Reissig und Völker müssen reden (8)

– Das Prinzip Lustgreis im Spiritualkapitalismus oder Tote sind keine guten Konsumenten.

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe trafen sich Rising Reißig aka DJ Lustgreis (Arzt und Gastwirt) und Timm Völker (Patient und Musiker) im Mutterschiff aller Flüssigkonsummoscheen: dem Bierland zu Schleußig. Ihrer selbstauferlegten Doktrin folgend, versuchten sie am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und eisernen Widerstand gegen den inneren Drang Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Tag, ein heller Raum. Vor einem Fenster stehen ein Holztisch, links und rechts daneben zwei Holzstühle. Auf dem Tisch eine weiße Tasse aus Keramik, ein Glas mit einer schwarzen Flüssigkeit, ein Aschenbecher und Blumen. Im Fensterbrett stehen Grünpflanzen. Durch ein Rollo scheint Sonne in den Raum. Rising Reißig sitzt auf dem rechten Stuhl und kontempliert.

Timm Völker (TV): Gehaucht aus dem Off. DJ Lustgreis…
Rising Reißig (RR): Die Frage, ob das schon läuft hat sich erübrigt. Ich habe inzwischen verstanden, dass man das an dem roten Punkt sieht.
TV: DJ Lustgreis… Nimmt einen Schluck der schwarzen Flüssigkeit aus dem Glas zu sich.
RR: Hallo Timm.
TV: Hallo DJ Lustgreis.
RR: Lacht. Ich bin Georg.
TV: Ist das dein Konsumentenname?
RR: Dreht sich eine filterlose Zigarette. DJ Lustgreis? Das ist der Name, den du mir gerade verliehen hast. Ich weiß gar nicht, was das soll. Bloß weil du 20 Jahre nach mir geboren wurdest, heißt das nicht, dass du nicht auch mal ein Greis wirst.
TV: Aber ob ich solch ein Lustgreis wie du werde?
RR: Du wünschst dir doch von Herzen mal aus deiner verbohrten protestantischen, lustfeindlichen Haltung aus zubrechen.
TV: Ich halte mich für alles andere als lustfeindlich. Sieh doch mal, wie ich mich an Worten wie »Lustgreis« ergötzen kann. Schon als Kind durchfuhren mich Schauer der Wonne, wenn ich erstmal so ein Wort gefunden hatte und es dann tagelang vor mich hin gesagt und in jeglicher Situation angewendet habe.
RR: Deswegen bist du Musiker geworden, um die Worte wieder loszuwerden.
TV: DJ Lustgreis…
RR: Um dem Publikum die Worte ent gegenzuschleudern.
TV: Lustgreis…Pfeile der Lust…
RR: Lacht. Aber du weißt schon…
TV: Hier kommt DJ Lustgreis, der durch die Luft kreist…
RR: Und du…
TV: Und mit seinem Lustpfeil… auf euch zeigt. Ich bin DJ Lustgreis! Lasst mich euch mit meinen Lustpfeilen verwöhnen.
RR: Hast du nicht gesagt, wir wollten uns heute ernsthaft unterhalten?
TV: Nimmt einen weiteren Schluck schwarze Flüssigkeit zu sich und wirft seinen Kopf ruckartig nach hinten. »Gestalt & Konsum« ist das Thema der aktuellen Ausgabe des Standort West. Reißig und Völker müssen reden, Nummer Acht.
RR: Zündet sich eine Zigarette an. Nummer Acht.
TV: Die Acht steht für Unendlichkeit. Unsere erotische Reise durch das NBL-Haus hat uns heute in das Mutterschiff geführt. Das Bierland. Und wie bereits erwähnt ist das Thema…
RR: Lustgreis
TV: Nein, das Thema ist »Gestalt & Konsum«.
RR: Die Holbeinstraße, in der das Bierland zu finden ist, mündet in die Industriestraße. Und dort wurde vor 130 Jahren die Konsum-Einkaufsgenossenschaft gegründet.
TV: Ich habe auch erst letztens durch eine Dame mitgeteilt bekommen, dass der Konsum eine Genossenschaft ist und damit gar nicht so böse ist, wie ich es mir in meiner protestantischen Protesthaltung zurechtbasteln wollte. Gibt ein gutturales Geräusch von sich.
RR: Definiere böse!
TV: Im Kapitalismus sind die böse, die das Geld haben. Erneut gutturales Geräusch.
RR: Das sagst du. Weil du kein Eigentümer von Produktionsmitteln bist.
