INTERVIEW: Die Zeit in den Dingen

– ein Gespräch über Gegenstände von gestern und was wir heute in ihnen sehen

Felix Henningsen arbeitet als Händler bei Goldstein & Co. einem Geschäft für hochwertige Möbel, Lampen und Einrichtungsgegenstände aus vergangenen Zeiten. Das Einrichtungskonzept des NBL-Eckladens hat er maßgeblich mitgestaltet. Als ausgewiesener Spezialist nahm er sich Zeit, um zu beantworten, warum wir uns so gern mit Dingen von gestern umgeben, sie am Leib tragen und in unserem Leben haben wollen.

Standort West (SOW): Glaubst du, die Gegenstände die du verkaufst tragen das, was um sie herum geschah als eine Art von Energie in sich?
Felix Henningsen (FH): Es gibt auf jeden Fall Kunden, die sich das so wünschen. Ich habe als kleines Kind auch daran geglaubt. Aber es ist vom Beobachter abhängig, mit welcher Energie sich der Gegenstand auflädt. Es ist ein schöner Gedanke. Das hier ist aber nicht die Winkelgasse (Anm.:Straße in der Romanreihe » Harry Potter « in der man Zauberei und Magiebedarf erwerben kann). Für mich gestaltet sich die Aura eines Gegenstandes über seine Geschichte.
SOW: Wie sieht diese Geschichte aus?
FH: Ich komme halt auch eher aus dem Designklassikerbereich. Ich schaue mir die Gestaltung der Dinge an, in welchem Kontext sie erschaffen wurden. Was damit gesagt werden wollte, als sie hergestellt wurden und was in dieser Zeit sonst noch erschaffen wurde. Ich schaue mir die Linie an, die Qualität und wie die Form des Gegenstandes den Raum definiert.
SOW: Du schaust, wie sich das Objekt zu seiner Erschaffenszeit verhält?
FH: Genau. Ich habe zuletzt mit Möbeln aus Italien zu tun gehabt, die zu einer Zeit entworfen wurden, in der alle Kunststoff verarbeitet haben und das Ehepaar, dass sie entworfen hat, arbeitete explizit mit Holz. Das ist eine Aussage. Das interessiert mich.
SOW: Wenn ich mir eine Uhr, die mal in einer Fabrik die Arbeitszeit vorgab, in die Küche hänge, tickt dann da auch der Geist der Arbeiterklasse?
FH: Auf jeden Fall! Aber das hat damit zu tun, dass es die Arbeiterklasse so nicht mehr gibt. Der Trend sich mit Industriedesign zu umgeben, rührt daher, dass wir immer weniger mit Produktion und greifbaren Herstellungsprozessen zu tun haben. Und eine Werkuhr oder ein Werktisch, der atmet Schweiß und die  Energie, das ist sehr greifbar. Während die perfekte Oberfläche eines iPhones so etwas gar nicht her gibt. In der postindustriellen Zeit ist es eine nostalgische Geste sich mit den Dingen zu umgeben, deren Kontext es im unmittelbaren Lebensumfeld nicht mehr gibt.

