Person(en) im Gleis

Montag, 6. Mai 2019, 08:46 Uhr,
Regionalexpress RE50, Leipzig-Dresden

Ja-ja-ja. Klar. »Stell dich nicht so an, andere machen das auch, seit Jahren und jammern nicht rum.« Blöde Fotze. Du musst ja nicht Stunden im Zug sitzen. Warum hab ich Claudi eigentlich geheiratet? Keine Ahnung. Egal. Drecks-DB. Hier stinkt’s nach Scheiße.

Der Typ gegenüber: glattrasierte Fresse. Wie’n Babyarsch. Old Spice. Ich fass es nicht. Dann wohl Klo. Verstopft. Die braune Brühe suppt rum. Unter die Tür durch. Ich ertrag’s echt nicht mehr. Dieser Gestank. Diese abgestandenen Gesichter. Diese gegelten Wichser mit Anzug und rotem Pimmelzeiger. Parfümierte Kostümnutten von der Kreissparkasse. Und dann noch diese hohlbirnigen Blagen. Mit ihrer kranken Hiphop-Scheiße. Hab’ter kein Geld für anständige Phones? »Yo, man! Chill mal deine base!« Ey, Bursche, ach die Musik leiser. Die geht mir GE-WAL-TIG auf den Sack! Raffste das? Nur Idioten. Jeden Tag. JEDEN Tag wieder. Montag bis Freitag. Lemminge. Wir alle. Ja, grins breit, du dumme, fette Kuh. Dein debiles Lachen ist auch zu laut. Dich hat seit Dekaden wohl keiner mehr rangenommen. So richtig. Hast’en Stock im Arsch, wa? Zieh ihn raus, Baby. Mach dich locker. Gleich zehn vor. Großartig. Komm wieder zu spät. Egal. Eh alles Bullshit. Wumpe, ob ICH den Job mach, wenn nicht ich, dann eben wer anders. Austauschbar. Wir alle. Spielen mit. Verarschen uns. Nach Strich und Faden. »Hey, ich weiß doch, wie’s läuft. Schräge Regeln, stimmt. Ich bin schlauer. Tricks alle aus. Flieg unterm Radar. Nehm mir, was ich brauche.« Schwachsinn. TOTA-LER Schwachsinn. Oh, die Kleine da drüben. Sieht aus wie meine Elfie. Vielleicht ein bisschen jünger. So 13, schätz’ ich? Na, Mädel, was hat das Leben noch auf Tasche für dich? Top-Model? Super-Star? Nagel-Designerin? Ich verrat dir jetzt, wo der Frosch die Locken hat: Du hast KEI-NE Zukunft, Mädchen! Nix. Nada. Null. Alles Fake. Damit du mitmachst. Kaufst. Dich fortpflanzt. Diesen ganzen Rotz am Laufen hältst. Mir ist schlecht. Hätte was frühstücken sollen. Echt jetzt? Mich zu ihnen setzen? Zu den drei Grazien? An den Tisch? Ihr belangloses Blabla mitanhören? Dazu Schminke- und Haarspraywölkchen über Schinken? Und die Hitradio-Morning-Show? Nee. Geht nicht. Geht einfach nicht mehr. Ne zeitlang war’s ja lustig. Anders. Vorbei. Ich bin am Arsch. So richtig. In vier Wochen sind Ferien. Okay. Rügen. Mit Schwager Lars und seiner Brut. Ich hasse ihn. In Claudis Familie haben alle einen an der Waffel. Ich hoff‘, seine Biovital-Smartwatch treibt ihn beim Joggen in den Infarkt. Konsumidot. Liegt wohl in den Genen. »Wollen wir uns nicht ein neues Auto kaufen? Unser Kombi ist schon 10 Jahre alt, Andy!« Ja, scheiße und er fährt noch wie am ersten Tag. Ne treue Seele. Geht mir am Arsch vorbei, wie alt der ist. Muss mich nicht mit den Nachbarn messen. »Was hätt‘st du denn gerne, Claudi-Schatzie? Nen’ schicken SUV?« Leck mich. Geh kacken. Und vor allem: geh AR-BEI-TEN! Ich finanziere den verfickten Mist, den ihr meint, zu brauchen! Ich schmeiß unseren Scheißladen jetzt schon 15 Jahre allein. AL-LEIN! Verstehste? Nee, verstehste nicht, ne? Verstehst eh nix. Nix vom Leben. Nix von mir. Wird Zeit. Echt. Ich mach los. Seesack, Schkeuditz, Sumatra. Das wär’s. Lecker Stecker zieh’n. Und: BÄM! Ist mein Leben. Was jetzt? Warum hält der Zug hier? Ah, ich könnt kotzen! Was? Person im Gleis? Fuck! Dreck! Bernie reißt mir den Arsch auf. Muss die Präsi ohne mich vortanzen. Scheiße. Scheiße! SCHEISSE!! Was guckst du mich so blöd an? Is was? Was aufs Maul, du Kretin? Kannste haben. Ach, fuck off. Wo ist mein Telefon? Jacke? Mist. Liegt wohl zu Hause. Ich werd wahnsinnig. Guck mich nicht so an, ja, sonst hackt’s gleich! Ruhig bleiben, Andy. Bleib ganz ruhig. » Ich atme ein, ich atme aus… «

Samstag, 25. Mai 2019, Onlineausgabe der LVZ, Rubrik Polizeiticker

Die Bahnstrecke Dresden-Leipzig musste am frühen Freitagabend für mehrere Stunden bei Borsdorf gesperrt werden. Ein 43-jähriger Leipziger nahm sich das Leben. Er warf sich vor den ICE 1552 nach Frankfurt/Main und hinterlässt Frau und zwei Töchter (14 und 17). Der Führer der Lok, Martin S. (51), erlitt einen Schock. »Ich sah ihm direkt in die Augen. Er lag mit dem Hals auf der rechten Schiene, trug einen karierten Pyjama und blickte zu mir hoch. Es klingt unglaublich, aber er hat gelächelt. Nach dem Aufprall war meine Windschutzscheibe voll mit Blut und so, klar. Hab’ den Scheibenwischer angemacht. Das Etikett vom Schlafanzug blieb unter einem der Wischblätter hängen, ging nicht weg. ÖKO-TEX STANDARD 100 stand da drauf. Diesen Anblick werd’ ich wohl mein Leben nicht mehr los.«

MF