer bin ich überhaupt? Und so ließ ich den Stein fallen und erkannte in mir selbst die Art von Anwohner wieder, dem es gut geht. Ich möchte sagen, zu gut. Und vor allem und allen anderen, um sich selbst geht. Denn der Leidensdruck, den dieser Konsum auslöst, scheint groß genug zu sein, dass ich mich darüber empöre, wenn es zu spät ist und in Gedanken eine symbolische Tat begehe (und diese dann nicht mal durchziehe) um möglichst gut in meiner Gruppe dazustehen. Aber zur Vernichtung des Kapital- und Konsumkartells scheint der Leidensdruck (noch) nicht auszureichen und vielleicht wird er auch nie groß genug sein. Denn die Leidensfähigkeit des guten Bürgers wächst mit seinen Erfahrungen.

TV