REISSIG UND VÖLKER MÜSSEN REDEN (6)

– Die Räuber des Zaren und das braune Fett

Für diese Ausgabe ihrer Konversationsreihe begaben sich Rising Reißig (Arzt und Gastwirt) und Timm Völker (Musiker und Patient) nach ganz unten in Plagwitz. In einem Keller sitzend, bemühten sie sich sehr am Thema der aktuellen Ausgabe dran zu bleiben und gegen ihren Drang Phantasmagorien zu bilden anzukämpfen. Ob es ihnen diesmal gelungen ist, entnehmen Sie bitte dem folgenden Gesprächsausschnitt.

Unbestimmte Tageszeit. Ein ungefähr 1,60 Meter hoher Keller in Plagwitz. Getränkekisten verschiedenster Sorten, Neonlicht. Reißig und Völker sitzen gedrängt in einer Ecke. Ihnen gegenüber bewegungslos der Angel Of The Morning.

RR: Unsere russischen Freunde haben nie irgendwelche Völker versklavt und denen Hände und Füße abgehackt.
TV: Gab es sowjetische Kolonien?
RR: Dreht sich eine Zigarette. Naja, die Kirgisen und Kasachen und Turkmenen und so, die behaupteten, sie wären sowjetische Kolonien.
TV: Weil sie es sein wollten?
RR: Weil sie es waren. Es hieß dort nur Sowjet-Republiken.
TV: Aber es war nicht so, dass die Sowjet-Union oder das Zarenreich, so wie England oder Holland im Pazifik, irgendwelche Kolonien hatte?
RR: Doch doch. Die haben im ausgehenden Mittelalter irgendwelchen Räuberbanden gesagt, geht mal hinter den Ural und schaut, was da so los ist. Das gehörte denen zwar alles, aber es war nie einer dort gewesen und hat nachgesehen.
TV: Erklär mir mal bitte, woher die wussten, dass ihnen das Land gehörte, wenn
sie nie da waren.
RR: Der Zar hatte das auf einem Zettel stehen und glaubte deshalb, dass ihm das gehörte und es hat ihm scheinbar auch keiner streitig gemacht.
TV: » Als gäbe es kein Gestern « ist das aktuelle Ausgabenthema von Standort West. Und das hier ist » Reißig und Völker müssen reden (5) «, nein Teil 6 sogar! Unsere erotische Reise durchs NBL-Haus findet ihre Fortführung im Keller, wo wir seit geraumer Zeit, exakter: 47 Tagen, den Angel Of The Morning festhalten. In einer Mischung aus wissenschaftlicher Versuchsanordnung und dem Ziel aus unseren eigenen Ressourcen Reichtum zu schöpfen. Vielleicht könntest du das kurz erläutern.
RR: Ich soll das erklären?
TV: Du bist der Wissenschaftler, der Arzt. Ich bin nur ein Patient.
RR: Ich bin ja vor allem der Ex-Inhaber, inzwischen GmbH-Mitstreiter und ich hatte die Idee, mit den Ressourcen die wir selber haben, endlich mal Geld zu verdienen. Und der Angel Olaf ist ja eine Ressource – du musst mal ausrechnen wie viel Energie er beinhaltet – durch sein Gewicht hat er eine schier unendliche Menge davon. Aber mit der Energie kann man aus ästhetischen, ach Quatsch, moralischen Gründen nicht direkt etwas machen. Ihn zum Beispiel verbrennen
und damit die Heizung betreiben.
TV: Das ist in unserer Gesellschaft moralisch nicht erlaubt.
RR: Trinkt aus seinem Kaffeebecher. Aber als wir im Bier-Land neulich  überlegten, was moralisch vertretbar wäre, kamen wir auf Folgendes: Er muss ja abnehmen und das können wir auch unter Zeugen machen lassen. Und deswegen haben wir ihn hier unten eingesperrt bis er soweit abgenommen hat, dass er durch den Getränkelift passt, durch den wir eben herunterfuhren. Inzwischen halluziniert er und glaubt, dass er da gestern durchgepasst hätte.
TV: Aber dieses Gestern hat es nie gegeben.
RR: Unseren Reichtum, so der Plan, erhöhen wir, indem außenstehende Personen Wetten darauf abschließen können, wann der Angel es schafft, wieder ins Freie zu gelangen.
TV: Wie lange es dauert…
RR: Ob er es überhaupt schafft… ober er zwischen 14 und 15Uhr mehr abnimmt als zwischen 17 und 18Uhr.
TV: Wie wird das denn überprüft?
RR: Er ist ja hier ständig auf einer Waage.
TV: Richtig, der ganze Kellerraum ist ursprünglich als Waage konzipiert. Das kommt noch aus der Zarenzeit. Die erfassten biometrischen Daten werden an Bet-And-Win übermittelt und dann können weltweit Leute auf Bildschirme starren und Wetten abschließen. Wir kriegen Prozente und der Laden läuft.
RR: Genau! Inzwischen gibt es schon viele Nachbauten dieses Raumes. Vor allem in den Industrieländern, wo 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung so übergewichtig
sind, dass sie medizinische Behandlung brauchen. Die AOK hat auch schon nach
den Bauplänen gefragt. Damit die Leute lendlich abnehmen. Aber was hat das mit » Gestern « zu tun?
TV: Wegen den Kolonien. Sächsisch Kongo… der Zar, der seine Räuberbanden schickt, um zu überprüfen wie groß sein Reich ist. Wann hat ihm jemand gesagt, dass es seins ist? War das gestern? Geht nicht die Sage um, dass im Mittelalter zwei, drei Jahrhunderte verschwunden sind bzw. von den Machthabern annulliert wurden? Dann würde es gar kein Gestern geben. Beim Sinnieren über die Räuberbanden jenseits des Urals schoss mir gerade ein Gedanke durch den Kopf: Wäre es denn möglich, immer im Jetzt zu sein und niemals im Gestern, wenn man beständig durch die Zeitzonen reist und so für immer im selben Tag erharrt? Hebt den Zeigefinger seiner rechten Hand und lässt sie um seinen Kopf rotieren.

