Die Insel der guten Idee

– Das Manifest zur Lage des Noch Besser Leben –

Passend zum Titelthema »Gestalt & Konsum« gibt Georg Reißig, Mitgründer und Gesellschafter des Noch Besser Leben, einen erschreckend ehrlichen Einblick in die aktuelle Lage der wohl bekanntesten, langlebigsten, geliebtesten und verhasstesten Kultur-­Enklave von Plagwitz. Und dies schon vorweg genommen: Die Lage ist brenzlig. Alles wie immer – nur schlimmer? Eins nach dem anderen erfahren Sie hier.

Ein Unternehmen dient dazu, Geld zu verdienen. D.h. der/die Unternehmer investieren Geld und Zeit, um hinterher mehr Geld und Zeit zu haben. Sie lassen arbeiten. Der, der arbeitet, heißt Arbeiter. »Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, dass er überhaupt produziert. Er muss Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert… Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein […] Produktionsverhältnis ein, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein ist daher kein Glück, sondern ein Pech.« Zitat: K. Marx, Kapital I, MEW 23, 532. Anmerkung: Mehrwert ist auch in unserem Falle das, was abzüglich Lohn, Miete, Steuern, Wareneinkauf, Strom usw. übrigbleibt. Der normale Kapitalist geht meistens ohne 10 % Mehrwert nicht aus dem Haus.
In unserem Falle, dem des Noch Besser Leben, ist es auch Pech, Unternehmer zu sein. Und es ist Pech, kein Geld übrig zu haben, durch DDR ­Sozialisierung. Und Karl Marx nicht verstanden zu haben, trotz DDR ­Sozialisierung. In unserem speziellen Falle sind wir zu naiv, zu freundlich und zu idealistisch oder salopp gesagt zu menschlich, um den Laden nach Karl Marx mit Mehrwert, also Gewinn zu betreiben. Sagen jedenfalls Freunde, die den Kapitalismus verstanden haben.
Das mit dem Gewinn müsste auf dem Rücken unserer »Arbeiter« geschehen. Das können wir nicht. Alle, die im NBL arbeiten, sind deshalb hier, weil sie im ganz normalen Kapitalismus (abgekürzt g.n.K.) schlechte oder sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben. Weil das so ist, haben unsere »Arbeiter« nichts auf der hohen Kante und brauchen trotzdem wie jeder Geld für das Leben, den Vermieter und die Gesundheitsindustrie. In uns erwuchs langsam die Erkenntnis, dass das NBL im normalen Kapitalismus eine von wenigen Inseln ohne den g.n.K. ist. Die Nächste wird so weit weg sein, dass es unseren Arbeitern, falls diese hier überflutet werden sollte, kaum ohne weiteres möglich sein wird, die nächste der wenigen Inseln zu erreichen. Falls eine solche überhaupt irgendwo zu finden ist.
Für die Anerkennung der sehr harten Arbeit unserer »Arbeiter« und deren sozialer Absicherung wenden wir monatlich immer die gleiche Summe, nämlich etwa 12.000€ auf. Je nach Trinkfreude der Gäste, die stark an die Jahreszeiten geknüpft ist, bedeutet dies irgendwas zwischen 2/5 und bis zu über der Hälfte des eingenommenen Geldes. Dies ist unser größter finanzieller Posten.
Der zweitgrößte Posten geht für die Miete der Räume weg, so etwa 6.000€. Wer jetzt mitgedacht hat, weiß sofort: 1/5 bis zu über 1/4 der monatlichen Einnahmen. Die Miete geht übrigens nicht an irgendeine gesichtslose Holding, sondern an einen Mann, der vor vielen Jahren aus seiner Heimat Pakistan zuzog. Er hatte im Gegensatz zu uns den Mut, dieses vergammelte Haus zu kaufen, den Müll und den Hausschwamm für nicht unerhebliche Summen aus dem Haus zu vertreiben und uns rein zu lassen. Er ist auch Vorsteher einer religiösen Gemeinde im Leipziger Osten, die sich die Versorgung mittelloser zugezogener Glaubensgenossen auf die Fahnen geschrieben hat. Für Interessierte: es handelt sich um die schiitische Welt-­Gemeinschaft. Viele Angehörige dieser sind auf der Flucht aus ihren Heimaten, weil sie von Angehörigen anderer religiösen Gemeinschaften verfolgt werden.
Wir zahlen auch Steuern, 19% Umsatzsteuer, also von jedem eingenommenen € fast 1/5. Das rechnet sich leicht, insgesamt sind dies etwas 3.000€. Diese Steuern, gerade auch die Umsatzsteuer, wird nicht so selten von Kommunen für weitaus wichtigere Dinge als Panzer oder Autobahnen verwendet. Zur Info: Die Zwischensumme beläuft sich nunmehr auf etwa 21.000€.

