Reissig und Völker müssen reden (9)

– Tote sind keine guten Konsumenten, Teil 2.

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe geben Rising Reißig (Arzt und Gastwirt) und Timm Völker (Musiker und Patient) Einblick in die zweite Hälfte ihres Gesprächs der letzten Ausgabe zum Thema » Gestalt und Konsum «. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten sie am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und eisernen Widerstand gegen den inneren Drang Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

RR: Die schlimmsten Arbeiten sind doch die, bei denen man auf einen Bildschirm starrt. Das gäbe es dann nicht mehr. Oder Joghurt im LKW von Saarbrücken nach Dresden fahren.
TV: In Saarbrücken steht auch eine Gitarre, die ich gern konsumieren würde.
RR: Die Idee des Kommunismus jedenfalls war die Abschaffung des Besitzes. Und alle Weltreligionen sagen auch, dass Besitz der Seligkeit im Jenseits widerspricht. Und genau! Da kommt deine Idee vom Bösen her! Denn Böse ist der, der etwas besitzt. Das sagen die Christen, die Moslems und alle anderen auch. Und wieder zitiere ich Luther: »Es geht eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich gelangt.«
TV: Besitz zu haben ist nicht gut, weil man den am Himmelstor abgeben muss.
RR: Besitz gilt als weltlich. In der Bibel wird berichtet, wie Jesus in Jerusalem die Schacherer und Händler laut brüllend aus dem Tempel rauskickt. Ein Symbol dafür, dass die Religionen nichts mit Besitz und Konsum am Hut haben wollen. Und in der Schule sagte man uns, dass der Kommunismus aus dem  Urchristentum entstand.
TV: Erlaube mir einzuwerfen, dass vereinbart war, dass ich heute in bisschen rum maule. Und maulend sage ich dir: Kann es nicht auch die urkapitalistische Idee der Religionen gewesen sein, den Menschen zu sagen, Besitz sei blöd? »Nehmt den nicht mit ins Grab, sonst kommt Ihr nicht in den Himmel. Lasst das in euren Behausungen.« Und dann kamen die religiösen Führer und die Mönche und holten sich das und wurde reich.
RR: Der Kapitalismus lebt aber nicht davon, alte Schränke, Schmuck oder alte Klos anzuhäufen sondern ständig neue Dinge herzustellen. Bekanntermaßen ist ja Recycling und Second Hand der Untergang des Kapitalismus. Der eigentliche Mehrwert entsteht dann, wenn du aus ungeformter Materie neue geformte Materie herstellst. Kapitalismus ist Veränderung von Materie. Aber merkst du etwas? Da ist ganz schön viel in Vergessenheit geraten, was die Kapitalisten vor uns im Dunkeln halten wollen.
TV: Vor allem wollen sie uns glauben machen, dass es gar nichts anderes gibt, dass funktioniert. Und bei den meisten Menschen klappt das ganz gut. Du hast ja immerhin schon mal in einem anderen System gelebt unabhängig davon, ob es funktioniert hat oder nicht. Das ist ein Vorteil der frühen Geburt gegenüber der empörten späten Geburt. Heute sagt doch kaum jemand – und damit meine ich auch mich selbst – ernsthaft, dass es etwas anderes gibt außer das System von Konsum.
RR: Das passt wieder zu Religion. Die Idee des Konsums ist etwas sehr weltliches, eine Lustbefriedigung, ob Lustgreis oder nicht. Konsum bedeutet Impuls – Kontrollstörung. Du hast den Impuls etwas zu konsumieren und dann geht es dir  kurzzeitig besser. Leuten mit Spielsucht geht laut Untersuchungen am meisten  einer ab, kurz bevor die Rädchen stehen bleiben. Der Gewinn ist egal.
TV: Der Kick kommt vom Schicksal.
RR: Das Blöde ist nur, dass dieser Kick nur ganz kurz anhält und ständig erneuert werden muss. Oder die Sucht nach Autos… das heißt also, der weltliche Konsum lässt einen wie ferngesteuert nur in ganz kleinen Schritten durchs Leben gehen. Und da kommt keiner zum Menschsein. Und den Religionsstiftern muss man schon zugutehalten, dass sie eine Idee von Menschsein hatten. Mohammed hat meditiert und sich seine Gesetzestafeln abgeholt, Jesus hat meditiert, Buddha sowieso. Die wollten die Menschen spiritualisieren. Und das Spirituelle wird ja abgelenkt durch Besitz. Genauso wie du in einer unaufgeräumten Wohnung keinen klaren Gedanken fassen kannst.
TV: Die aufgeräumte Wohnung ist nicht nur für klare Gedanken gut, sondern auch dafür chaotisch Denken zu können. In einem klaren Raum kann ich einen Gedanken schön kreuz und quer durch alle Ecken fliegen lassen, ohne dass er irgendwo hängen bleibt und sich weh tut.
RR: Mein Erfahrungsvorteil ist ja nicht in der DDR mit ihrem schrulligen Sozialismus gelebt zu haben, sondern in einer Welt gelebt zu haben, die plötzlich verschwand und ich war noch da. Das hätte auch eine religiöse Diktatur sein können oder Luxemburg. Und meine Urerfahrung daraus war, dass ich den Glauben an mich umgebende Systeme verloren habe und dadurch zwangsweise mehr an mich selbst zu glauben begann.
TV: Es ist die alte Frage: Ich oder das System?
