Drei Minuten Mitgefühl

… oder das Arschloch im Fenster

Ich stehe in der Tram Nummer 7 und fahre von Getto A in Getto B. Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel holt mich immer recht zielsicher auf den Boden der Tatsachen zurück. Oder ist ihr Bodensatz? In jedem Fall kommt bei einem  waschechten Landei wie mir, auf einer Reise mit der Straßenbahn, sofort so etwas wie Großstadtfeeling auf. »Penner, Verrückte, verrückte Penner, garstige Alte, garstige Junge, gefährliche Schwerverbrecher, assige Kids, Nazis, Keime und noch viel mehr Keime und ja den ein oder anderen normalen Fahrgast gibt es da auch, aber wer interessiert sich schon für die?«

Wie so oft habe ich keinen gültigen Fahrschein bei mir, was die Reise gleich noch  etwas aufregender gestaltet. Um einem Konflikt mit dem Gesetz zu vermeiden, verzichte ich darauf, mir schwer bepackt einen Sitzplatz zu ergattern und positioniere mich mehr oder minder glücklich im Eingangsbereich der  Straßenbahn. Der beste Platz um das Zusteigen potenziell faschistoider  Kontrollettis rechtzeitig mit einem raschen Fluchtreflex zu beantworten. Am Lindenauer Markt »Nach der Passage eines aus der Perspektive: Ich will irgendwo wohnen! doch recht fremd anmutenden Areals rund um das Sportforum, befinden wir uns mittlerweile unverkennbar in Getto B.« steigt in letzter Sekunde eine junge Mutter mit Kinderwagen zu. Ein Hundebesitzer, nebst einem weiteren gesichtslosen Herren ohne Namen, hat ebenfalls das Zusteigen einer Person mit unbedingten Anrecht auf seinen Platz bemerkt und räumt pflichtschuldig den für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen vorgesehenen Bereich gegenüber der Tür. Die junge Mutter scheint offenbar kein Interesse daran zu haben, ihren Kinderwagen so zu positionieren, wie es sich nun mal gehört. Viel mehr stellt sie das sperrige Vehikel mit samt konstant plärrendem Inhalt quer vor die Eingangstür. Der Szene aufmerksam folgend und nunmehr sicher, dass an dieser Haltestelle kein scheiß Kontrolleur mehr zusteigen wird, beginne ich die Frau aus dem Augenwinkel zu mustern. Soweit ich es erkennen kann, trägt sie ein schwarzes, hochgeschlossen hautenges Kleid, das so aussieht, als würde es sich anfühlen wie Samt. Darüber einen hellen Überwurf, der für meine Augen mit einem „typisch“ afrikanischen Muster bestickt ist. Die Haut unter ihrem Kopftuch und an ihren Händen ist schwarz – sehr viel schwärzer als das zarte Braun, das ich täglich zur Schau stelle. Auf den ersten Blick halte ich die Zugestiegene für eine Sudanesin oder eine Äthiopierin – in jedem Fall für eine Nordafrikanerin. Ungefähr zur selben Zeit  fasse ich den Gedanken, die junge Mutter darauf hinzuweisen, dass ihr gerade Platz gemacht wurde und sie, sofern sie es wünscht, nicht im Ein­gangsbereich ausharren muss. »Ich finde es unter uns gesagt immer wahnsinnig schwierig, eine lineare Abfolge des Denkens zu rekonstruieren und das nicht zuletzt deshalb, weil beim Denken so vieles so verflucht schnell gleichzeitig geschieht.« Noch bevor ich dazu komme, die himmelschreiende Anmaßung, die meinem sinnlosen Vorhaben innewohnt zu reflektieren, immerhin hat die Frau ja Augen im Kopf und konnte in ihrem bisherigen Leben recht gut ohne mich entscheiden, wo und wie sie sich mit ihrem Nachwuchs positionieret – sehe ich ihr ins Gesicht. Der Anblick, lässt mich vor Schreck regelrecht zusammenzucken. Unversehens heftet sich mein Auge an eine breite klaffende Narbe. Ein fürchterlicher und entsetzlich brutaler Schnitt von der linken Stirnseite quer über das Gesicht bis hin unter zum Kinn. »Scheisse!«

