Astabile Multivibratoren

Sie wurde stumm, dann rot und fragte nicht mehr weiter, sie stand hinter ihm, gebeugt über seine Schulter, ihre massigen Brüste berührten seinen Rücken, sie   blickte dabei auf bunte Dinge und ebensolche Kabel, drapiert auf einem Metallsteckbrett, auf seinem Schreibtisch, einem Geschenk der Großeltern zur  Firmung, Pressspan in Kieferoptik, grottenhässlich, aber im Trend der Zeit.

Die neunsilbige Antwort, die er ihr gab, um zu erklären, was er da gerade » Schönes «  macht, verstand sie nicht, ließ sie erschämen, da sie die Worte, die er benutzte,  nicht kannte, sogar fehlinterpretierte, sie in eine völlig abwegige Richtung denken ließ, hinab zwischen ihre Schenkel, jene No-go-area, dieses Verlies, darüber  sprach man nicht, zumindest nicht dieser Schlag von Menschen – mehrfach  Geflüchtete, Vertriebene, Getriebene der Angst – der sich als Familie gerierte.  Nach außen. Und das war wichtig. Ihm wuchs gerade der erste Flaum ums  Gemächt, das Schweigen der Mutter machte ihn scheinbar erwachsen. Diese  Emanzipation war einfacher, als er dachte, hätte er sich je Gedanken darüber  gemacht, wie dies zu bewerkstelligen wäre. Jetzt aber dachte er darüber nach,  wie er die Frequenz, die aus dem kleinen Lautsprecher zu hören war – ein  irritierendes Geräusch, ein Knattern – variabel verändern könnte. Das RC-Glied  stand im Zentrum. So viel wusste er. Entschlossen zog er den Widerstand mit  Schwarz-Rot-Gelb und 2%-Toleranz heraus und ersetzte ihn durch ein  Potentiometer mit den Werten 10kΩ – 260kΩ. Die Rechteckwelle konnte nun mit leichtem Dreh von etwa 300 bis 1200 Hz verändert werden und er fühlte sich gottgleich. Das humanistische Gymnasium, das ihn damals zurichtete, hatte üppige finanzielle Mittel aus katholischen Kirchensteuermitteln und einen Teil davon in die musikalische Ausrüstung der Schule investiert.

Im Bandprobenraum, der sich unter den Tischtennishallen befand, gab es ein neues Gerät aus Japan, Korg MS-20 war sein Name, es war schwarz, mysteriös, hatte unzählige Regler und Klinkenbuchsen, die mit kurzen Kabeln bestückt wurden,  um über eine 3-oktavige Tastatur Klänge in die Lautsprecher zu schicken, die von  DAF oder NEU! hätten stammen können. » Tanz den Mussolini « hatte er  kürzlich erst zur Untermalung der Rollerdisko auf dem Sommerfest der Schule  gespielt, infernalisch laut, von Vinyl, und wurde vom Physiklehrer darum  gebeten, die Lautstärke zu reduzieren. Sofort wusste er, dies war sein Weg, dies  würde seine Zukunft sein: die Massen mittels rhythmisierter Klänge, wie der  Flötenmann aus Hameln, an den Eiern durch die emotionale Arena zu ziehen bis  zum Abgrund und darüber hinaus. Demiurgische Phantasien eines narzisstisch gekränkten Menschen. Er war jung und brauchte die Aufmerksamkeit,  remember: compassion is a virtue. Der Elektronik-Baukasten, den ihm die Eltern zu Weihnachten geschenkt hatten, sollte der erster Schritt auf diesem Weg dahin  sein. Einen eigenen MS-20 würde er sich nie leisten können, das war ihm klar, so  viel BRAVO und PRALINE würde er nie austragen können, um an das Geld dafür  zu kommen. Er würde sich so etwas eben selber bauen. Er war pfiffig und glaubte an sich. Wo ein Wille ist, erscheint der Weg. Automatisch. Jahre später nahm er eine Kastanie in seine Obhut, steckte sie in einen Topf und diesen auf seinen  Balkon. »Du kannst einen solchen Baum nicht domestizieren«, sagten sie. Er war sich da nicht sicher. Die Kastanie lebt und gleicht nun einem Makro-Bonsai. Und der Elektronik-Baukasten lauert weiterhin still im Keller. (MF)