SOW: Ist es ein Symptom unserer Zeit, dass alte Möbelstücke und Gegenstände begehrt sind, weil wir mit dem rasenden Fortschritt nicht mithalten können und etwas suchen, das uns Halt gibt?
FH: Das kann man durchaus mit Ja beantworten wenn man möchte. (lacht) Das Auge ruht auf etwas, dass aufgeladen ist mit möglicherweise positiven Zeiten. Je gestresster man ist, desto mehr braucht man das und ein Blick zurück ist meistens schöner, als der in das Jetzt oder die ungewisse Zukunft. Aber ich habe auch mit Kunden zu tun, die sich niemals eine Werkuhr in ihre Wohnung hängen würden, weil sie dreißig Jahre unter so einer gearbeitet haben und damit nur Hass assoziieren. Ich glaube, die Leute sind nicht gehetzt von der Gegenwart, sondern so sehr drin, dass sie gar nicht mehr verstehen, wie schrecklich die Vergangenheit teilweise war. Es ist sehr süß, dass jemand der als IT-Systemelektroniker arbeitet romantisierend auf eine Werkuhr und den Betrieb schaut, aber der würde es da keine zwei Stunden aushalten.
SOW: Du hast eben von den Oberflächen gesprochen. Unsere Zeit ist sehr schnell und daher kommt eine Sehnsucht nach Dingen, die überdauern und gelebt haben.
FH: Das was wir als Patina oder gelebte Oberfläche beschreiben, das trägt Identität in sich und eine Vielschichtigkeit, die viele Menschen in ihrer Lebenswelt gar nicht mehr kennen.
SOW: Man könnte sich aber auch einen neuen Gegenstand anschaffen und ihm selbst Leben und erlebte Zeit geben.
FH: Absolut. Ich kann beide Wege an mir selbst beschreiben: Ich habe früher nur nach alten Sachen gesucht und mich mit gelebten Dingen umgeben. Bis mir mein Vater eines Tages eine Lederjacke gezeigt hat, die uralt aussah, weil er sie so lange getragen hat. Es hat etwas mit Wertigkeit zu tun. Die Instant-Patina, die es heute gibt, ist viel leichter zu haben und zur Zeit modischer, als in einen Lederwarenladen eine Jacke zu kaufen und die selbst mit den eigenen Spuren aufzuladen. Ich glaube hinzu kommt, dass der Alltag der Menschen heute so langweilig ist, dass es viel länger dauern würde, bis da Patina entsteht. Oder die Sachen halten gar nicht so lang, dass sie Spuren von Erlebtem tragen könnten.
SOW: Sind alte Möbel und Einrichtungsgegenstände eine Bestätigung dafür, dass
es ein Gestern gegeben hat?
FH: Sie sind auf jeden Fall eine Rückversicherung. Ich denke gerade in Leipzig ist es so, dass die Menschen mit einer in sehr kurzer Zeit sehr glatt sanierten Oberfläche umgeben sind. Deshalb greift man hinter den neuen Fassaden im Privaten auf alte Dinge zurück und fühlt sich vielleicht etwas sicherer. Das ist auch kein neues Symptom. Es war immer so, dass es irgendwo im Schrank das Geschirr der Urgroßmutter gab. Ein Erbstück als Rückversicherung der eigenen Identität.

SOW: Glaubst du, dass es früher, sagen wir im Mittelalter auch schon Handel mit alten Dingen gegeben hat?
FH: Ja, das gab es auf jeden Fall. Im Mittelalter war es den höheren Ständen vorbehalten, der Rest hat wahrscheinlich auf dem Feld gearbeitet. Die Idee der Reliquie zum Beispiel ist ja nichts anderes, als das Erhalten und Vorzeigen eines alten Gegenstandes. Das Konservieren und Weitergeben alter Dinge kommt auch aus der höfischen Tradition.

SOW: Mit der Reliquie kann der Adel bestätigen, wie weit seine Herrschaftslinie
zurückreicht. Die Weitergabe eines Erbstückes bestätigt die Zeit.
FH: Zeit und Identität. Zu wissen, dass ein Gegenstand schon früher von Menschen aus der eigenen Familie genutzt wurde ist identitätsstiftend. Heute umso mehr. Es gibt genug Leute, die sich als progressiv bezeichnen würden, aber den Hochzeitsring der Uroma tragen möchten.
SOW: Ist man als Händler von alten Gegenständen wertkonservativ?
FH: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Der Ansatz, den ich bei Goldstein & Co. mit vertrete lautet: Die alten Dinge, die wir anbieten, haben ein Qualitätsmerkmal. Sie sind seit 100 Jahren intakt und wir sorgen dafür, dass sie es weitere hundert Jahre sind. Wir holen das ja nicht von irgendwo, schmieren ein bisschen Lack drauf und verkaufen es wieder. Unser Ansatz ist, dass wir es wieder gängig machen. Wir glauben daran, dass Dinge keine Sollbruchstelle brauchen und genug Dinge existieren. Eine Wegwerfgesellschaft ist auch eine kranke Gesellschaft. Und deswegen halte ich mich nicht für strukturkonservativ, sondern für nachhaltig. Und ich bin ein sehr visueller Mensch. Auch als oberflächlich zu bezeichnen. Ich mag die guten Dinge. Jedes neue schöne Ding erfüllt mich und ich spüre eine emotionale Verbindung dazu. Und wenn ich dann noch weiß, dass es noch eine Weile hält bin ich zufrieden.

– TV –

Siehe auch:
www.goldstein-interieur.com und täglich ab 19.00Uhr im Eckladen.