RR: Immer nach Osten der Sonne hinterher. Denn Tag ist, wenn die Sonne scheint. Und Nacht ist, wenn sie nicht scheint. Dann gibt’s kein Gestern. Aber es ist doch noch etwas komplizierter mit der Zeit. Denn es sind ja nur Zeitzonen, die sich jemand ausgedacht hat.
TV: Um das Gestern zu überwinden!
RR: Ich glaube unser Körper hat eine ganz andere Zeitrechnung. Und zwar nur nach vorn. Senkt seinen Kopf und lässt ihn viermal kreisen. In unserem Körper gibt es auch kein Gestern.
TV: Kannst du mir das mal erklären?
RR: Wenn man daran glaubt, dass unser Körper aus Zellen besteht, dann glaubt man auch daran, dass sich die Zellen teilen. Und jetzt stell dir mal vor, deine Zellen teilen sich immer weiter. Dann wirst du irgendwann zu einer Kugel. Das will der Körper nicht, denn Kugel heißt auf Latein Tumor und daran muss man ja meistens sterben. Und deshalb haben die Zellen eine Fahrkarte, die abgeknipst wird, da sind 22 oder 24 Fahrten drauf. Und wenn die alle sind, stirbt die Zelle. Aber bis dahin teilt sie sich und diese Bewegung geht nach vorn, denn es werden ja nicht weniger Zellen.
TV: Manche Menschen sind doch aber kugelförmig. Haben deren Zellen mehr Fahrten auf ihren Tickets?
RR: Nein, das ist das Fett was eingelagert wird.
TV: Und Fett ist kein Zellgewebe?
RR: Interessante Frage. Es gibt Fettzellen die Fett einlagern. Das bedeutet, die müssen sich irgendwie ausdehnen. Da muss ich mal recherchieren. TV nickt apathisch, RR zieht an seiner Zigarette. Es gibt aber auch Fettgewebe, das Energie verbraucht. Braunes Fettgewebe. Während weißes Fettgewebe eine passive Isoliermasse ist, macht braunes aus dem Fett Energie.
TV: Und kann sich weißes in braunes Fettgewebe umwandeln?
RR: Genau daran wird gerade geforscht, damit Übergewichtige nicht wie hier ewig in Keller eingesperrt werden müssen. Grundsätzlich weiß man, dass manche Menschen mehr und manche weniger braunes Fettgewebe haben. Kinder haben ganz viel, People formerly known as Eskimos mehr als Slawen.
Aber was hat das mit dem Gestern zu tun?
TV: Ich dachte an Entropie und dass es immer weiter geht, weiter weg von gestern.
RR: Nein. Entropie ist der energieärmste Zustand aller Teilchen in einem Raum. Zum Beispiel hat dieser Bierkasten hier oben mehr potentielle Energie als der darunter. Wenn du den umschubst, wird daraus kinetische Energie und es ist wahrscheinlicher, dass die Flaschen darin kaputt gehen, als bei dem darunter. Hier herrscht ein unentropischer Zustand. Für Entropie müssten die Kästen alle auf dem Boden stehen und die Flaschen liegen. Und in meinem Studium lernte ich, das wir sterben müssen, weil wir uns nicht entropisch verhalten.
TV: Gibt unartikulierte Geräusche der Erkenntnis von sich und schleudert seinen
Oberkörper vor und zurück. Entropie bedeutet also Unsterblichkeit.
