Reissig und Völker müssen reden (7)

– Die letzte Tresenbesteigung des TV
– dissoziierend

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe trafen sich Rising Reißig (Arzt und  Gastwirt, Sachse) und Timm Völker (Patient und Musiker, Sachsen-Anhalter) am Tresen des NeuBierLandes. Ihrer selbst auferlegten Doktrin folgend, versuchten sie am Thema der Ausgabe dran zu bleiben und eisernen Widerstand gegen den  inneren Drang Phantasmagorien zu bilden, anzukämpfen. Ob sie diesen Kampf  gegen sich selbst bestehen, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt:

Innen, Tag, ein Tresen aus Holz. RR sitzt auf einem Barstuhl. TV kommt ins Bild  und setzt sich auf den Tresen. Im Hintergrund ein Portrait des Angel Of The  Morning in Öl.

Timm Völker (TV): Hustet trocken.
Rising Reißig (RR): Nochmal ein bisschen abhusten.
TV: Es ist so fest manchmal.
RR: Da hilft auch Wodka.
TV: Macht eine abwehrende Geste und füllt ein Glas mit Leitungswasser. Ich überlege, ob mir jemand Wodka zur Desinfi zierung über die Wunde gegossen hat. Ist es überhaupt gut, eine Wunde mit Wodka zu desinfi zieren?
RR: Wichtig ist, 70-prozentigen Alkohol zu benutzen um die Bakterien zu  vernichten. Die platzen durch den Alkohol, weil ihnen Wasser entzogen wird.  Wenn du 90-prozentigen Alkohol nimmst, werden sie quasi gefroren und wenn  Wasser rankommt, erwachen sie wieder. Mit weniger starkem Alkohol passiert  gar nichts. 70 Prozent sind das Optimum.
TV: Aber Wodka mit 70 Prozent, den gibt es doch gar nicht.
RR: Doch. Es gibt auch 70-prozentigen Sliwowitz in der Slowakei.
TV: Eieieiei… »Elektrische Träume« ist das Ausgabenthema von Standort West. Reißig und Völker müssen reden Teil… 6
RR: Oder 7?
TV: Teil 7 unserer erotischen Reise durchs NBL-Haus. Erstmalig an dessen Tresen! Und Tresen ist das passende Stichwort. Es gibt unter uns Leute, die gerne auf  Tresen steigen.
RR: Eigentlich gibt es nur einen. Zeigt auf TV.

TV: Die letzte Tresenbesteigung meines Lebens fand am 31.01. statt. Nach  unserem ersten öffentlichen Videoscreening mit anschließender  Publikumskonversation im BierLand. Du warst schon nach Hause gegangen, weil  du meintest, du seist betrunken. Ich hockte auf den drei Stufen neben der Bar und  konsumierte erstmalig Obstler und Bier. In mir wuchs der Gedanke, dass ich  auf den Tresen steigen muss. Eine Weile habe ich das unterdrücken können. Das  Letzte, woran ich mich erinnern kann, bevor sich alles in Fetzen aufl öste war,  dass ich von den Stufen aus mit Schwung auf den Tresen stieg. Es waren kaum  Leute da: ein Redaktionsmitglied, eine schreibende Wienerin, die auch dir  bekannte Dame mit dem Namen J. und eine männliche Person, die später als  Rettungssanitäter brillierte. Und die Tresenkraft. Ich schwang also hinauf und  geriet erstmalig bei so einer Aktion ins Taumeln und fiel dann quer über den Tresen in ein Regal aus Glas, welches unter meinem Gewicht zu Bruch ging. Dann  eine Erinnerungslücke.

TV macht seinen Oberkörper frei und zeigt RR seine Schulter.

RR: Ist ein blauer Fleck. Geht.
TV: Am Ringfinger meiner rechten Hand habe ich eine massive Schnittwunde davon getragen und Blut im Raum verteilt.
RR: Gut, dass du deinen Ehering nicht um hattest. Sonst hättest du dir vielleicht beim Sturz deinen Finger abgerissen.

