DENN GESTERN WAR HEUTE SCHON

… morgen

Wie oft habe ich schon überlegt, ob ich hinein gehe. Das Zögern an der Schwelle zur Bar ist ein letzter Trick zur Beruhigung der Moral. Die Entscheidung fiel schon Stunden vorher. Durch Erinnerungen an Schmerz, unterdrückten Trieb, aktuellen Stress, Mangel an Disziplin oder purem Egoismus. » Probleme «, die sich seit dem letzten Rausch im Inneren zu einem stinkenden Haufen aufgetürmt haben donnern wie eine Schlammlawine ins Tal des Draußen.

Doch Alkohol löst sie auf. Aus der schwarzbraunen Masse reckt sich ein bleicher Arm. Zeige- und Mittelfinger formen sich zu einem V als Zeichen zum Sieg über die Vernunft. Der Rausch: so verlockend. Für ihn getan muss nichts weiter getan werden, als ein Mittel durch den Mund in den Magen, in das Blut zu geben. Eine Substanz vermischt sich mit einer anderen und eine unwiderufliche Reaktion beginnt. Gib ihm die Hand und der Rausch gibt den Weg vor: Tür auf, rein in die Kneipe, ran an die Bar (Rinn mit dem Suff, raus aus dem Alltag*). Über Gespräche und Ideen, zu Verbrüderung und Feindschaft, zurück zu Ideen und Verbrüderung mit anderen. Wir sind alle eins. Selbst wenn nichts zu sagen ist, kann man  schweigend trinken. Was eint, ist das Mittel. Das wird als Freundschaft bezeichnet. Auf dem Tresen tanzen und reden die ganz großen Themen miteinander. Ohne große Frage nach Erlaubnis, und vor allem: kein Bock auf Anstrengung. Alles ist leicht. Alles ist erlaubt. Alles geht rein. Alles macht Sinn. Schöne 30 Minuten oder einmal die Augen mit den Lidern befeuchtet und es ist wieder hell. Vor dem Schritt heraus ins graue Fegefeuer des Tages noch eine letzte Nachricht an die Liebe: Wird später heute. Jeder dieser längeren oder kürzeren Wege führt in den Schlaf. Er macht aus dem Heute, das nie zu Ende gehen wollte ein Gestern, von dem man sich wünscht, dass es nie gewesen wäre. Nach kurzer Zeit: Erwachen. Mit dem Erwachen der Gedanke: War alles Lüge. Und die Gewissheit über das, was jetzt kommt, denn es ist nicht der erste Mal: Die befreiend klare Körperlichkeit eines 12-Stunden Kotzmarathons. Am Start: die Hoffnung, dass es nach der ersten Entleerung vorbei ist. Aber es geht erst los. Es folgt ein zweiter, dritter, vierter Gang, irgendwann bringt es nichts mehr zu zählen. Die Zunge fährt über pelzige Zähne. Wasser, dass man sich aus Angst vorm Kreislaufkollaps tröpfchenweise in den sauer schmeckenden Mundraum  einflößt wird am Mageneingang verweigert und fliegt sofort wieder raus. Dann ist auch die Gallenflüssigkeit alle. Panik, dass es diesmal wirklich zu viel war, stellt sich ein. Allumfassender Krampf des Willenlosen. Erschöpfung führt zur Akzeptanz, dass es zu Ende geht. Jetzt und hier. Abwechselnd frierend und schwitzend, zitternd, aus allen Körperöffnungen stinkend und leer. Jeder ernüchtert für sich allein. Ein vollständiger Sieg des Körpers über den Geist. Die Finger formen sich zu einem V. Draußen singen Kinder und klingen wie Sirenen beim ABC-Alarm. Die übernächste Nacht bricht an. Erlösung? Heute nicht.

-TV-

* Zitat aus dem Song » Mach ein Fass auf « von Mach One, Vork und Darn vom Album » Mach One Änze Nordzeitboys «, 2006