RR: Und Sterblichkeit zugleich. Wir können ja nur deshalb leben und hier rumsitzen und dummes Zeug erzählen, weil wir einen Mund haben und Stimmbänder und einen Kopf der darüber nachdenkt und eine Hand, die die Kaffeetasse hält und die Zigarette. Wir haben eine Struktur. Und wenn wir uns destrukturieren würden und in den Zustand der kleinstmöglichen Energie verfallen, könnten wir die Tasse und die Zigarette nicht mehr halten. Da kann ich nicht mehr reden, nicht mehr Luft holen. Dann bin ich nicht mehr lebendig.
TV: Aber auch nicht tot. Du bist nur noch Energie. Es sind Tropfgeräusche aus den Wänden zu hören. Schweigen.
RR: Ein Professor aus meinem Studium hat mal behauptet, dass das was wir für
Gesundheit halten, gar nicht funktionieren kann, weil es ein, der Entropie entgegengesetzter Zustand ist.
TV: Wa … wa … wie?
RR: Das Universum strebt eine Gleichverteilung aller Energien und Dinge an. Das kennt jeder, der seine Wohnung nicht aufräumt. Und wenn ein Mensch sich nicht mehr um sich kümmert, nichts isst und trinkt und sich nicht wäscht, dann zerfließt er und wird eins mit seiner unaufgeräumten Wohnung. Weil der Mensch und die Gesellschaft das aber nicht will, muss er sich um sich kümmern, etwas zu sich nehmen, aufräumen und immer wieder neu ausrichten und gesund bleiben. Und deshalb, so der Professor, ist Gesundheit antientropisch und Krankheit entropisch.
TV: Haben die Halluzinationen des Angels vielleicht irgendetwas damit zu tun, dass er sich, weil er nichts isst hier unten der Entropie fügt?
RR: Er büßt erstmal Wasser ein. Wir bestehen ja zu 70 Prozent aus Wasser.
TV: So wie die Erde zu 70 Prozent von Wasser bedeckt ist.
RR: Betrachtet nachdenklich den starrenden Angel. Wenn es soviel Wasser gibt, warum wird dann immer von Wassermangel geredet?
TV: Da geht es um Trinkwasser.
RR: Aber kann man das Meerwasser nicht entsalzen?
TV: Es wird daran geforscht. Das dauert. Vielleicht geht es schneller, die Menschen genetisch so zu verändern, dass sie Salzwasser vertragen.
RR: Dann stellen wir uns alle ans Meer und trinken die Ozeane leer und all die gesunkenen britischen und belgischen Schiffe aus der Kolonialzeit tauchen wieder auf.
TV: Und alle nehmen sich die Goldschätze aus den Truhen und bringen sie in die
Wettbüros und wetten auf die Auferstehung des Angels.
RR: Und wir werden noch reicher.

Reißig und Völker verlassen den Keller über den Lift. Sie führen noch etwas zwanglose Konversation am Tresen des NeuBierLand, als plötzlich der Angel aus der noch offenen Luke gefahren kommt. Verblüfft schauen Reißig und Völker zu, wie sein Körper geschmeidig aus der Öffnung hinaus und ebenso wieder hinein gleitet. Der Angel wiederholt diesen Vorgang einige Male. Sein Blick lastet dabei strafend auf Rising und Völkers Prolet-Leibern. Beide verfallen zuerst in eine Starre und dann durch die sich wiederholende Auf- und Abbewegung in eine Art Trance. Sie schreiten dem Angel mit verklärtem Blick entgegen, um sich bereitwillig vom ihm hinab in den Keller ziehen zu lassen, wo sie ihm gefügig jeden Dienst erweisen.

Reißig und Völker werden am 21.02.2019 exklusiv den ungekürzten Video-Mitschnitt dieses Gespräches präsentieren und zur Diskussion bereit stehen. 20Uhr, Besser Leben.