TV hebt das Pflaster, dass die Wunde abdeckt und hält sie RR hin. Dieser nimmt seine Brille ab und prüft eingehend.

RR: Man soll bei solchen Verletzungen aufpassen, manchmal schneidet man sich die Sehne durch, die schnippt dann zurück und bildet am untersten Fingerglied so eine Wulst. Aber hier ist das nicht passiert. Setzt seine Brille wieder auf.
TV: Die nächste Erinnerung ist, dass ich mit der Tresenkraft an einem Tisch stehe, der auch noch zu Bruch gegangen schien. Ich befürchte, dass ich mich aus Wut  über meine Verfehlung auf diesen drauf geschmissen habe.
RR: Timm, dieser Tisch ist aus dem Café Othello, das gibt es schon gar nicht mehr.
TV: Dann fand ich mich am Waschbecken der Herrentoilette wieder, wo der vorhin bereits erwähnte Rettungssanitäter meine Hand unter laufendem Wasser inspizierte. (Herzlichsten Dank auf diesem Wege!). Er sagte:»Er hat Glück gehabt.« Es schien also noch eine dritte Person im Raum gewesen zu sein.
RR: Vielleicht Gott?
TV: Vielleicht Gott!? Ich wollte dich als Neurowissenschaftler fragen, woher der Impuls rührt, der mich dazu gebracht hat, den Tresen zu besteigen.
RR: Es gibt die sogenannte Impuls-Kontrollstörung. Eine Erfindung der liberal-sozialen Welt, damit ja niemand etwas falsch macht. Das finde ich aber total albern. Man muss sich entscheiden. Entweder Impuls oder Kontrolle. Dein Impuls war die Anhäufung innerer Stärke. Du saßt auf der Treppe und dein Gehirn hat angefangen deine Muskeln anzuspannen und dir den Impuls verliehen auf den ziemlich hohen BierLand-Tresen zu steigen.
TV: Und dieser Impuls war zu impulsiv, sodass ich anfing zu wackeln und dann stürzte.
RR: Dreht sich auf seinem Hocker. Wir bewegen uns im Verhältnis zum Erdmittelpunkt mit Schallgeschwindigkeit vorwärts. Merkst du das gerade?
TV: Nee.
RR: Ich auch nicht. Aber meine Theorie ist, dass alle früheren Lebewesen auf der  Erde ausgestorben sind, weil sie das Bewusstsein darüber so verwirrte. Stell dir  vor, du bemerkst die Erdrotation und triffst dann taumelnd auf ein anderes  Wesen und willst dich mit diesem anderen Wesen fortpflanzen. Wie willst du das  machen, wenn du dich mit 300 Metern pro Sekunde fortbewegst? So starben Wesen aufgrund der Erkenntnis darüber aus. Wir wiederum unterdrücken diese und beherrschen den Planeten. Nur unter Einfl uss von Alkohol wird dieses  Bewusstsein freigelegt. Deshalb torkeln alkoholisierte Menschen und du standest  auf dem Tresen und hast plötzlich mitbekommen, wie die Erde sich unter dir weg  dreht und bist aus Angst vor dem Aussterben gestürzt.
TV: Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht, meine Hand war schwarz  verkrustet, aber schmerzfrei. Ich habe mich gereinigt und machte mich daran,  die Spuren des Vorabends im BierLand zu beseitigen. Dies gebietet die Höflichkeit des Exzessiven. Als ich aber gestern das in Jodsalbe getunkte Pflaster wechselte, bemerkte ich etwas sehr interessantes: Der bis dahin ausgebliebene Schmerz schoss durch eine sehr kurze Berührung eines Schlüssels beim Aufschließen  meiner Tür mit einer Intensität durch meinen Körper, wie ich sie äußerst selten  erlebt habe. Warum so verzögert?
RR: Weil Endorphine ausgeschüttet werden. So können wir in die nächste Höhle rennen, einen Stein vor den Eingang rollen und unsere Wunden lecken. Und erst dann fängt es an weh zu tun, damit wir uns um die Wunde kümmern. Weil als  Urmensch weiß man ja nicht, was eine Wunde ist. Versuch dir das angesichts des uns umgebenden Bildungsüberschusses bitte einmal vorzustellen. Da kommt  rotes Zeug aus dir raus und du hast nicht mal einen Namen dafür. Deshalb hat die Natur es so entworfen, dass erstmal nichts weh tut, damit man weglaufen kann  und es dann schmerzt, damit man sich drum kümmert. Letztlich ist Schmerz eine Inszenierung des Gehirns damit wir überleben.
TV: Die Inszenierung ist sehr vielfältig. Ich habe im Laufe des Abends verschiedene Formen des Schmerzes erlebt. Pulsierend, stechend und stumpf brummend als ich mit meinem Finger über den Wundherd tastete. Es war sehr  intensiv.
RR: Körpereigene Drogen. Hatten wir doch letztens erst auf dem Dach. Nur eine Illusion.
TV: Du hattest mir mal erzählt, dass Schmerz das Einzige ist, an was man sich nicht erinnern kann. Aber ich habe es gestern erlebt. Ich erinnere mich daran.
RR: Aber nicht an den Schmerz.

