FACETTEN – KUNST IM NOCH BESSER LEBEN

Facette /Substantiv, f./:

Bedeutungen: [1] eckige, geschliffene Fläche; eine der vielen Flächen eines geschliffenen Edelsteins [2] ein Teilaspekt; im übertragenen Sinne eines der vielen » Gesichter « einer Person, Sache oder Gegenstandes [3] Drucktechnik: Der Abdruck des Randes der Druckplatte beim Tiefdruck

Hans-Jörg Stiehler ist  Autodidakt und Amateur – er würde wohl ironisch die italienische Übersetzung dilettante anführen. Mitte der 1980er Jahre versuchte er sich zunächst an Materialcollagen. Recht schnell entdeckte er Glas als  Bildunterlage und Bildmittel: zerbrechlich, unregelmäßig zersplitternd, in unvorhersagbaren Formen zerfallend und dabei neue Ordnungen stiftend. Heute würden wir auf die Chaostheorie verweisen. Das Arbeitsprinzip: Gefärbtes Glas zerstören und neu arrangieren. Eher ironisch hat er das trümmerart genannt. Es geht also um Zerbrechen und instabile Lagen, Unordnung und Re-Ordnung, Überwindung von Destruktion durch (scheinbares) Re-Arrangement – ohne dass das Fragile verschwinden soll. Das könnte als Metapher für lebendige Vorgänge gemeint sein, kann aber auch viel profaner gesehen werden: als Bilder.
In der Ausstellung, Facetten, sind ausgewählte Arbeiten aus zwei Serien der letzten Jahre zu finden.
Die Serie Dark Matter (im Noch Besser Leben) umfasst Arbeiten auf/mit Glas aus den Jahren 2015 bis 2017. Der Titel nimmt zunächst Bezug auf die verwendeten Materialien: dunkle Pigmente, schwarze Lavasande. Der Titel meint aber ebenso jene Elementarteilchen, von denen das All bevölkert ist und die noch niemand gesehen hat, dunkle Materie. Schließlich die Bildlösungen: unirdische Landschaften, die sich aus dem schwarzen Abgrund zu erheben beginnen, sterbende Sterne, tote Sonnen und andere Objekte, die aus einem Atlas galaktischer Formen stammen könnten und doch in ihnen nicht zu finden sind.
Bei der Serien Farbspuren (im Eckladen) handelt es sich um Bilder ohne klare Linien und Flächen, aber voller Farbpartikel unterschiedlicher Dichte und Konsistenz. Ist es ein Bruch mit früheren Bildlösungen und Arbeitsformen? Auf den ersten Blick schon: nun traditionelle Malgründe, herkömmliche Bildlösungen – alles gerät (vorerst) zu Landschaften. Eine (nicht ganz) neue Technik, die in diversen Büchern schon beschrieben ist und den einstmals ausgebildeten Offsetdrucker aufleben lässt: Druck von eingefärbten Folien. Das Verbindende: den Zufall zum Mitgestalter werden zu lassen, auszutesten, was Farbe, Material und Technik an Lösungen zulassen.

Ausstellungen (Auswahl):
1991 Kunstverein Pikanta Leipzig: Zur gleichen Zeit (mit Rainer Schneeberger)
2006 Alte Börse im Schlachthof (mdr): unART (mit Werner Früh)
2011 Uni Leipzig, Fakultät für Lebenswissenschaften: Bildstörung
2017 unterholz (Leipzig): dark matter

Hans-Jörg Stiehler ist Jahrgang 1951 und Leipziger; er hat Sozialpsychologie studiert und war zuletzt als Professor am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig tätig.