TV: Ich bleibe dabei. Die, die viel Geld haben, sind die, die böse sind.
RR: Und ab welcher Menge ist man dann böse?
TV: Je größer die Menge derer ist, die kein Geld haben, je geringer die Summe, die man besitzen muss, um böse zu sein.
RR: Interessant. Ich sitze also rum, bin wahrscheinlich eher lieb und hab Geld in Aktien angelegt oder in der Konsumgenossenschaft und dann bin ich plötzlich böse. Oder mein Nachbar wird plötzlich arm und das macht mich dann böse? Nee, so funktioniert Kapitalismus nicht.
TV: Und wie dann?
RR: In der Schule wurde mir erklärt, dass es die Aufgabe der Priester und Mönche im alten Ägypten war, die Götter zu besänftigen, damit die anderen Menschen in Ruhe arbeiten konnten. Hauptsächlich in der Landwirtschaft. Und weil die Mönche ein großes Haus hatten, baten sie den Menschen an, ihr Korn und alles mögliche dort einzulagern, damit es nicht nass wird, wenn es regnet und vor Schädlingen geschützt ist. Und die analphabetischen Bauern, die keine Ahnung hatten, haben das gemacht. Und wenn sie was von ihrem Korn brauchten, haben sie es abgeholt. Die Mönche haben aber immer ein bisschen davon für sich behalten und daraus entstand das sogenannte Mehrprodukt. Kapitalismus heißt eigentlich nur: Wenn jemand im Neubierland kellnern geht, kriegt sie oder er dafür Geld. Und über das weitere Geld, was er oder sie erwirtschaftet hat, wird sie oder er nicht in Kenntnis gesetzt. Das bleibt im Verborgenen und wird in der Kammer angehäuft. Trinkt einen Schluck Kaffee. Und dass Kapitalismus als böse angesehen wird, ist nur Neid. Wenn du hinterm Tresen für Mindestlohn stehst, bist du doch nur neidisch, weil du nicht mehr Geld verdienst, ohne hinterm Tresen zu stehen.


TV: Macht abwägende Geste.
RR: Und durch Arbeit ist noch keiner reich geworden. In der Zeit, in der man arbeiten geht, kann man kein Geld verdienen. Und da wären wir dann beim Konsum, den der Kapitalist für Folgendes erfunden hat: Der neidische Ausgebeutete wird ja mürrisch und da dient der Konsum als Trostpflaster.
TV: Das klingt plausibel. Damit der Mob nicht böse auf die Bösen wird. Und der erarbeitete Lohn kann direkt wieder dem System zurückgeführt werden.
RR: Genau. Der Mob neigt ja dazu die wunderschönen Häuser, Maschinen und Gemälde kaputt zu machen, denn er kann damit nicht umgehen, geschweige denn die Bedeutung verstehen. Und die Vergangenheit beweist ja, wenn man den
Mob machen ließ, was er wollte, hat er nur Schaden angerichtet.
TV: Auch Folgendes wurde mir von einer Dame nahegelegt: Der Mob, der manchmal auch als Mehrheit bezeichnet wird, trifft nicht immer schlaue Entscheidungen, weshalb Volksabstimmungen und andere Ideen direkter Demokratie stets kritisch zu hinterfragen sind. Es klopft an der Eingangstür des Bierlandes.
RR: Der Mob klopft! Unsere Worte scheinen ihn aufgewiegelt zu haben.
TV: Steht auf. Ich werde mal nachsehen. Hol du schon mal das Tränengas und die Sturmgewehre, bitte!
Aus dem Off: Ah! Ist Papa hier? Habe ich’s nicht gesagt? Lilia Zokolowski, Tochter des Rising und zwei weitere ca. 11-Jährige Mädchen betreten das Bierland.
RR: Hallo Lilia!
Lilia Zokolowski (LZ): Hallo!
RR: Timm und ich, wir arbeiten gerade und filmen uns dabei.
TV: Wolltet ihr euch nicht sowieso über mich unterhalten?
LZ: Klar, ist ja nicht so, dass ich noch was vor hab.
RR: Es ging doch eben noch um Kapitalismus.
TV: Tja, so schnell kann das gehen.
LZ: Wir gehen dann mal. Ciao! LZ und Kumpaninnen verlassen das BL.
RR: Tschüss macht’s gut, bis nachher. Zu TV: Komm, nimm wieder Platz! Das kommt dabei raus, wenn man sich ernsthaft über Kapitalismus und Konsum unterhalten will: Kinder!