Stolz und überlegen hält die Frau meinem flüchtigen Blick stand. Ich hingegen wende mich sofort wieder ab. Mir wird schwindelig und es haut mir regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Schreckliche Gedanken rasen durch meinen Kopf. Ich habe das Gefühl, dass sich alles mit einem Mal viel zu schnell um mich zu drehen beginnt ­ vor allem in die falsche Richtung. Mein Blick sucht halt und verfängt sich klammernd in den Reflektionen der Fensterscheibe, während sich mein Körper um sich selbst zu drehen beginnt. Zumindest fühlt es sich so an. Aus Hilflosigkeit kneife ich die Augen zusammen und kralle mich taumelnd an das unfassbar unhygienische Gestänge im Deckenbereich. Beklommen schnappe ich nach Luft – versuche nicht nach hinten überzufallen. Die Mutter scheint meinen Zustand zu bemerken. Im Lichtflecken ­Stroboskop hastig auf und zu gepresster Augenlider erkenne ich schemenhaft, dass sich die Frau offenbar in meine Richtung gewandt hat. Kühl mustert sie meine anorektischen zweihundert und drei Zentimeter, meine abgeblätterten, grün lackierten Fingernägel, die Tätowierungen, meinen rosa Schal und mein verdrogtes Gesicht, mit den geradezu lächerlich zusammengekniffenen Augen. Mit einem Mal habe ich das Gefühl, dass die Frau mit mir und meiner offensiv zur Schau gestellten Hilflosigkeit zu spielen beginnt. Mein Trip endet mal wieder in einem Alp­traum. Stumpfe Nägel berühren eine grau milchige Trennscheibe und beginnen rhythmisch zu pochen. DasGeräusch, dessen Inferiorität ich mich nicht entziehen kann, lässt mich wider Willens meine Augen öffnen – lässt mich in die Ihren sehen – immer und immer wieder. Ich bilde mir ein, dass mich diese Frau auf ihre Art verspottet. Das sie mich insgeheim verspottet, wie sie stolz und herrisch, mir mit ihrem Leid die Sicht versperrt, während ich mehr oder minder erfolglos versuche Haltung zu bewahren und sichtlich damit ringe, nicht den Verstand zu verlieren. Ein bisschen fühle ich mich wie eine zappelnde Maus in den Fängen einer Katze. Inklusive Gedärme, die in Fetzen irgendwo raushängen. Aber wahrscheinlich war dieser, wie so viele meiner Eindrücke, nichts weiter als bloße Einbildung. »Scheiß Paranoia eben!« Was ich jedoch mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass ihr Gesicht nicht viel weniger verdrogt aussah als das Meinige. Im Gegenteil schien sie mir auch in dieser Beziehung einiges voraus zu haben. Heute und mit etwas Abstand denke ich, dass mich ihr durchdringender Blick letztendlich noch sehr viel mehr schockierte, als die offensichtlichen Rückstände stumpfer Gewalteinwirkung, in Form riesiger Schnittwunden mitten in ihrem Gesicht. Nicht nur weil sich ihr triefendes Augenlied auf der Höhe des Jochbeins befand, nicht nur weil ihr Augapfel mehr gelb als weiß und ihre Iris vielmehr blutrot als braun waren – nein. Ich konnte es einfach nicht ertragen, dass sie mich so ansah. Warum? Ich weiß es nicht! Vielleicht fühlte ich mich schuldig! Wofür? Schwer zu sagen! Vielleicht für mein beschissen privilegiertes Leben in der fucking BRD und für Gott weiß was alles. Wer kann das schon so genau sagen? Ich schämte mich mit aller Macht ­diffus und intensiv ­vor einer fremden gewaltversehrten Frau. Schämte mich, weil sie mich ansah. Schämte mich, weil ich sie nicht ansehen konnte. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie ihren durchdringenden Blick nicht unvermittelt von mir abgewendet hätte. Vielleicht war sie das zugegebenermaßen doch recht öde Spiel mit meiner geistigen Verfassung satt. Vielleicht ging es auch überhaupt nicht um mich. Und alles war nur ein weiterer, abstoßend gewöhnlicher, narzisstischer Paranoiafilm. »Scheiße!« Jedenfalls wandte sie sich ab und beugte sich herunter zum Wagen. Ihre Tochter ­ eines der hübschesten kleinen Mädchen, das ich jemals gesehen habe – begann noch lauter zu schreien als zuvor. Wortlos gab ihm die Mutter etwas Essbares aus dem Kinderwagen. Das Mädchen verstummte und machte sich gierig und zufrieden über etwas Schokoladenartiges her und begann sogleich lustvoll zu Schmatzen und damit seine Wangen nebst Restgesicht gewissenhaft zu beschmieren. Es ist an dieser Stelle nicht ganz klar, ob im folgenden Moment alle Menschen im Abteil die Frau ansahen oder umgedreht. Sicher ist einzig, dass sich die Frau nicht eine Sekunde zur Seite sah und nicht einem einzigen Blick auswich. Vielmehr wirkte sie stolzer als wir alle zusammen. »Naja, ist halt die 7«