Legt TV einen Löffel aufs Handgelenk. Wenn ich dir diesen Löffel hier auf das  Handgelenk lege, ist der dann kalt oder warm?

TV: Kalt.
RR: Nee, der ist kälter als deine Haut. Wir messen die Temperatur um uns herum  in der Differenz zu uns selbst. Licht wird auch durch die Differenz zur Dunkelheit  im Auge gemessen. Die einzige Sinneswahrnehmung, die wir direkt wahrnehmen ist der Schmerz. Das nennt man proportional. Du kannst dich zwar an die  Gegebenheiten, aber an den Schmerz an sich erinnerst du dich nicht. Das ist eine  gute Erfindung für Leute mit emotional-instabilen Persönlichkeitsstörungen. Denn wer den Schmerz vergisst, kann ihn sich immer wieder neu zufügen. Gilt auch umgekehrt im Sinne der Evolution: Man soll sich an die Situation erinnern,  in der sich der Schmerz ereignet hat, um sie zu vermeiden und zu lernen. Aber ich würde jetzt gerne nochmal auf das Thema der Dissoziation im Gehirn zu  sprechen kommen. Wie kommen wir da jetzt hin?

»Dr. Monnel (aus Die Wahrheit über die Hochfrequenz) schreibt: Die erfrischende Wirkung des Hochfrequenzstromes auf ermüdete Nerven und Muskeln haben seinen Ruf als idealstes Mittel bei Erschöpfungszuständen begründet.«