TV: Du meinst, dass der Kapitalismus bemerkt hat, dass wir ihn hier gerade zu brechen versuchen und deshalb die Kinder geschickt hat um unsere Konversation auf das Thema Fortpflanzung zu lenken?
RR: Ich hab mal das Buch »Lob der Faulheit« von Paul Lafarge gelesen. Dort schreibt er, dass die Kapitalisten damals wie heute immer auf der Suche nach neuen Arbeitskräften sind. Siebzig bis Achtzig Prozent der Bevölkerung waren aber damals damit beschäftigt ihre Familie zu betreuen. Kranke, Alte, Kinder und so was. Und deshalb wurden Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten entwickelt. So konnten mehr Leute arbeiten gehen und auch die Frauen. Vermeintlich ein frühes Beispiel von Emanzipation. Alles, was heute als soziale Errungenschaft verkauft wird, diente nur dazu, dass sich möglichst viele Menschen an die Maschinen zu scheren hatten.
TV: Da fällt mir das sozialistische System DDR ein. Da ging es ja eigentlich nicht um Kapitalismus. Warum mussten denn da trotzdem alle arbeiten?
RR: Ich befürchte die Geschichte der DDR muss nochmal neu unter Berücksichtigung des Protestantismus geschrieben werden. Denn folgt man der Grenzlinie der DDR, entspricht das so ziemlich der Religionsdemarkationslinie zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland. Und schon vor 500 Jahren hat Luther gepredigt: »Arbeiten gehen ist ein Gebet«. Die Katholiken hatten sich ja ziemlich verrannt mit ihren Feiertagen und ihren Geboten nicht zu arbeiten. Und in der DDR entstand dann das Problem, dass Zur-Arbeit-Gehen seit 500 Jahren zu einem Götzen gemacht wurde und da passte dann eine Proleten-Republik wie die Faust aufs Auge. Außerdem gab es die DDR nur sehr kurz und ich glaube nicht, dass es die Leute geschafft haben, so schnell von Kapitalismus auf Sozialismus umzudenken.
TV: Du sprachst doch aber eben vom Protestantismus und nicht vom Kapitalismus.
RR: Aber der Protestantismus hat den Nährboden für den Kapitalismus geschaffen. Es gab Adlige, es gab Leibeigene und dann gab es noch Bürger. Und dann gab es immer Clinch. Die Bürger lebten in der Stadt und dachten sich Dinge aus, während der Adlige sich meist durch Trunksucht, Lust am Raufen und Lustgreisigkeit auszeichnete. Da entwickelte sich der Protestantismus als Religion des arbeitenden Bürgers heraus, der befreit war von vielen sinnlosen Geboten und Feiertagen und den Fokus auf das Arbeiten ermöglichte. Und auch Karl Marx schreibt im Kommunistischen Manifest über die Entfesselung der Produktivkräfte, also Leuten die Sachen neu machen. Alte Strukturen wie, dass der Vater immer recht hat, dass Frauen und Kinder nichts zu sagen haben, die wurden von den Produktivkräften gebrochen, denn sie bremsten die Fortentwicklung der Gesellschaft. Und irgendwann wurde dann die Arbeit an sich, das Erschaffen zu einer Art Religion erhoben und das kulminierte 500 Jahre vor sich hin und gipfelte in den Männern mit den schwarzen Jacken. Denn es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Dritte Reich sei nicht kapitalistisch gewesen. Das war der ultimative Kapitalismus. Die haben die Menschen ohne Bezahlung für sich arbeiten lassen, haben andere aus anderen Ländern eingefangen und arbeiten lassen, bis sie gestorben sind. Da wurde gearbeitet bis zum Tod. Nichts mit Krankschreibung oder Rente. Und dann machte es “klatsch” und die DDR war da. Wie aber sollen sich die Leute so schnell ändern? Letztlich haben sie dasselbe nochmal auf andere Weise imitiert.
TV: Wenn du sagst, dass eine Wandlung vom Protestantismus zum Sozialismus in so kurzer Zeit nicht möglich war, möchte ich dich als DDR Zeitzeugen fragen, wie du die Haltung zur Arbeit damals an dir selbst und anderen erlebt hast?
