NO FUTURE REVISITED

» Opa Patzy erzählt vom Krieg «

Irgendwann im Spätsommer vor ein paar Jahren » Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. « stand ich relativ fassungslos vor einem Denkmal in der Innenstadt. Genauer gesagt befand ich mich an der Südseite der beeindruckend repressiven Außenfassade der Mensa an der Karl-Liebknecht-Straße, Höhe Peter-Stein-Weg. Was mich in der Hauptsache irritierte, war die Inschrift oder vielmehr die Implikationen, die sich aus dem feinsinnigen Text ableiteten, der in steinernen Lettern das überwältigend schmucklose Monument Deutscher Geschichte zierte.

Unnötig zu erwähnen, dass der zeitlose Charme des zur Nordwestseite liegenden Polizeireviers – ein Charme, der geradewegs jeder, dieser tollen Bürgerservice-Einrichtungen inne wohnt – nicht unbedingt dazu beitrug, mein zur Abwechslung Mal konkret ausgeformtes Unbehagen gegenüber Welt und Mensch ein wenig abzumildern. » Im Gedenken an die Opfer zweier Deutscher Diktaturen «, stand dort einwandfrei zu lesen. Zumindest lautet so der Satz, der sich wie Säure in meine Erinnerung gefressen hat. Nur ist die Erinnerung leider kein verlässlicher Parameter – schon gar nicht um Kulturkritik zu betreiben. Viel zu oft präsentiert sich unser sogenanntes Gedächtnis über weite Strecken als schamlos unvollständig. Und die These, dass wir als intelligente Primaten nur allzu gern dazu neigen, das subjektiv Erlebte im späteren Angedenken immer weiter und weiter zu verklären, dürfte wohl kaum einen Widerspruch provozieren. Es scheint fast so, als würden wir der Wirklichkeit, verstanden als kleinsten gemeinsamen Nenner intersubjektiver Wahrnehmung, permanent Gewalt antun – indem wir uns erinnern. Davon unbeeindruckt entzieht sich ein konstitutiver Teil unseres Selbst hier nach Belieben unserem Zugriff. Kurz gesagt, unser Gedächtnis ist ein Saustall. Zum Glück gibt es ja Statuen und Denkmäler, die vergesslichen Deutschen dabei helfen sollen, Ordnung in die Hirnritzen zu bekommen und sich anständig zu erinnern. Dabei kommt es nicht nur darauf an, das Richtige zu erinnern, sondern auf den richtigen Zusammenhang. Das Denkmal » Der Opfer Zweier Deutscher Diktaturen « verkettete in mir eher ungleiche Zusammenhänge. Honecker und Hitler, die beispiellosen Verbrechen des deutschen Faschismus, denen Millionen Menschen weltweit zum Opfer fielen und das zweifellos repressive Ein- Parteien-System der DDR mit 140 Toten an der Innerdeutschen Grenze und 166 vollstreckten Hinrichtungen. Ich selbst habe damit so meine Probleme – also mit den richtigen Erinnern oder besser gesagt den richtigen Erinnerungen. Manchmal vermischt sich einfach alles miteinander. Die SS mit der Stasi, die HJ mit der FDJ. Nur Auschwitz bleibt beispiellos! Halten wir diesen Gedanken einen Moment lang fest, bevor wir uns nach einem kleinen Exkurs durch meine über Generationen fetztenhaft memorierte Familiengeschichte erneut diesem hart revisionistischen Monument Deutscher Geschichtskletterei zuwenden. Wenn ich über meine Erinnerungen spreche, dann muss ich auch zwangsläufig über meine Mutter sprechen. Für mich ist sie die beste Geschichtenerzählerin der Welt. » Geschenkt! « Als ich ein kleiner Junge war, unternahm meine Mutter mit mir lange Spaziergänge und erzählte mir dabei oft Geschichten. Manchmal befanden wir uns als Polarforscher in einem dicken Schneegestöber, waren Schatzsucher auf einer einsamen Insel oder Astronauten in den Weiten des Kosmos. Die Welt, die meine Mutter aus dem Stegreif erschuf, war beseelt von einem Zauber, der ihr die Macht verlieh, alle Wünsche in Erfüllung gehen zu lassen. Diese Welt war bevölkert von Zwergen und Trollen, Feen und sprechenden Tieren, doch auch Monster nannten sie ihr Zuhause. Zu dieser Zeit saßen wir – zumindest verhält es sich so in meiner Erinnerung – oft gemeinsam am Küchentisch. Meine Mutter schöpfte zu diesen Gelegenheiten gern aus ihrem konstant gleich großen Fundus an Familiengeschichten und berichtete mir in den schillerndsten Farben aus der Zeit, als ich noch klein oder noch gar nicht auf der Welt war. Oft erzählte sie mir mir von ihrer geliebten Oma und von der Flucht aus dem Sudetenland nach dem II. Weltkrieg. Wenn ich so darüber nachdenke, ist diese Heimat-Vertriebenen-Geschichte schon so lange her, dass meine Mutter selbst noch gar nicht auf der Welt gewesen sein kann. Immerhin ist sie 1954 geboren und die Beneš-Dekrete, die zur Vertreibung und Enteignung der Sudetendeutschen in den überwiegend besetzten Gebieten führten, wurden kurz nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands 1945 erlassen. » Ein revanchistischer Reflex, der meiner Meinung nach, unbedingt vor dem Hintergrund der verbrecherischen Besetzung der Tschechoslowakei 1939 sowie den nach wie vor beispiellosen Verbrechen an der Zivilbevölkerung durch die Nazis und ihre willigen Helfer, diskutiert werden sollte. Wie war gleich nochmal Ihre Position dazu, Frau Steinbach? « Trotzdem sehe ich die Bilder des Bauernhofes, auf dem meine Familie vorübergehend unterbracht wurde, genau vor mir. Nach hastiger Flucht aus dem Mährischen Schildberg, erreichten sie auf einem Planwagen unter haarsträubenden Bedingungen das zerbombte Wien. Die greise Urgroßmutter liebte Wien » So wurde mir zumindest glaubhaft versichert. Sie muss sehr traurig darüber gewesen sein, dass sie nach so kurzer Zeit die Stadt wieder verlassen mussten. Denn an höherer Stelle wurde für sie entschieden, dass die Sudetendeutschen nicht in Österreich bleiben, sondern im besetzten Deutschland verteilt werden sollten « Über das Ausmaß der Zerstörung, die Abwesenheit von Zukunft, die Scham und das Entsetzten, das es gegeben haben muss, macht sich keiner von uns einen Begriff. Es muss schlimm gewesen sein damals auf dem Bauernhof in der Fremde für die Witwe – für die Mutter von drei Kindern. » Gefallen im Osten für Führer, Volk und Vaterland « Aber was weiß ich schon vom Krieg? Ich betrachte lediglich die Bilder der Vergangenheit vor meinem inneren Auge. Ich bin parteiisch, wenn ich über mich selbst in Form der Vergangenheit vieler Anderer unbarmherzig zu Gericht sitze. Durch die Worte einer Anderen nahm ich die fremden Erinnerungen in mir auf und sie wurden scheinbar zu meinen eigenen. Es macht keinen Unterschied, dass ich nicht dabei gewesen bin. Die Emotionen sind dieselben. Die Bilder sind schwarz-weiß, ganz so als wäre mein Kopf ein zerschlissenes, begehbares Fotoalbum. Wenn ich es durchforste, stoße ich oft auf eine Episode, die eigentlich nicht mir gehört. Da ist meine Mutter, die als kleines Mädchen das Essen verweigert. Das Einzige, was das kränkliche Kind mit den traurigen braunen Augen, in den seltenen Momenten, in denen es sich unbeobachtet wähnte zu sich nahm, war die geronnene Haut frisch gemolkener Milch. Eines Morgens erwischte die Mutter des Mädchens das kränkliche Kind, wie es ruhig, einvernehmlich und mit großem Appetit zusammen mit der Katze aus dem Napf aß. Die Mutter ließ sie – wenn auch nur dieses eine Mal – gewähren. Das Mädchen durfte ab diesem Zeitpunkt die Katze füttern und es dauerte nicht lange bis das sonderbare Kind wieder zu Kräften kam. Über die Jahre beschlich mich zunehmend das Gefühl, dass sich sowohl meine als auch die Erinnerungen meiner Mutter miteinander vermischt haben. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich dabei um kein Einzelphänomen handelt, lässt sich schlussfolgern, dass es mitunter schwer zu sagen ist, wem der Wahnsinn an Erinnerungen, die wir mit uns herumtragen eigentlich gehört. » Weltgedächtnis? « Vielleicht ist es auch präziser zu sagen, dass unsere Erinnerungen von der Gegenwart kolonisiert werden, anstatt von ihrem Besitz zu sprechen. Vielleicht speist sich auch aus dieser Annahme, mein eingangs erwähntes Unbehagen gegenüber dem Deutschen-Diktatur-Opfer-Denkmal in der Innenstadt. Denn wenn wir doch wissen, wie trügerisch und leidlich gegenwartsanfällig unsere Erinnerungen sind, dann sollten wir doch eine gewisse Sorgfalt bei der Auswahl unserer Denkmäler an den Tag legen. Es geht mir hier weniger um die kolossale Hässlichkeit der meisten Gedenkstätten in Deutschland. Viel wichtiger ist der gedankliche Akt, der durch den Sinn eines jeden Denkmals vollzogen wird. Nämlich eine nachträgliche Verunstaltung von Welt und Erlebten durch die Gegenwart – was in gewisser Weise nahezu jede Sekunde der Fall ist und ich frei vom Bart weg als la condition humaine beschreiben möchte. In unserem Fall handelt es sich um eine Verunstaltung von Welt durch die widersinnige Gleichsetzung zweier, in ihrer Qualität doch sehr unterschiedlichen, historischen Gegebenheiten: Der DDR und Nazi-Deutschlands. Das ist natürlich aus vielerlei Gründen ein ganz großer Schwachsinn! Und manchmal denke ich sogar, dass solche Geschmacklosigkeiten mit Absicht begangen werden. Wie zum Beispiel damals vor ein paar Jahren » Ich erinnere mich genau. « als das ZDF am Datum der Reichsprogromnacht passend eine heroische Reportage über den Deutschen Helden Rommel brachte. Zack! Einfach so! So etwas kannst du dir gar nicht ausdenken.