Eine Faustregel der Gastronomie lautet: Immer ein Drittel Wareneinsatz. Das rechnet sich leicht: etwa 7.000€. Und schon sind wir zuzüglich der 21.000 €, die ich monatlich brauche (siehe oben), bei über 28.000€ angelangt. Da wir uns nicht als Kneipe mit einem kulturellen Feigenblatt zur Forcierung des Trinkens, sondern als Kultureinrichtung mit Kneipe verstehen, sind wir zu den auftretenden Künstlern so freundlich, wie wir können. Unsere Künstler, meistens Musiker, aber auch Theaterschaffende oder Performancekünstler, übernachten bei uns recht gemütlich, bekommen Essen und Trinken und werden von dafür eigens durch uns ausgebildeten und sehr charmanten Fachkräften betuttelt. Was wir den Künstlern leider nicht aus eigener Tasche garantieren können, ist eine feste Gage von – sagen wir mal – 300€ für ihr Schaffen. Freundlicherweise hat die Stadt Leipzig schon zum zweiten Male für 10 unserer etwas über 100 Veranstaltungen im Jahr die Gage übernommen. Trotz des Tresens in unserem Salon zahlen wir für den Kulturbetrieb etwa 1.000€ drauf. Pro Monat.

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass so essentielle Dinge wie Strom, Internet, Klopapier, Ersatz für abgetretene Türklinken, neue Bereifung für die Dienstfahrräder usw. noch nicht aufgetaucht sind. Also etwa 30.000 €. Pro Monat.
Das geht bestenfalls im Herbst und im Winter, also 6 Monate im Jahr. Auch wir, die wir im NBL arbeiten, ziehen im Sommer den Park oder den Kleingarten vor. Und auch wir haben im Sommer weniger Depressionen und müssen da nicht so viel Alkohol trinken, um gute Laune zu haben. Nebenbei: Der Versuch, den Freisitz zwischen den vielen in lauen Sommernächten auf dem Fußweg lagernden Menschen bis nach 22 Uhr offen zu lassen, endete recht schnell mit Anzeigen und Geldstrafen beim Ordnungsamt der Stadt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Laden das Geld, das er braucht, nicht reinspielt. Unsere Freunde, die »Arbeiter« zu unterdrücken oder gar raus zu schmeißen und durch Roboter zu ersetzen, fällt aus. Unserem religiösen Vermieter ganz weltlich einen Anwalt auf den Hals zu hetzen und die Nummer mit der Mietminderung zu bringen, fällt ebenfalls aus. Nebenbei gesagt ist die Miete angesichts unserer munter vor sich hin gentrifizierenden Mitbürger recht moderat. Auf die Konzerte, Lesungen, Theaterperformances und Partys zu verzichten fällt natürlich aus. Und auf Krampf bei der Steuer zu bescheißen fällt aus moralischen Gründen auch aus. Der mathematisch und betriebswirtschaftlich gebildete Leser wird sich fragen, wie ging das dann, den Laden über mehr als 10 Jahre am Leben zu halten. Ganz klar, mit Hilfe von Menschen. Vielen Dank nochmal an dieser Stelle für die beiden erfolgreichen crowd­funding Aktionen mit fast 20.000 €, vielen Dank an das Bundeskulturministerium für zwei Spielstätten-­Preise mit 55.000 €. Vielen Dank an Freunde und Unterstützer, die uns Geld zinslos geborgt haben. Wir selber aus der Unternehmer ­Riege haben im Laufe der Zeit bestimmt auch 60.000€ reingetan. Wir haben das gemacht, weil es uns wie unseren »Arbeitern« und Gästen und auch unserem Vermieter geht. Wir lieben den Laden.
Nun sind wir aber doch wider Erwarten älter und schlaffer und nicht reicher geworden. Trotz der tatkräftigen Hilfe aller und auch seit kurzem der Freunde aus dem Eckladen reicht unsere unternehmerische Kraft nicht mehr. Aber: Den Laden den Bach runter gehen zu lassen ist keine Option. Also verlassen wir hiermit unsere protestantisch arbeitswütige Klause und bitten um Hilfe.
Mit der Hilfe ist das so eine zweischneidige Sache. Hierzu gehört das Wort »Nachhaltigkeit«. Ich will damit sagen, dass wir Geldgeschenke gerne annehmen, dass das aber nur kurzfristig hilft wie bei Zahnschmerzen eine Tablette. Wichtiger wäre DIE IDEE für uns alle, nämlich die Gäste, die »Arbeiter« und die »Unternehmer«. Es sollte eine IDEE sein, die es uns auch für die Zukunft ermöglicht, keinen Mehrwert zu erzeugen und trotzdem glücklich und zufrieden im NBL zu arbeiten und rumzuhängen.

Noch eine Anmerkung: Sehr beeindruckend finde ich aktuell die Schüler, die sich jeden Freitag europaweit strafbar machen, weil sie nicht in die Schule gehen, sondern für die Umwelt, sprich fürs Überleben in der Zukunft demonstrieren. Auch die Leute im Hambacher Forst, die von der Polizei von ihren, nein Blödsinn, unseren Bäumen, die unseren Sauerstoff herstellen, gezerrt werden, nötigen mir großen Respekt ab. Auch wenn eine Kneipe biologisch gesehen nicht besonders umweltfreundlich ist, so ist sie doch ein ganz wichtiger Teil der sozialen Umwelt. Ohne diesen Teil der Umwelt müssen irgendwann alle, die nur ein bisschen oder auch ganz viel Liebe brauchen, in den virtuellen Raum zu Tinder oder Parship gehen. Und sofern ich Umweltschutz richtig verstehe: Vernichtet ist immer schnell, aber ohne Sauerstoff und Liebe wieder aufzubauen. wird schwierig.

Mit herzlichen Grüßen,

Georg Reißig/Gesellschafter des Noch Besser Leben.

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