An der nächsten Haltestelle verließ sie die Straßenbahn. Einen Augenblick zuvor hatte ich noch vor mich hinorakelt, dass ich die Situation als komplett empfinden würde, wenn es zu einer Berührung zwischen mir und Frau kommen würde. Meine Prophezeiung erfüllte sich, denn wie zum Abschied trat mir die Passantin beim Verlassen der Tram auf den Fuß. Bestürzt über das Gesehene und Erlebte, setzte ich mich matt irgendwohin. Für ein paar Augenblicke war mir einfach alles egal. Ich kämpfte mit den Tränen – rang innerlich nach Fassung. Alles kam mir sinnlos oder zumindest furchtbar ungerecht vor. Ein paar Minuten lang wurde ich diesen Zustand nicht mehr los. Ich badete förmlich im Selbstmitleid. Doch schon auf Höhe Wielandstraße unternahm ich, wenn auch unbewusst, die ersten Versuche, mich doch möglichst gründlich von meinem soeben erworbenen, emotionalen Ballast zu befreien und etwas Abstand zum gerade Erlebten zu gewinnen. So saß ich also noch immer schwer betroffen da und starrte durch das Fenster in mein Spiegelbild. »Ich frage euch, welch niederschwelligeren Zugang zu sich selbst kann es geben, als das Sich-Erkennen im eigenen Abbild im Spiegel?« Ich betrachtete mich und meine Traurigkeit, an den immer eingefalleneren Fassaden der Georg-­Schwarz-Straße vorbeiziehen. Zuerst mit einem Gefühl von Teilnahmslosigkeit. Schell mit zunehmenden Interesse für die optischen Anzeichen meiner mentalen Verfassung. Noch in der Bahn ertappte ich mich bei dem Gedankenspiel, jemanden anzurufen und mich auf der Stelle hemmungslos mitzuteilen. Doch dieses Vorgehen erschien mir unecht oder vielmehr einer aufrichtig zur Schau gestellten Betroffenheit nicht angemessen. Ich entschied mich also dazu, auf den Anruf zu verzichten und mich nach Erreichen meines Reiseziels, umgehend meiner Band zu offenbaren. Noch während ich so dachte, und Strategien zur persönlichen Schockbewältigung ausheckte, suchte ich in der Tram nach Mitbetroffenen oder Menschen die sich wenigstens so gaben. Immerhin hatten wir Reisenden gerade Sichtkontakt mit einer hinreichend sedierten Frau, die mit brutal zerschnittenen Gesicht für kurze Zeit in unser Leben getreten ist. Oder habe ich mir das am Ende alles nur eingebildet? Sei es, wie es sei, ich konnte in der Tram ums Verrecken keine Verbündeten entdecken. Keiner ihrer Blicke streifte mich. Niemand der mir mit den Augen auch nur das geringste Zeichen der Komplizenschaft gab. Vielmehr gaben sich alle Mitreisenden offenbar die größte Mühe, äußerst angestrengt aus dem Fenster zu schauen. »Willkommen in meinem übernächsten Paranoiafilm«

Nächste Haltestelle S-­BHF ­Leutzsch, verkündet die freundliche Computerstimme im Lautsprecher. Ab hier ist alles Routine. Langsam aufstehen, bloß nichts mehr anfassen wegen der Keime, Instrumente in jedem Fall sicher transportieren, nicht hinfallen und nach Möglichkeit auch nicht auffallen und vor allen Dingen bloß nicht zu viel nachdenken! Auf der halben Strecke des Fußweges ohne feste Gedankenmasse – dafür mit reichlich diffuser Emotion – werde ich einer Orange in meiner Manteltasche gewahr. Ich hatte sie mir wohl als Wegzehrung eingepackt und zudem geplant die Pfandkasse im Proberaum zu plündern und so heute doch noch zu etwas Essbarem zu kommen. Doch das war vor der Frau mit dem zerschnittenen Gesicht. Jetzt noch immer ganz umfangen, von dem Zwang meine Betroffenheit zur Schau zu stellen, verweigere ich mir zunächst reflexhaft die Nahrungsaufnahme. Wie kann ich angesichts von soviel Leid einfach eine Orange essen und dergleichen schoss mir durch den Kopf. Vielmehr entschuldigend als erklärend erinnerte ich mich an den Brauch des Leichenschmauses und seiner trauerbewältigenden Wirkung. Obwohl der Vergleich etwas hinkt, birgt die Analogie doch einige Überzeugungskraft in sich. Mir reichte es wenigstens als hinreichender Grund, mich durch die Aufnahme von Nahrung mit dem Rest der Welt zu versöhnen. Mensch muss weiter machen. Bis er nicht mehr kann! Dazwischen laueren ein paar Träume, ein bisschen Alltag, Fressen, Ficken, Scheissen und eine Serie ultimativer Abfucks – mit Glück langt sowas für ein erfülltes Leben.

PL