Bummeln in Chinatown

Ist das wirklich so schlimm wie es klingt?

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Ich murmele ein möglichst leises xiè xiè, mehr in mich hinein als tatsächlich an die Kassiererin gerichtet, während ich mein Kleinod im Rucksack verstaue: Mooncakes mit Jasmin, einige Sorten Tee aus Fujian und Yunnan, einen mit Plastikfolie versiegelten Tontopf Tianjin Preserved Vegetables, eine kleine Reisschale mit angeknackstem Deckel und zwei Teeschalen aus der Wühlkiste. Der Gott der kleinen Webfehler, heiliger von Allem, was nicht glänzt, einen  Aufkleber mit Schriftzug B-Ware trägt, von Allem, dessen Schönheit sich erst auf den zweiten Blick erschließt, scheint mir heute wohlgesonnen. Für mein Danke auf Vulgärmandarin ernte ich ein müdes aber freundliches Lächeln: es ist halb neun Uhr morgens. Hätte ich es lauter ausgesprochen, wäre vielleicht aufgeflogen, dass das, das Einzige ist, was ich auf dieser Sprache sagen kann. Wäre meine Lautstärke zu fordernd gewesen, hätte sie sich zur Antwort gezwungen gefühlt, auf die ich nicht hätte reagieren können. Ich gehe durch die Ladentür, ohne mein Gesicht verloren, noch ignorant thank you gesagt zu haben. Es geht ein leichter Wind. Zwischen Shaftesbury Ave und Leicester Square  befindet sich dieses eine Stück London, in dem ich gerne etwas konsumiere. Chinesische und japanische Restaurants reihen sich an Teehäuser, Kellersupermärke, kleine Garküchen für Baotse und Jianbing. Hier gibt es Dinge, die ich sonst nur über das Internet bestellen kann, die plötzlich vor mir stehen, die ich in ihrer ganzen sinnlichen Qualität wahrnehmen kann bevor ich sie, falls ich, wenn ich überhaupt kaufe. Hier kann ich Dinge so essen, wie sie gemeint sind, ohne mich vor dem Kulturtransfer fürchten zu müssen: wie hat der Autor des Kochbuchs das Rezept angepasst, wie habe ich es gelesen, was war  selbstverständlich für ihn, was ist es für mich, welchen Stärkegehalt hat sein Mehl, käme der Zuhause wirklich auf die Idee das Salz abzuwiegen, was landet da am Ende auf meinem Teller, wenn ich es gekocht habe? Es kann gut sein, aber ich weiß nicht, ob es so gemeint ist. Handwerk ist nicht exakt, es ist immer gefühlig. Etwas tun, ausführen, können, etwas meistern ist die Guillotine aller Idealvorstellungen. Was ich einmal tue ist wiederholbar, wenn ich es lerne, aber es wird nie wieder ein exaktes Abbild hervorbringen. Ist dann nicht alles immer unfertig, ist dann nicht alles Streben nach einem verstofflichten Abbild metatheoretischer Klarheit in der materiellen Welt für die intellektuelle Katze? In die Aktzeptanz des Umstandes der Nichtidentität der Dinge ist die Liebe zum Kaputten eingenäht. Zur offenen Stelle am Ärmel. Zum gebrochenen, schrillen Laut eines Freundes beim Lachen. Zum Vertrauten. Im Prozess der konsequenten Umwälzung und Wiederherstellung der Welt ist eine Philosophie der Qualität angelegt. Ich habe kein Geld um nach China zu fliegen um meiner Authentizitätsneurose zuliebe Nudeln mit Chilipaste zu Essen. Ich habe keine Zeit  für snobbistische Konsumkritik, noch habe ich Zeit mich an der High Street mit  fünfunddreißig Menschen bei Starbucks anzustellen. Nichts davon stört mich. Manchmal piekst es vielleicht. Ich rauche eine Zigarette und gehe dabei spazieren. Im Augenwinkel tun sich die Souvenierläden auf. Ich drehe mich noch einmal um, laufe fünfzig Meter zurück. Ich hole meine Kamera aus der linken Jackentasche und mache ein Foto von der unbewussten Hohepriesterin des Gottes der kleinen Webfehler in ihrem Pfannkuchenstand.

MP