Wenn Elektriker träumen

– ein Gespräch mit Jürgen Aehle

Wenn Sie öfter am späten Nachmittag auf ein erstes Bier ins NBL einkehren, ist er Ihnen vielleicht schon aufgefallen: Ein Mann mit gegerbtem Gesicht, einer Tasse Kaffee und Zigaretten vor sich am Tresen. Meist schweigsam, manchmal auch redselig. Dieser Mann heißt Jürgen Aehle. Ein Elektriker, Jahrgang 1955 geboren in Zschortau und zuhause in Leipzig, ohne dessen Hilfe der Eckladen und das NBL ziemlich dunkel bleiben würden. Im folgenden Gespräch erzählt Jürgen von der Wendezeit und welcher Traum für ihn im NBL wahr geworden ist.

Standort West (SOW): War deine Entscheidung Elektriker zu werden frei gewählt oder aufgezwungen?
Jürgen Aehle (JA): Frei gewählt, aber ein bisschen komisch. Es war 1971, ich war 15 Jahre alt und wusste gar nicht, was ich machen sollte. Eigentlich wollte ich meine Bewerbung als Chemiefacharbeiter abgeben, hatte dann aber keine Lust. Da kam ein Schulkumpel von mir vorbei. Ich hab’ ihn gefragt, wo er gerade hin will und er sagte, er geht jetzt nach Rackwitz und bewirbt sich als Elektriker. Da  dachte ich: Elektriker klingt gut, da gehst du mit.

SOW: Wie oft bekommst du durchschnittlich im Jahr einen elektrischen Schlag?
JA: Ein Grund warum ich Elektriker geworden bin, ist meine Angst vor dem Strom. So einen richtigen Schlag hab’ ich vielleicht einmal bekommen und wann das war, weiß ich schon gar nicht mehr. Natürlich passiert es öfter mal, dass man mit der Hand kurz an ein Kabel kommt und dann zwickt es, aber das ist ja kein Schlag.

SOW: Wirkt sich das auf deine Träume aus?
JA: Nö. Das geht so schnell. Wie ein Mückenstich und dann ist es schon wieder vorbei.

SOW: Wie hast du die Wendezeit erlebt? Würdest du im Rückblick sagen, dass das Ende der DDR dir ermöglicht hat, Pläne und Träume, die du vorher nicht verwirklichen konntest, zu realisieren?
JA: Ich hab’ die Wende herbeigesehnt. Ich war fest entschlossen die DDR zu  verlassen, wenn mein Sohn eingeschult wird. Denn ich wollte nicht, dass er schon in der ersten Klasse militärisch gedrillt wird und irgendwelche Kampflieder  lernen muss. In der DDR war es ja im Prinzip so, dass du geboren wurdest und  irgendwann in Rente gingst. Und alles dazwischen war vorbestimmt. Klar, gab es Künstler, die gewisse Freiheiten hatten, aber auch nur begrenzt. Siehe die Gruppe  Renft. Als die Texte geschrieben haben, wie sie wollten, waren sie auch so schnell  im Knast, dass dieses System irgendwann zu Ende geht. Denn immer, wenn du  irgendeinen Gedanken oder einen neuen Ansatz im Kopf hattest, hatte das letzte  Wort immer der Parteisekretär.

SOW: Die Grenzen des Systems waren ständig zu spüren?
JA: Vom Pförtner am Werkstor bis hoch zum Betriebsdirektor wurden die  Menschen in den Rahmen des Systems eingepasst. Und solang du dich loyal und  dem Rahmen entsprechend verhalten hast, lief dein Leben wie von selbst. Aber  jegliches Abdriften bedeutete Repression. Es galt auf Linie zu bleiben, egal wie.  Klar, gab es auch Musiker und Künstler, aber auch die mussten sich an die  Vorgaben halten.

SOW: Also hat sich der Traum der Freiheit für dich mit der Wende erfüllt?
JA: Auf jeden Fall.

