DIE BEHAUPTUNG DER LINIE

oder die Zeit ist ein Treppenwitz der Geschichte

»Mahlzeit. Eine Marienerscheinung mehr oder weniger macht noch keinen Himmel, aber im ganzen gewaltig ist der Elan meines unaufgeklärten Jahrhunderts, das noch den Kot der assyrischen Großkönige abtastet nach Kohlenstoff vierzehn. «

Die Betrachtung der Zeit als linearen Zusammenhang, dessen optisch illusorischer Ausdruck der Zeitstrahl ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Das lächerlich kurze Augenzwinkern des bewohnbaren Klumpen flüssigen Gesteins, auf dessen außen fest gekühlter Kruste die Geschichte der Menschen stattfindet, stellt sich diesem sinnlich immer in geschlossenen Zyklen dar. Das Wiederkehrende ist das Gewohnte. Die morgendliche Wiederkehr der Sonne, der Kreislauf des Wassers, das Leben und Sterben der Tiere, all das gibt der Geschichte keinen Movens, zeigt keine Richtung auf, gibt keine Entwicklung vor. Wo kommen wir denn da hin? Zerfasern wir die Zerfaserung des Erlebbaren: Alle frühen Datierungssysteme waren immer Ausdruck einer Geschichte der Herrschaft. Alle Herrscher behaupten immer eine neue Zeit. Die Römer rechnen solang mit der Datierung ab urbe condita, seit der Gründung der Stadt, bis ein irrer Einzelner den Kalender zur Hure seines Narzissmus machte und die eigenen Lebensdaten als temporales Maß der Dinge festlegte. Im totalitären Kollektivismus des 20ten Jahrhunderts, der auf dem Fortschrittsfanatismus der Unterwerfung der Welt unter einem Denksystem und Schornsteine aufbaut, nimmt man die Wichtigkeit des eigenen Handelns schon im Gerede vorweg. Ich, in meiner Hellsicht weiß, dass ich der Begründer eines tausendjährigen Hitler-StalinHausens bin. Heute habe ich noch nichts geschafft, aber seid mir schonmal dankbar. Der Narzissmus rutscht auf die Zunge und will die Kalender für wennichmaltotbin vorsichtshalber schon drucken. An etwas Gedrucktem kann man sich festhalten. Vielleicht vergisst sonst einer, dass ich das Maß der Dinge war. Die vorgedruckten Kalender für in wennichmaltotbin sind eine Wiese voll Vergissmeinnicht. Die uniformierten Blumenmädchen der Hochzeit von  Narzissmus und Politik gehen ihrer eigenen Todesangst auf den Leim und wir hatten alle schon mal Blütenstaub auf der Frontscheibe. Das kann keiner ernstlich wollen. Denk mal über dein Wahlverhalten nach. Kein Mensch bei Verstand parkt im Frühjahr unter einer Linde. Dass das Heute auf ein Gestern und das Morgen auf ein Heute folgt und, dass dies etwas zu bedeuten hat, fußt auf einem bestimmbaren Geschichtsverständnis – dem der griechischen Polis. In der Gemeinschaft der Bürger wird nur das als Geschichte verstanden, was über die bloße Erhaltung der Art hinausgeht. Mit seinem Handeln Geschichte schreiben bedeutet etwas schaffen, das über das eigenen Leben hinaus deutet, die Behauptung der Linie gegenüber einer Welt aus den konzentrischen Kreisen der Natur. Geschichte ist die Aneinanderreihung großer Taten. Man kann nicht jeden Mist aufschreiben. Zum Geschichte schreiben braucht es Zeit. Jene, die damit beschäftigt sind, hungrige Mäuler zu stopfen, Dächer über Köpfen zu reparieren und Körbe zu flechten, sind die Voraussetzung der Heldentat. Müde lächeln die Hausmütter und Sklaven der großen Geschichtsschreiber aus der Küche auf die besoffenen Staatsträger, die in weiße Laken gehüllt, im Öllämpchenschein liegend fressen und pfeifen auf ihren Platz im  Geschichtsbuch. Würde die Plackerei nicht an uns hängen bleiben, könnte der Fette da auch nicht die Welt verändern. Stopft ihm doch endlich das Maul. Ja, nimm ruhig die  Trauben. Steck zwei in die Nase, dann zappelt er nicht so lang. Ich wünsche mir eine Welt, die keine Helden braucht. Die Geschichte der großen Männer ist immer beschäftigt, der Zeit einen Strich durch den Kreis zu machen, durch Handeln etwas in die Welt zu tragen, nach Außen wirksam zu werden, um sich selbst zu merken. Die buddhistische und hinduistische Vorstellung der Zeit und ihrer möglichen Transzendenz ist entgegengesetzt geartet: Dem ewigen Kreislauf des Biologischen, in dem man in einem Schlamassel aus Wiedergeburt und antihedonistischer Ethik feststeckt, ist nur nach Innen zu entkommen. Was heißt das? Augen zu und durch, statt immer durch und Augen zu: Vritti – das Wellenspiel, überwinden, um im Nirvana der ewigen Ruhe anzukommen. Ich hab aber keine Yogamatte. Hat aber auch gar nichts miteinander zu tun. Im Gegensatz zur festen Überzeugung der Hindunationalisten gabs vor 5000 Jahren noch keine Schaumgummimatten und stell dir vor, die haben sich den Kreislauf trotzdem bis kurz vor Atemstillstand gedrosselt. In der Kabbalah erscheinen und vergehen in jedem Augenblick tausend Engel der Geschichte und sie wissen nicht, ob sie Gestalt werden oder für immer unbemerkt im Geist wohnen müssen. Dagegen sind täglich zwanzig Minuten Meditation und in der eigenen Soße rumstochern der reinste Sonntagsspaziergang! Ich hab mal irgendwo gelesen, wir sollten den Stoffwechsel des Menschen mit der Natur rationell verregeln. Man weckt keine schlafenden marxistischen Gespenster, die den Kontinent nicht mehr interessieren. Wir haben nicht mehr 1848. Ende der Zerfaserung: Zwölf Liter Pudding im Schädel und kein sauberes Hemd im Schrank. Wohl dem, der seine Bedürfnisse kennt. Spoiler: Jesus war zur  Bergpredigt besoffen. Hör auf zu hetzen. Morgen haben wir Maschinen, dann haben wir auch gestern Zeit. Wer hat gesagt, dass alles relativ ist? Bin ich Physiker oder was. » Zeit ist das, was man an der Uhr abliest. « hat einer gesagt. War das nicht derselbe. Niemand hat das Recht zu behaupten, es müsse ihm besser gehen als seinen Eltern, aber jeder hat das Recht auf eine Uhr. Komm, im Hierundjetzt gibts noch zwei gute Plätze für kleines Geld. Ich frage: Ob du mit mir ein Eis essen gehst.