RR: Der Spruch, den ich als jemand der Abitur gemacht hat immer gedrückt bekommen habe, war: »Gehe du arbeiten!« Der Proletarierkult hatte sich soweit verselbstständigt, dass man sich darüber legitimierte. Dass in vielen Betrieben den ganzen Tag nichts gemacht wurde ist ja ne ganz andere Geschichte. Bis 1988 war es sogar gesetzlich verboten nicht zu arbeiten. Das Gesetz war von den Nazis geerbt und wenn du Pech hattest, kamst du ins Gefängnis, wenn du keine Arbeit hattest. Arbeit war ein Fetisch. Aber die Grundidee des Sozialismus ist ja eine ganz andere. Er ist nur der Übergang zum Kommunismus, in dem keiner mehr irgendetwas besitzt und sich das, was er gerade braucht, aus dem großen Topf für alle herausnehmen kann. Das war das Ziel.
TV: Und wie wird der Topf gefüllt?
RR: Durch gemeinsames Tun. Die Idee war, dass Menschen etwas miteinander machen und gemeinsam etwas tun. Wenn du jetzt an jemandem vorbei läufst der barfuß und blutig am Wegesrand sitzt und hast Schuhe an und noch ein zweites Paar im Rucksack, dann ist es doch voll okay, dem Pflaster und Schuhe zu geben.
TV: Und wenn ich keine Schuhe im Rucksack habe?
RR: Dann kannst du ihm keine geben. Aber ich habe es als Lustgreis immer nach dem Lustprinzip gesehen. Wenn jemand gerne Schuhe herstellt, wird er dies mit Freude tun und wenn er mehr Schuhe herstellt als er braucht, kann er die  abgeben. Und die Basics fürs Leben, also Klamotten, Ziegelsteine, Wein, Bier, das kann man ja ziemlich einfach herstellen. Das sind alte und allgemein bekannte Technologien und wenn du, wie gesagt einmal dabei bist, wirst du ja mehr  herstellen als du brauchst. Und der Apfelbaum im Garten trägt auch mehr Früchte als du selbst verbrauchen kannst. Du stellst die Äpfel einfach raus und jeder der einen Apfel braucht, bedient sich. Das ist für mich wie ein physikalischer Ausgleich der Kräfte und Verhältnisse. Aber ich hatte mir damals auch gedacht: Im Kommunismus dürfte es gar keine Industrie geben, denn in der Industrie zu arbeiten macht ja keinen Spaß.
TV: Der Angel möchte ja bald nach Brandenburg und in den Ackerbau und die Viehzucht wechseln und prägt damit vielleicht einen neuen Lebensstil. Und du selbst sprachst über eine Umstrukturierung des Neubierlandes zu einem Vorreiter und Versuchsmodell einer neuen Gesellschaftsform, in der alle von der Tresenkraft bis zum Musiker aus Lust mitmachen und nicht für Geld. Aber wie verhält es sich denn mit Sachen, die in einer Gesellschaft zu tun sind und auf die keiner Lust hat? Zum Beispiel Saubermachen.
RR: Ich wasche zum Beispiel sehr gerne ab.
TV: Putzt du auch gerne Toiletten?
RR: Das mache ich auch sehr gerne. Ich habe in meinem Leben schon viele Toiletten geputzt. Es hat etwas sehr befriedigendes. Du kommst in ein vollgekacktes Klo, siehst die weiße Kloschüssel und braune Kackspuren und alles was du tun musst, ist ein bisschen rumbürsten und dann ist es wieder weiß. Eine sehr überschaubare schöne Tätigkeit. Übrigens sagte Karl Marx, dass entfremdete Arbeit ein typisches Symptom des Kapitalismus ist. Viele Menschen sehen das Endprodukt ihrer Arbeit gar nicht und fühlen sich mehr und mehr als Rädchen in einem Getriebe. Aber wenn du ein Klo putzt, ist das alles andere als entfremdend. Du kommst an, es stinkt. Du ziehst dir Handschuhe an und machst Wasser in einen Eimer und innerhalb von einer Stunde blitzt und blinkt alles und duftet wunderbar. Das ist doch eine herrliche Arbeit! Oder stell dir vor, du hättest eine Kompost-Toilette. Dann könntest du aus der Kacke Dünger machen und für deinen Acker verwenden.
TV: Oder du trocknest den Kot der Menschen und machst Pulver daraus.
RR: Und verkaufst es ihnen wieder als Heilmittel.
TV: Ich glaube, damit könnten wir sehr reich werden.

An dieser Stelle sei auch auf den Artikel »Die Insel der guten Idee« verwiesen.

Am 25.04. werden Reißig und Völker den ungekürzten Video-Mitschnitt dieses Gesprächs im Besser Leben präsentieren.