SOW: Es wird ja oft gesagt, dass auf die Freude der Freiheit schnell eine  Ernüchterung folgte.
JA: Ich sehe es so: Die Leute haben das Westfernsehen gekannt, ich auch. Wir sahen den Überfluss an Produkten und Luxus, den es in der DDR nicht gab. Aber mit der Politik in der BRD hat sich kaum jemand beschäftigt. Dort gab es ja zur Wendezeit schon ein Problem mit Arbeitslosigkeit. Was Arbeitslosigkeit  überhaupt bedeutet, wurde den Leuten im Osten erst klar als es hier akut wurde. Viele dachten, dass sie jetzt überall hinfahren können, wo sie hin wollen und alles haben können, was sie wollen. Aber dazu musste man auch Geld haben, das hatten die meisten nicht. Und dann kam die Enttäuschung. Aber wer in der Lage war, sein Leben selbst zu bestimmen und Träume hatte, die nicht nur aus Konsum und dicken Autos bestanden, für den war es das Beste, was passieren  konnte.

SOW: Und wie war es für dich persönlich?
JA: Ganz persönlich war es Wut. Ich hatte mir im September ’89 die Hacke  gebrochen und das Bein in Gips und ich konnte nicht nach Leipzig oder Berlin  mit. Ich saß vor meinem Haus und die Kumpels haben gehupt und gewunken als  sie vorbeigefahren sind. Das war bitter. Aber einen Vorteil hatte es: ich konnte viel  Fernsehen und war dadurch top informiert. Nochmal anders betrachtet: für  jeden, der ein bisschen Grips hatte, war zu sehen, dass das System am Ende war. Und aus meiner Sicht ist es auch deshalb so kampflos untergegangen, weil viele in der Wirtschaft eingesehen haben, dass das Ding gelaufen war. In den siebziger  Jahren, in der Zeit der Weltfestspiele der Jugend, gab es einen Aufbruch. Es wurde  vieles liberaler, die Läden wurden voller und auch die Freiheit wurde etwas  größer. Aber dann gab es Anfang der achtziger Jahr wieder einen Knacks.

SOW: Einen wirtschaftlichen oder politischen?
JA: Es gab einen Rückschritt bei der Versorgung der Bevölkerung. Es wurde  immer schlimmer. Wenn du Freitagnachmittag vor hattest, Sonnabend zu grillen,  dann bist du zum Fleischer gegangen und musstest feststellen, dass das jetzt wohl  doch ein Fliesenladen geworden ist. Das Fleisch war einfach alle. Nur noch  Fliesen. Ohne Beziehungen wurde es schwierig. Klar, verhungert ist keiner. Brot  gab es immer. Es war sogar per Gesetz festgelegt, dass es bis Ladenschluss  verfügbar sein muss. Aber an alles, was ein bisschen spezieller war, war schwer  ranzukommen. Davon stirbt der Hund nicht, aber es war nervig. Der letzte Artikel des DDR-Satiremagazins Eulenspiegel hat das auf den Punkt gebracht. Da ging es  darum, dass Einer, egal ob es der Termin in der Trabbi-Werkstatt war oder die  Wurst beim Fleischer, ständig kämpfen musste. Und der letzte Satz dieses Artikels  war: »Ich will nicht immer nur kämpfen.«

SOW: Welchen Traum möchtest du dir noch erfüllen?
JA: Ich war 40 Jahre auf Baustellen, auch renommierten Baustellen und diese 40  Jahre haben mir Spaß gemacht. Klar, habe ich nicht früh um fünf geschrien »Hurra der Wecker klingelt«, aber es war toll. Doch die Erfahrung, die ich beim  Bau des NBL-Eckladens gemacht habe, war etwas Besonderes für mich gewesen.  Die Zusammenarbeit mit den jungen Leuten und das gemeinsame Umsetzen von  Ideen auch unter komplizierten Umständen, das gibt’s auf normalen Baustellen  nicht. Angefangen bei der Planung mit König Olaf und dann bei der Realisierung mit Konrad und Derxon, wurde nicht engstirnig oder von oben herab  entschieden, wie es zu sein hat. Es wurde immer gemeinsam nach Ideen und  Lösungen gesucht. Und das ist ein Traum, den sich, glaube ich, die wenigsten Elektriker erfüllen können.

(TV)