RR: Wie eine Hassliebe. Nach 24 Jahren in diesem System habe ich mich mit der DDR arrangiert und an sie gewöhnt wie an eine Frau. Die Nachteile unterdrückt, die Speckröllchen und Falten übersehen und mich dazu entschlossen keine anderen Frauen in Kneipen anzubaggern und sie zur Liebe meines Lebens zu erklären. Und dann ist sie plötzlich weg gewesen und hat sich für jemand anderen entschieden. Und so ist es auch mit den Leuten und ihren Häusern und Autos. Die können sich ein Leben ohne nicht vorstellen. Aber warum eigentlich? Wenn ich durch Dresden laufe, sehe ich ständig Schilder die nach dem ätzenden Bombenangriff aufgestellt wurden: » Hier stand Haus so und so und wurde komplett wegplaniert. « und da dachte ich mir: Du wohnst in so einem Haus, das ist mit Kram voll gestellt oder dir gehört das Haus und du hast es voll mit irgendwelchen Nießtüten, die die Miete immer zu spät bezahlen. Jedenfalls ist es dein Haus und du liebst es und dann gibt es Fliegeralarm du rennst in den Keller  und wenn die Bomben gefallen sind gehst du wieder hoch und das Haus ist einfach weg. Das muss doch auch extrem befreiend gewesen sein und viele werden mit den Händen in den Hosentaschen schmunzelnd und leise vor sich hin pfeifend weggegangen sein. Und so ging es mir dann auch mit der DDR.
TV: Und für den Kapitalismus war das auch nicht so schlecht. Die Bomben haben aus der geformten Materie wieder formbares Material gemacht.
RR: Ganz genau. Ich verstehe aber immer noch nicht, warum die Menschen glauben, dass sie in dieses System passen. Denn das einzige störende Element in diesem wunderbaren Kapitalismus sind doch wir.
TV: Was mich am meisten erstaunt hat war deine vorhin getätigte Aussage, darüber dass deine Urerfahrung durch das Ende der DDR darin besteht, dich vom Glauben an Systeme befreit zu haben. Jemand der nur den Zustand kennt, in dem sie oder er lebt wird dieses befreiende Gefühl nicht kennen.
RR: Witzigerweise denken wir ja auch über unseren Organismus in Besitzkategorien. Wir sagen » meine Leber « oder » mein Fuß «, dabei sind wir ja der Körper in Gänze und es müsste heißen » ich Nase, ich Fuß « usw. Aber das Besitzdenken ist sehr tief in uns eingesickert. Und es erscheint uns unvorstellbar, dass unser Körper wie ein Staat aus vielen Einzelteilen ist, in dem wir uns ständig und überall zur gleichen Zeit aufhalten.
TV: So als sei die Idee Mensch oder unsere Existenz selbst eine Ideologie oder ein Gesellschaftssystem, dass sich über den Körper in Analogie zur Welt ausgebreitet hat.
RR: Das ist doch schon sehr verwirrend.
TV: Aber auch spirituell. Und wenn der Kapitalismus sich die Spiritualität aneignen würde, könnte er sich noch viel weiter und vor allem noch tiefer in die Welt und das Bewusstsein verbreiten. Aber es erscheint mir zum Glück bisher doch so, als ob Spiritualität und Kapitalismus zwei sehr entgegengesetzte Weltanschauungen sind.
RR: Stell dir vor, es gäbe hier jetzt aus irgendwelchen Gründen den Kommunismus. Auf einmal würde das Lustprinzip herrschen und viele Dienstleistungen, die wir in Anspruch nehmen, würden entfallen. Es gäbe keine  Benzodiazepine und Rennfelgen mehr. Es gäbe generell viel weniger Dinge und weniger Spezialisierung. Dafür aber eine ganze Menge Dinge, die unseren Organismus zur Strecke bringen können. Ich hatte zum Beispiel Zahnschmerzen. Da gäbe es dann auch keine Zahnarztpraxis mehr.
TV: Weil keiner Zahnarzt sein will?
RR: Nein, aber so eine Praxiseinrichtung und die Bohrer muss ja irgendwer bauen. Du zahlst die Spiritualität mit Schmerzen und der Verkürzung deines Lebens. Und interessanterweise wird sich ja vor allem in Deutschland darüber beklagt, dass die Menschen immer älter werden und über die Finanzierung der Rente debattiert. Aber ist ein langes Leben überhaupt so wichtig?
TV: Wenn man spirituell eingestellt ist nicht. Aber das kann dem Kapitalismus nicht gefallen. Denn Tote sind keine guten Konsumenten.
RR: Denn sie sind ja völlig unerreichbar.
TV: Noch. Das kann sich ja noch ändern.
RR: Ich glaube, es geht nicht darum, die Menschen vom Kapitalismus zu befreien, sondern die Kapitalisten von ihren eigenen Neurosen. Ich stelle es mir sehr anstrengend vor, ein riesiges Haus zu besitzen und 20 Millionen auf dem Konto zu haben und vierzehn Autos. Das muss doch alles verwaltet und am Laufen gehalten werden. Und ich würde meinen Angestellten ständig misstrauen. Karl Marx wollte die Proletarier befreien, die laut ihm nichts mehr zu verlieren hatten als ihre Ketten. Aber wir müssten uns endlich mal um die Psyche der Kapitalisten kümmern. Denen geht’s doch richtig schlecht.
TV: Mit dieser Idee könnten wir sehr reich werden!

Am 23.05 werden Reißig und Völker exklusiv den ungekürzten Video – Mitschnitt dieses Gespräches präsentieren und zur Diskussion bereit stehen.
20 Uhr, Besser Leben.