TV: Eingangs sprach ich davon, dass ich mir wie fremdgesteuert vorkam, als ich auf den drei Stufen im BierLand saß.
RR: Leert sein Limonadenglas und gibt Laute der Erkenntnis von sich. Stimmt! Dissoziation bedeutet etwas geht auseinander. Im dissoziativen Zustand entfernt  sich der Mensch von der Situation, in der er sich befindet. Die meisten Menschen erleben das als so unangenehm, dass sie es für den Rest ihres Lebens vermeiden. Deshalb nehmen sie kaum Drogen, trinken wenig Alkohol und versuchen früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.
TV: Wie fühlt sich das denn an?
RR: Wir sitzen hier und sind fokussiert darauf, etwas zu erzählen, was andere Leute dann lesen bzw. auf Video sehen. Wir kontrollieren uns. Ganz viele  Gedanken verdichten sich auf einem Punkt. Und es soll so sein, dass nur wir  Menschen und ein oder zwei Menschenaffenarten das können. Aber der  Urzustand des Menschen war, dass er zwei Gedanken zur gleichen Zeit hatte.  Zwei Gedanken zur gleichen Zeit, haben zwei eigene Geschichten und Zeitabläufe.  So als träumtest du zwei elektrische Träume auf einmal. Das wird als  überfordernd wahrgenommen und herabwürdigend als Halluzination  bezeichnet. Die Höhlenmenschen waren aber so drauf. Doch wenn sie  zusammensaßen und vor sich hin dissoziierten, waren sie ja, wenn sie nur zwei  waren schon zu viert und wenn sie zu dritt waren zu sechst. Das wird kompliziert. Ich möchte also konstatieren, dass der Mensch zu Gunsten der Fortpflanzung das Prinzip der Erdrotation verdrängte. Daraufhin vermehrte er sich und sah sich gezwungen auch die freie Dissoziation aufzugeben, weil es einfach keinen Platz mehr für so viele Geschichten und Abspaltungen gab.
TV: Und man muss sich ja auch aufeinander einlassen können, um sich fortzupflanzen.
RR: Genau. Aber das Aufgeben der Dissoziation ist aus meiner Sicht ein großer Verlust an geistiger Fähigkeit. Heute wird es manchmal freigelegt, wenn man  psychische Störungen hat oder Drogen konsumiert. Wer darin nicht geübt ist, der kriegt Angst und macht das nicht wieder. Nur ganz große Geister sind in der Lage die Dissoziation auszuhalten. Und aus diesen großen Geistern rekrutieren sich dann die Penner und die Künstler. Und wenn dich so eine Dissoziation von hinten überfällt, kannst du ja auch gar nichts machen. Du bist gleichzeitig Timm Völker, der auf der Treppe sitzt und der Timm Völker, der den Beweis der Erdrotation auf dem Tresen antritt. Und es driftete auseinander. Denn du hast ja nur zwei Beine.
TV: Welcher TV hat die dann gesteuert?
RR: Wahrscheinlich der, der auf der Treppe saß und der andere hat sich  verheddert. Aber du hast es ausgehalten. Die Schwierigkeit besteht ja darin, dass  es mit der Welt, die uns umgibt, nicht zu vereinbaren ist. Wenn du zum Bäcker gehst, bekommst du ein Brötchen, wenn du dafür etwas bezahlst. Da ist eine spontane Dissoziation eher hinderlich.
TV: Wobei sie mir andere Perspektiven auf den Bäcker und das Brötchen und das Verhältnis zwischen Zahlungsmittel und Produktion ermöglicht.
RR: Du weißt doch aber gar nicht mehr, was ein Brötchen und ein Bäcker ist und hängst fest in deinen hallenser Halluzinationen.
TV: Ich sehe keine Dinge, die nicht da sind. Es ist vielmehr so, dass der Eindruck entsteht, dass keine Zusammenhänge mehr zwischen den Dingen bestehen. Ich weiß mich nicht mehr in die Welt einzuordnen.
RR: Diese Welt beruht auf dem Glauben, nein auf der Diktatur, dass wir alle dasselbe sehen. In einem neurowissenschaftlichen Buch sah ich ein Bild von Zebras im Birkenwald. Schwarzweiße Bäume, schwarz-weiße Tiere. Das kommt außerhalb dieses Bildes sehr selten vor. Aber wie erkennen wir, dass dort Zebras im Birkenwald stehen? Weil uns jemand mal gesagt hat, so sehen Zebras aus und so Birken. Wenn du aber dissoziierst, siehst du nur noch schwarz-weiße Schlieren. Tier und Baum sind keine Kategorie mehr. Das heißt, genau das, was du beschrieben hast: du siehst die Welt und die Menschen, so wie sie sind. Ohne  Etikett und Label.
TV: Ich denke, wir können den Menschen durch dieses Gespräch die Angst vor dissoziativen Zuständen nehmen und vielleicht sogar dazu anregen, sie zu suchen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass man das nicht in der Nähe von Tresen machen sollte.
RR: Oder du dissoziierst und Sturzgefahr ist keine Kategorie mehr.

Am 21.03. werden Reißig und Völker exklusiv den ungekürzten Video-Mitschnitt dieses Gespräches präsentieren und zur Diskussion bereit stehen.
20 Uhr, Besser Leben.